Erfahrungsberichte : „Das Referendariat war für mich ein Sprung ins kalte Wasser“

Als „Praxisschock“ wird die zweite Phase der Lehramtsausbildung häufig bezeichnet. Das Schulportal hat Referendarinnen und Referendare in verschiedenen Bundesländern befragt, wie sie den sogenannten Vorbereitungsdienst an der Schule erleben. Fühlten Sie sich durch das Studium gut vorbereitet? Werden sie in dieser Phase ausreichend betreut und beraten, und was würden sie sich anders wünschen?

Regina Köhler / 26. November 2020
Ein Sprungbrett spiegelt sich im Wasser
Als einen Sprung ins kalte Wasser empfinden viele Lehramtsstudenten das Referendariat. Viele wünschen sich, dass sie an der Uni stärker auf das Unterrichten vorbereitet werden.
©Jan Woitas/dpa

Wenig vorbereitet auf den Umgang mit förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern

Tobias Plüschke, 29, studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen von 2013 bis 2019 die Fächer Geografie, Philosophie und Chemie auf Lehramt. Seit August 2020 ist er im Vorbereitungsdienst an der Hagenbeck-Schule in Berlin.

Tobias Plüschke
©Privat

„Ich habe im Dezember 2019 mein Studium abgeschlossen, dann als Getränkelieferant gejobbt, bis ich im August dieses Jahres endlich mein Referendariat antreten konnte. Das Referendariat war für mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte zwar an der Universität etwas über Unterrichtsgestaltung und Didaktik gehört, auf den Umgang mit förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern hätte ich aber besser vorbereitet werden können.

An meiner Schule lernen viele Kinder mit Förderbedarf. In einer siebten Klasse, in der ich Ethik unterrichte, sind es beispielsweise von 26 Schülerinnen und Schülern sieben. Drei davon sind verhaltensauffällig. Ich versuche jetzt, mit dieser Situation umzugehen und mir entsprechende Konzepte anzueignen, um den Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. Das kostet viel Kraft.

Hinzu kommt, dass ich meist allein vor der Klasse stehe. Dabei sieht das inklusive Schulkonzept eigentlich vor, dass die Lehrkräfte im Unterricht von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern unterstützt werden. Die fehlen aber an unserer Schule. Kolleginnen und Kollegen, die mich unterstützen könnten, müssen häufig Vertretungsunterricht übernehmen, sodass ich am Ende meist allein dastehe.

Ein anderes Problem ergibt sich für mich daraus, dass ich eigentlich für den Einsatz in der Oberstufe ausgebildet worden bin. An der Hagenbeck-Schule gibt es aber keine Oberstufe. Ich unterrichte daher vor allem in siebten und achten Klassen. Das ist neu für mich, ich brauche deshalb viel Unterstützung. Die Kolleginnen und Kollegen helfen mir zwar, so gut sie können, sind aber alle selbst sehr eingespannt. Auch meine Seminarleiter können mich nur bedingt beraten. Beide unterrichten an einem Gymnasium und sind mit den Problemen an einer Sekundarschule nicht so vertraut.

Im kommenden Halbjahr werde ich allerdings zusätzlich an einer Schule mit Oberstufe unterrichten können. Darauf freue ich mich schon.“

Wunsch nach mehr Individualisierung in den Seminaren

Christine Adam, 28, studierte von 2011 bis 2019 Germanistik und Theologie auf Lehramt an der Ruhr-Universität Bochum und Kunst an der Technischen Universität Dortmund. Seit November 2019 ist sie im Referendariat an der Matthias-Claudius-Schule Bochum.

„Ich wollte schon immer Lehrerin werden. Ich arbeite gerne mit Kindern und Jugendlichen, und es macht mir Spaß, mich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten.

Während des Studiums habe ich bei einem Bonner Start-up als Trainerin für ,Visuelles Lernen‘ gearbeitet. Wir haben Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland Präsentationsworkshops angeboten. Diese Arbeit hat mir sehr geholfen, meine Lehrerpersönlichkeit zu formen. Ich konnte üben, auf Schülerinnen und Schüler einzugehen, also eine Schüler-Lehrer-Beziehung aufzubauen. Das hat meine positive Haltung gegenüber dem Beruf gestärkt und mir den Einstieg ins Referendariat erleichtert.

Christine Adam
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Der Übergang von der Uni an die Schule bedeutet eine deutliche Umstellung. Als Lehrkraft agiert man ständig mit anderen, ist kontinuierlich aufmerksam, stellt Unterrichtsmaterialien zusammen. Auf diese Herausforderungen kann man nicht wirklich vorbereitet werden, da sie mit individuell ganz unterschiedlichen Kompetenzen gemeistert werden können. Es wäre aber hilfreich, wenn angehende Lehrkräfte an der Universität etwas stärker mit Konzepten zur Selbstorganisation vertraut gemacht würden, um sich im neuen System Schule gut zurechtfinden zu können.

