Dieser Artikel erschien am 24.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Larissa Holzki

Elternmitwirkung in der Schule : „Das Gejammer ist nur eine Marotte“

Eltern mit höherem Bildungs­grad haben häufiger den Anspruch, im Schul­all­tag mit­zureden, sagt ein engagierter Vater.

Portrait von Korhan Ekinci
Korhan Ekinci, 38, ist Wirtschaftsinformatiker und Unternehmensberater. Der Vorsitzende des hessischen Landeselternbeirats ist Vater von zwei Kindern. Er wurde in Berlin geboren und hat türkische und griechische Wurzeln.
©Korhan Ekinci

Korhan Ekinci ist so etwas wie ein Muster­papa: Aus dem Arbeiter­sohn mit Haupt­schul­empfehlung wurde ein diplomierter Wirtschafts­informatiker und der Vorsitzende des Landes­eltern­beirats in Hessen. Er sagt, Bildung darf nicht vom Eltern­haus abhängen. Aber dürfen sich Eltern deshalb ganz aus der Schule raus­halten? Oder müssen sie es sogar?

SZ: Herr Ekinci, Ihre Tochter geht auf eine integrierte Gesamt­schule. Wie viele Eltern kommen zum Eltern­abend?
Korhan Ekinci: In der zweiten Klasse fast alle. Wenn die Kinder älter und selbständiger werden, wird das erfahrungs­gemäß weniger. Aber das Gejammer, och nee, schon wieder Eltern­abend, ist doch auch nur so eine Marotte. Die meisten gehen da ganz gerne hin.

Gilt das auch für Eltern mit Migrations­geschichte?
Die Nationalität spielt beim Eltern­engagement keine Rolle. Es ist aller­dings auf­fällig, dass Eltern aus einem bildungs­fernen Umfeld sich weniger beteiligen. Anders­rum gesagt: Eltern mit höherem Bildungs­grad haben häufiger den Anspruch, im Schul­all­tag mitzu­reden.

Für Elternarbeit haben Lehrer eigentlich keine Zeit
Wenn Eltern dringend mit der Klassen­lehrerin sprechen wollen, muss sie die Zeit dafür meist von ihrer Frei­zeit abknapsen. Eltern­arbeit leisten Lehrer­innen und Lehrer in Deutsch­land weit­gehend frei­willig. Zwar müssen sie jede Woche eine bestimmte, je nach Bundes­land unter­schiedlich hohe Zahl von Unter­richts­stunden ableisten, wie sie sich ihre übrigen Aufgaben einteilen, ist aber ihre Sache – mit Aus­nahme von Pflicht­terminen wie Konferenzen und wenigen Eltern­sprechtagen im Jahr.

Niemand kontrolliert, wie viel Zeit Lehrer dafür auf­wenden, ihren Unter­richt vor­zu­bereiten, Haus­auf­gaben zu korrigieren, Klassen­arbeiten zu konzipieren und zu bewerten oder Gespräche mit Eltern und Schülern zu führen. Faulenzen können sie aber eher nicht. Wie knapp die Zeit bemessen ist, zeigt das Beispiel Hamburg. Dort hat das Kultus­ministerium eine Beispiel­rechnung für die Zeit­kontingente der Lehrer aufgestellt. Demnach hat ein Englisch­lehrer für die Haus­auf­gaben­kontrolle in einer siebten Klasse jede Woche eine halbe Stunde Zeit: pro Schüler eine Minute, um Fehler zu finden, zu verbessern und zu protokollieren – und im besten Fall auch noch zu erkennen, ob sie der Flüchtig­keit geschuldet sind oder die Grammatik noch nicht sitzt. Nur wenn ihm das gelingt, er zudem Unter­richts­stunden in nur 15 und Klassen­arbeiten in nur 60 Minuten vorbereitet, bleibt ihm noch eine halbe Stunde übrig, um mit Eltern und Schülern über ihre Anliegen und Sorgen zu sprechen – in einer 46,57-Stunden­woche wohl­gemerkt, weil sie trotz der Schul­ferien genauso viel arbeiten müssen wie andere Beamte.

In fast allen Bundesländern haben Gymnasial­lehrer weniger Pflicht­stunden als ihre Kollegen an Grund-, Haupt- oder Real­schulen. Zwar fallen an diesen Schulen wo­möglich die Aufsätze kürzer aus, der Gesprächs­bedarf dürfte jedoch nicht kleiner sein. In Mecklen­burg-Vorpommern bekommen Klassen­leiter an Grund­schulen pro Woche 30 Minuten für Eltern­gespräche auf ihre Pflicht­stunden angerechnet. Leiten sie die ganze Schule, kommt noch eine Stunde dazu.
Larissa Holzki

Wie viel Engagement ist denn notwendig?
Solange wir engagierte Eltern brauchen, damit unsere Kinder gut betreut werden und gute Bildung bekommen, werden wir die Schere zwischen denen mit einem bildungsfernen und denen mit einem akademischen Hintergrund niemals schließen. Das geht nur, wenn allein das Kind mit seinen Fähigkeiten für seinen Bildungserfolg verantwortlich ist.

Heißt das: Ganztagsschule bis fünf – und nie wieder Bruchrechnen mit Papa?
Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem unsere Kinder fern von äußeren Einflüssen – und dazu zähle ich auch die Familie – ihr Potenzial entfalten können. Qualifizierte Lehrkräfte und Sozialpädagogen müssen von morgens bis nachmittags ein ordentliches Bildungsangebot geben, sodass die Kinder zu Hause nichts mehr für ihre Bildung tun müssen. Zu Hause ist Freizeit, Familienzeit, Quality time.

Sie erwarten viel. Lehrer klagen, sie müssten mittlerweile auch noch Erzieher sein.
Aus Kindern Erwachsene zu machen, die sich benehmen können, ist ganz klar Aufgabe des Elternhauses. Die Schule kann ihnen nicht beibringen, dass sie mit geschlossenem Mund essen und Menschen respektieren sollen, egal welchen Geschlechts. Das ist eine Grundlage, auf der Bildung erst stattfinden kann.

Also doch Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule?
Ich würde es Choreografie nennen. Der Leiter eines nord­hessischen Gymnasiums hat mir erzählt, seine Lehrer hätten im letzten Schul­jahr kein einziges Eltern­gespräch führen müssen, weil ein Kind sich nicht benehmen konnte. Wie geht das? Die Schule macht den Eltern ab der fünften Klasse klar, dass sie die Ursachen für falsches Benehmen bei ihnen suchen wird. Wenn die Kinder auf der Schule bleiben wollen, müssen die Eltern etwas dafür tun.

In Taunusstein machen die Schulen schon den Kinder­gärten konkrete Vor­gaben, was Erst­klässler können müssen.
Ja, das ist das Taunus­steiner Modell: Im letzten Kinder­garten­jahr wird Schleife­binden und all so was geübt. In Eltern­gesprächen werden Check­listen durch­gegangen. Und wenn etwas fehlt, heißt es: Eltern, ihr habt Haus­auf­gaben.

Was machen Sie, falls die Schule wirklich einmal ohne Eltern­arbeit funktioniert?
In einer idealen Welt organisiere ich nur noch Schul­feste. Aber vorher sammeln wir jetzt erst mal Hinweise, wie viel Unter­richt in Hessen ausfällt – anonym, weil einige Schul­ämter Druck aus­üben. Und wir fordern, dass Seiten­ein­steiger nach zwei Jahren pädagogische Kenntnisse nach­weisen müssen.