Leistungsbeurteilung : Das sagt die Wissenschaft über Noten

Noten müssen nicht sein – manche Schulen zeigen, dass es längst alternative Formen der Leistungs­beurteilung gibt. Doch was sagt die Wissen­schaft zu dem Thema? Das Schul­portal stellt ausgewählte Erkenntnisse vor.

Antje Tiefenthal / 30. Oktober 2018
Ein Zeugnis mit einigen Fachnoten.
Das klassische Notenzeugnis – was sagt die Wissenschaft dazu?
©dpa

Es könnte so schön simpel sein: Wer in Biologie eine Eins auf dem Zeugnis hat, erbringt sehr gute Leistungen in diesem Fach. Eine Zwei in Geschichte ist gut und mit einer Drei in Mathe gehören Schülerinnen und Schüler zum Mittelfeld. Doch so simpel ist es nicht. Denn genau dieses System – die Leistungsbewertung mit Zensuren von Eins bis Sechs – steht regelmäßig in der Kritik. Bereits seit vielen Jahren kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder zu dem Schluss, dass diese Form der Leistungsbeurteilung nicht mehr die Anforderungen an eine differenzierte Beurteilung von Schülerleistungen erfüllt.

Soziale Faktoren wirken sich auf Notengebung aus

Noten-Befürworter argumentieren oft, dass Zensuren gerecht sind: Wer sich anstrengt und viel leistet, erntet auch viel für seine Mühen. Dabei soll nicht die Herkunft über den Zugang zu Universitäten oder anderen Ausbildungsstätten entscheiden, sondern in erster Linie die Leistung, erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem Beitrag „Das Dilemma mit den Schulnoten“. Doch die Forscher Franz Baeriswyl, Kai Maaz und Ulrich Trautwein belegen in ihrer 2012 publizierten Studie „Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule“, dass die Wirklichkeit von diesen Idealvorstellungen abweicht. Das zentrale Ergebnis ihrer Untersuchung lautet: „Die Herkunft wird mitzensiert.“ Die Bildungswissenschaftler gehen davon aus, dass eine wirklich unabhängige Leistungsmessung ein „stets unerreichbares Leitziel“ bleibt.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen die Internationale Grundschul-Leseuntersuchung (IGLU) unter der wissenschaftlichen Leitung von Bildungsforscher Wilfried Bos. Die IGLU-Studie untersucht das Leseverständnis von Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse im internationalen Vergleich. Dabei analysieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anhand von Merkmalen wie Geschlecht, soziale Herkunft, Migrationsstatus, Lehr- und Lernbedingungen die Lesekompetenzen der Kinder. Bos weist mit den IGLU-Studien nach, dass die Herkunft Schulkarrieren prägt: Noten und tatsächliche Leistung korrelieren nur bedingt. Stattdessen spielt die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler eine wichtige Rolle. Das wirkt sich insbesondere bei Übergangsentscheidungen von der Grundschule in die Sekundarstufe I aus – zum Beispiel mit dem Effekt, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien trotz gleicher Leistungen weniger häufig eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aus Familien mit einem höheren sozialen Status.

Noten sind nicht immer objektiv

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch die Wissenschaftlerinnen und Forscher um den Pädagogen Hans Brügelmann. Das Team hat sich bereits 2006 mit der Frage auseinandergesetzt, ob Noten nützlich und nötig sind. In ihrer Analyse finden die Expertinnen und Experten klare Worte: „Ziffernnoten sind immer noch die häufigste Form formeller Leistungsbewertung in der Schule. Aber die Forschung zeigt seit langem: Noten sind nicht in der behaupteten Weise für das Lernen nützlich und sie sind erst recht nicht nötig. Sie betonen einseitig die Bewertungsfunktion – können aber auch diese wegen ihrer mangelnden Aussagekraft, Vergleichbarkeit und Objektivität nicht angemessen erfüllen.“ Empirische Belege dafür, dass Noten objektiv – also personenunabhängig – sind, haben die Expertinnen und Experten nicht finden können.

Über neue Wege der Leistungsbeurteilung berichtet das Schulportal regelmäßig. Viel Spaß beim Lesen!

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