News-Update zum Coronavirus : Schulschließungen und die Folgen

Alle Schulen in Deutschland sind inzwischen geschlossen, es gibt nur noch eine Notbetreuung. Manche sprechen jetzt von „Corona-Ferien“, viele Lehrkräfte versuchen aber den Unterricht aus der Ferne fortzuführen – auf digitalem Weg oder mit analogen Arbeitsblättern. Und was ist mit den anstehenden Prüfungen? Das Schulportal zeigt den aktuellen Stand am Tag eins der bundesweiten Schulschließungen.

Annette Kuhn / 18. März 2020
Schild mit Aufschrift Tschüss! wegen Schulschließungen
Eine Grundschule in Frankfurt hat sich am Montag von den Kindern verabschiedet. Die Schulschließungen sind seit heute bundesweit umgesetzt.
©Arne Dedert/dpa

Seit dem heutigen Mittwoch sind alle Schulen bundesweit geschlossen. Brandenburg war das einzige Bundesland, in dem die Schülerinnen und Schüler noch am Montag und Dienstag Unterricht hatten. Mit den Schulschließungen wollen die Bundesländer der rasanten Ausbreitung des Coronavirus entgegenwirken. Und wie geht es jetzt weiter?

Die flächendeckenden Schulschließungen stellen Millionen Familien und Tausende Schulen vor große Herausforderungen: Notbetreuung, Fortsetzung des Unterrichts, Abschlussprüfungen – für all das müssen Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern jetzt Lösungen finden.

Nur Notbetreuung in der Zeit der Schulschließungen

Als die Bildungsbehörden Ende der vergangenen Woche nach und nach verkündeten, dass ab dieser Woche wegen der Corona-Pandemie die Schulen geschlossen werden, war klar, dass es während der Schulschließungen nur eine sehr stark eingeschränkte Betreuung geben würde. Gedacht ist sie in allen Bundesländern für Kinder, deren Eltern in sogenannten „systemrelevanten“ Berufen arbeiten, also etwa in der Pflege, in medizinischen Einrichtungen, bei Polizei, Justiz oder Feuerwehr.

Alle anderen Erziehungsberechtigten müssen die Betreuung selbst übernehmen, auch wenn sie Vollzeit arbeiten. Wobei die Gesundheitsbehörden ausdrücklich darauf hinweisen, dass Großeltern, die sonst häufig in einer Notlage einspringen, wegen ihrer besonderen Gefährdung jetzt nicht helfen sollten. Der Virologe Christian Drosten hat außerdem davor gewarnt, dass neue Infektionsketten entstehen könnten, wenn die Notbetreuung in der Zeit der Schulschließungen zentral organisiert wird oder wenn Eltern sich nun zusammenschließen und eigene Betreuungsgruppen aufbauen. Das bedeutet allerdings, dass die Eltern im Home-Office arbeiten und im ständigen Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung stehen.

Eltern sehen sich in Rolle von Hilfslehrkräften

Und viele Eltern sehen sich nun zusätzlich auch noch in der Rolle von Hilfslehrkräften. Denn die Kinder brauchen ja zu Hause eine Lernstruktur. Und sie müssen überhaupt erst einmal mit Lernmaterial versorgt werden. Das wird von Schule zu Schule sehr unterschiedlich gehandhabt, und es gibt von den Kultusministerien auch unterschiedliche Vorgaben.

Manche Bundesländer arbeiten zum Beispiel schon lange mit Lernplattformen. In Berlin bietet die Senatsverwaltung für Bildung den „Lernraum Berlin“ an, in dem Materialien für die meisten Schulfächer zur Verfügung stehen. Aktuell sind nach Angaben des Senats 460 Berliner Schulen von insgesamt 773 im Lernraum aktiv. Für Lehrkräfte, die jetzt in der Zeit der Schulschließungen erst einsteigen wollen, hat die Seite eine eigene Anleitung bereitgestellt.