Ich bin froh, dass ich mein Referendariat an der Matthias-Claudius-Schule absolvieren kann, weil ich hier miterlebe, wie Inklusion gelingen kann. An der Universität haben wir nur theoretisch gelernt, mit vielen verschiedenen Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Das lerne ich jetzt und werde dabei vom gesamten Kollegium und meiner Mentorin sehr gut unterstützt. Gut finde ich auch, dass immer ausreichend Zeit ist, nach dem Unterricht zu besprechen, was gut gelaufen ist oder verbessert werden kann.

Für das Seminar wünsche ich mir eine stärkere Individualisierung. So könnten etwa die Anzahl der Unterrichtsbesuche und die Auswahl der Themen viel mehr am Bedarf jedes und jeder Einzelnen von uns ausgerichtet werden.“

Erfahrungen als Vertretungslehrkraft haben geholfen

Julian Brock, 29, studierte an der Universität Duisburg-Essen Lehramt Evangelische Religion und Sport für die Sekundarstufe I. Im November 2019 begann er mit seinem Referendariat an der Matthias-Claudius-Schule in Bochum, einer evangelischen Gesamtschule.

„Ich darf mein Referendariat an meiner Wunschschule machen. Darüber bin ich sehr froh. Das inklusive Konzept der Matthias-Claudius-Schule interessiert mich sehr. Es sind ganz neue Erkenntnisse, die ich hier beim Unterrichten machen kann. Als sehr angenehm empfinde ich auch die Wertschätzung, die das Kollegium meiner Arbeit entgegenbringt. Mir steht nicht nur mein Bezugslehrer hilfreich zur Seite, ich kann auch die anderen Kolleginnen und Kollegen jederzeit um Rat fragen. Diese Atmosphäre hat mir den Übergang von der eher theoretischen Ausbildung an der Uni zur Praxis an der Schule sehr erleichtert. Außerdem half mir, dass ich schon während des Studiums als Vertretungslehrkraft gearbeitet habe. Ich habe gelernt, vor einer Klasse zu stehen, Unterricht zu planen, sicher vor den Schülerinnen und Schülern aufzutreten. Rückblickend kann ich sagen, dass ich in dieser Zeit wichtige Kompetenzen erworben habe, die mir den Start ins Referendariat erleichtert haben.

Während des Studiums wurde uns vor allem Fachwissen vermittelt. Ich fühle mich deshalb gut gerüstet dafür, Wissen weiterzugeben. Dennoch hätte ich mir mehr schulnahe Seminare gewünscht, mit dem Fokus auf das Unterrichten.“

Unterrichtsmethoden kamen im Studium zu kurz

Lea Wilsdorf, 27, absolvierte ein Kunststudium auf Lehramt an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München sowie an der Akademie der Bildenden Künste München. Ihr Referendariat begann im Februar 2020, derzeit ist sie am Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen in Bayern.

Lea Wilsdorf
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„In Bayern findet das zweijährige Referendariat an verschiedenen Schulen statt. Ich habe im Februar am Wittelsbacher Gymnasium München mit meinem Referendariat begonnen. Jetzt bin ich am Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen. Ich erfahre hier viel Wertschätzung vom Kollegium und habe eine Mentorin, die mich sehr unterstützt.

Nach sechs Jahren Studium war der Übergang in die Praxis für mich zunächst recht anstrengend. Inzwischen habe ich die Schülerinnen und Schüler aber schon besser kennengelernt, und es macht mir Spaß, zu unterrichten. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass wir an der Universität mehr Gelegenheit gehabt hätten, praktische Erfahrungen zu machen. Ich hätte gern mehr über Unterrichtsplanung oder Unterrichtsmethoden gehört. Unterrichtsgestaltung war erst mit Beginn des Referendariats ein Thema.

Das Studium an der LMU war vor allem auf die Vermittlung von Fachwissen ausgerichtet und wenig darauf, wie es ist, als Lehrerin oder Lehrer vor der Klasse zu stehen. An der Akademie der Bildenden Künste war die Ausbildung aber deutlich praxisbezogener. Ich hatte die Möglichkeit, in verschiedenen Gruppenprojekten Erfahrungen zu sammeln. Das hat mir sehr geholfen, meine Lehrerpersönlichkeit zu entwickeln.

Was ich mir jetzt wünsche, wäre ein engerer Kontakt zu meinen Seminarlehrerinnen und Lehrern in München und mehr Seminartage, um mich mit den anderen aus der Gruppe austauschen zu können.“

Mehr zum Thema

Ist die zweite Phase der Lehramtsausbildung noch zeitgemäß? Das Schulportal hat das Referendariat für angehende Lehrkräfte in verschiedenen Beiträgen in den Blick genommen.

  • In einem Gastbeitrag beschreibt Tim Kantereit, Ausbilder und Herausgeber von „Hybrid-Unterricht 101“, welche Schwachstellen die Corona-Pandemie im Referendariat deutlich gemacht hat und wie sich diese Ausbildungsphase jetzt ändern sollte.
  • Bildungsexperte Manfred Prenzel stellte im Interview mit dem Schulportal die Trennung zwischen erster und zweiter Phase in der Lehrerausbildung grundsätzlich infrage.
  • In einer großen Infografik haben wir veranschaulicht, wie unterschiedlich die Lehrerausbildung in den Bundesländern aussieht. Der ehemalige Staatssekretär Mark Rackles spricht im Interview über Wege aus der föderalen Sackgasse.