Dieser Artikel erschien am 16.08.2019 in der taz
Autor: Ralf Pauli

Initiative für Inklusion in Sachsen : Das Volk will’s inklusiv

Das Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen“ hat 50.000 Unterstützer*innen. Dennoch stehen die Chancen für ein längeres gemeinsames Lernen nicht gut.

Inklusives Lernen: Kinder mit besonderen Bedürfnissen und ihre MitschülerInnen fördern einander
Inklusives Lernen: Kinder mit besonderen Bedürfnissen und ihre MitschülerInnen fördern einander
©dpa

Diesen Erfolg kann dem Bündnis „Gemeinschafts­schule in Sachsen“ niemand mehr nehmen: Die Koalition, die nach der Land­tags­wahl in Sachsen am 1. September die Regierungs­geschäfte übernimmt, wird sich mit ihrem Gesetz­entwurf befassen müssen. Am heutigen Freitag über­gibt Bündnis­sprecher Burkhard Naumann dem CDU-Landtags­präsidenten in Dresden über 50.000 Unter­schriften, die das Bündnis seit November letzten Jahres für den Volks­antrag gesammelt hat.

Gereicht hätten auch 40.000, um das Thema längeres gemeinsames Lernen auch im Freistaat auf die politische Tages­ordnung zu setzen. Nun ist es da – und mit ihm wird derzeit ordentlich Wahl­kampf betrieben. Bislang sind Gemeinschafts­schulen in Sachsen nicht zugelassen. Und zwar selbst dann nicht, wenn sich Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen das wünschen.

Naumann und seine MitstreiterInnen wollen den Schulen die Möglichkeit geben, selbst zu wählen, ob sie SchülerInnen verschiedener Niveaus auch über Klasse vier hinaus unter einem Dach unterrichten wollen – oder eben nicht. Unter­stützt dabei werden sie unter anderen von SPD, Grünen und Links­partei, Verdi und der Bildungs­gewerk­schaft GEW. Ihr Gesetz­entwurf sieht ein „optionales Modell“ vor. Demnach würde der Beschluss von Schul­konferenz und Schulträger reichen, eine Gemein­schafts­schule zu gründen. Umgekehrt soll auch künftig niemand einer Schule das gemeinsame Lernen aufzwingen können.

Naumann hofft, so die Skepsis vieler Eltern und den Widerstand der CDU zu brechen, die Gemeinschafts­schulen bislang kategorisch ablehnen. Die Wahl­freiheit geben andere Bundes­länder ihren Schulen schon seit Jahren. Die Nachfrage nach der „Schule für alle“ scheint dies zu recht­fertigen. So hat sich die Zahl der Gemeinschafts­schulen in Deutschland zwischen 2007 und 2017 auf rund 2.100 verdreifacht. Zum Vergleich: Bundes­weit gibt es etwa 3.100 Gymnasien. „Beim Thema längeres gemeinsames Lernen ist Sachsen noch nicht sehr weit“, sagt Bündnis­sprecher Naumann der taz.

Sächsische CDU setzt auf Leistungs­stärke

Und das schiebt der Mitinitiator des Volksantrags vor allem auf die CDU, die das Land seit der Wende erst allein, dann in wechselnden Koalitionen regiert hat und ohne die eine Regierungs­bildung auch dieses Mal kompliziert bis unmöglich werden dürfte.

Tatsächlich hält die sächsische CDU nichts von Gemeinschafts­schulen. Statt­dessen setzt sie, wie das Wahl­programm verrät, weiter auf Gymnasien für die Leistungs­starken, Ober­schulen für die weniger Starken und Förder- und Sonder­schulen für die Abgehängten. In kaum einem anderen Bundes­land ist die Inklusions­quote so niedrig wie in Sachsen, bei gerade mal 33 Prozent. Bei Spitzen­reiter Bremen sind es fast 90 Prozent.

„Keine Experimente“, hat der CDU-Kultusminister Christian Piwarz im Wahlkampf mit Blick auf die Gemeinschafts­schulen verkündet. Piwarz begründet die Ablehnung mit dem guten Abschneiden der sächsischen SchülerInnen bei Bildungs­tests. So liegt deren Leistungs­niveau regel­mäßig über dem Bundes­schnitt, bei Lesen und in Mathe sind sächsische SchülerInnen oft in der Spitzen­gruppe. Aller­dings ist der Anteil der GrundschülerInnen, die es aufs Gymnasium schaffen, nur Mittel­maß. Und wegen des über­durch­schnittlich hohen Anteils an Förder­schülerInnen verlassen in Sachsen über­durch­schnittliche 8 Prozent der SchülerInnen ihre Schule ohne Abschluss.

Gemeinsames Lernen ist sinnvoll

Sabine Friedel erkennt hier dringenden Handlungsbedarf. „Wir sehen doch am Zulauf, den die Privat­schulen hier erleben, dass viele Eltern unzufrieden mit dem staatlichen Angebot sind“, sagt Friedel der taz. Deshalb unterstützt die bildungs­politische Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag Naumanns Volks­antrag. Dass ein längeres gemeinsames Lernen zu sehr guten Ergebnissen führt, hätten die neun Modell­schulen gezeigt, die ab 2007 auf Wunsch der SPD (die damals eben­falls mit der CDU koalierte) eingerichtet wurden.

Professor Wolfgang Melzer von der TU Dresden, der die Modellschulen wissenschaftlich begleitete, empfahl in seinem Abschluss­bericht an das CDU-geführte Kultus­ministerium, das zwei­gliedrige System aus Ober­schule und Gymnasium zu „flexi­bilisieren“ und um Gemeinschafts­schulen zu „ergänzen“. Unter Schwarz-Gelb (2009–2013) wurde das Modell­projekt jedoch eingestampft.

SPD-Politikerin Friedel sieht hier eine „ideologische Front“. Es sei „albern“, ein Projekt wissenschaftlich begleiten zu lassen und dann die Empfehlungen zu ignorieren. Wer nach der Wahl mit der SPD koalieren wolle, müsse der Änderung des Schul­gesetzes für die Gemeinschafts­schulen zustimmen, verspricht Friedel. Vielleicht träumt Friedel davon, dass es in Sachsen doch irgend­wie reicht für Rot-Rot-Grün. „Wir werden das Versprechen halten“, sagt sie jeden­falls. Das sei sie allein den neun Modell­schulen schuldig, die gern als Gemeinschafts­schulen weiter­gemacht hätten.

Erweiterungsstunde für starke SchülerInnen

So wie die Parkschule Zittau, einer Kleinstadt im Drei­länder­eck mit Polen und Tschechien. Schul­leiter Werner Dietzschkau klingt fast ein bisschen trotzig am Telefon: „Wir dürfen offiziell keine Gemeinschafts­schule mehr sein, machen aber weiter wie bisher.“ Das heißt: An der Parkschule werden nicht die schwächeren SchülerInnen gefördert, sondern die besonders guten. Ab Klasse fünf mit einer „Erweiterungs­stunde“ in Mathe und einer in Deutsch. Ab der siebten Klasse dann als „Erweiterungs­kurse“, auch in Englisch.

So hätten überdurchschnittlich viele SchülerInnen nach der Klasse neun noch ein Jahr angehängt, um einen Real­schul­abschluss zu machen. Die Leistungen der guten SchülerInnen sei im Vergleich zu früher nicht abgesunken. Viele SchülerInnen der Parkschule hätten dann auch den Über­tritt ins Gymnasium geschafft. „Die Ergebnisse sprechen für sich“, sagt Dietzschkau. „Das ist auch der Grund, warum wir extremen Zulauf hatten.“ Jedes Jahr hätte die Parkschule 20 bis 30 SchülerInnen ablehnen müssen. Natürlich würde er sich freuen, wenn die Gemein­schafts­schule formell eingeführt würde. Dann könnte er auch Erweiterungs­kurse für das Gymnasial­niveau einführen.

AfD lehnt Gemeinschafts­schule ab

Ob die Gemeinschaftsschule kommt, ist jedoch höchst unsicher. Denn neben der CDU lehnt sie auch die AfD strikt ab. „Der schleichenden Abschaffung verschiedener Schul­formen und der Entwicklung hin zur nivellierenden Einheits­schule bis zur Klasse 10 muss Einhalt geboten werden“, heißt es im Wahl­programm. Gleich­zeitig strebt die AfD wider­sprüchlicher­weise ein „längeres gemeinsames Lernen bis zur Klasse 8“ an.

Für den Volksantrag sieht es also nicht allzu rosig aus. Allerdings gibt es für das Bündnis noch einen anderen Weg: Sollte der Antrag im Landtag keine Mehrheit finden, bliebe als nächster Schritt eine Volks­abstimmung. Sie wäre ein Novum in Sachsen. Nötig wären dann aber 450.000 Unterschriften. Burkhard Naumann glaubt, dass das zu machen ist.