Lernplattformen sind während der Schulschließungen überlastet

Das 2014 in Bayern eingeführte Online-Angebot Mebis nutzen bereits 4.200 von insgesamt 6.182 Schulen. Zu Mebis gehört eine Lernplattform, über die Lehrkräfte digital gestützten Unterricht organisieren können – von der Aufgabenstellung über den Chat bis zur Testerstellung. Auch Tafelbilder sowie Material aus der umfangreichen Mediathek und dem Prüfungsarchiv können hier integriert werden.

Schulen in anderen Bundesländern nutzen die Lernplattform Moodle, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt oder in Mecklenburg-Vorpommern. Auch in Baden-Württemberg haben bereits vorher Schulen mit der Plattform gearbeitet, jetzt sollen alle Schulen im Land während der Zeit der Schulschließungen die Möglichkeit dazu haben. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte am Montag gesagt, ihr Ministerium hätte dazu „kurzfristig über das Wochenende die Möglichkeit geschaffen“.

Auch itslearning ermöglicht Schulen, während der Schulschließungen digital zu arbeiten. In Bremen und Schleswig-Holstein arbeiten Schulen zum Beispiel mit diesem Programm.

Austausch über Online-Tools in den sozialen Netzwerken

Weil aber plötzlich der Bedarf so groß ist und viele Schulen, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler auf die Plattformen zugreifen, sind sie derzeit völlig überlastet und daher nicht immer verlässlich erreichbar. Die Plattform Mebis wurde zudem am Montag von Hackern für einige Stunden lahmgelegt.

Viele Schulen haben auch eigene Schulclouds, über die sie ihre Schülerinnen und Schüler erreichen. Und in den sozialen Netzwerken tauschen sich Lehrerinnen und Lehrer derzeit darüber aus, mit welchen Online-Tools sie am besten arbeiten.

Der Unterricht über Lernplattformen und Apps ist allerdings auch nicht die einzige Form, Kinder und Jugendliche während der Schulschließungen mit Lernstoff zu versorgen. Zudem haben nicht alle zu Hause die technischen Voraussetzungen dafür. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben den Schülerinnen und Schülern am letzten Schultag vor der Schließung ganz analog Arbeitsblätter mitgegeben oder entsprechende Unterlagen über den Elternbrief verschickt, andere senden Aufgaben über Chatgruppen aufs Smartphone.

Während der Schulschließungen den Lerntag zu Hause strukturieren

Und mancherorts findet offenbar auch gar nichts statt. In einem Brief an Schulleitungen und Lehrkräfte, der dem Schulportal vorliegt, hat der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) geschrieben: „Wir haben uns dafür entschieden, dass der Unterricht in den nächsten zwei Wochen ersatzlos ausfällt und Schülerinnen und Schüler nicht mit Arbeitsmaterial versorgt werden müssen. Selbstverständlich können Sie das aber tun, eine Bewertung findet gleichwohl nicht statt.“

Die Versorgung mit Lerninhalten ist allerdings nur ein Aspekt, um das Lernen während der Schulschließungen weiterzuführen. Auch wenn der Lernstoff bei den Schülerinnen und Schülern ankommt, ist damit noch nicht gesagt, dass sie tatsächlich lernen. Wichtig ist dafür, dass sie zu Hause ihren Lerntag strukturieren. Viele Kinder und Jugendliche sind dabei auf Unterstützung angewiesen. Der Schweizer Lehrer und Autor Philippe Wampfler empfiehlt in seinem Youtube-Kanal DigiFernunterricht daher, dass Lehrerinnen und Lehrer unbedingt den direkten Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern halten, zum Beispiel durch regelmäßige Telefongespräche oder Video-Meetings.

Eltern haben andere Beziehungen als Lehrkräfte zu den Kindern und sollten authentisch in ihrer Rolle bleiben.
Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbands

Eltern allerdings sind nicht unbedingt geeignet, eine Lernstruktur zu schaffen. Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbands, gibt zu bedenken, „dass Eltern zu Hause nicht den Schulunterricht ersetzen oder simulieren können. Sie haben andere Beziehungen als Lehrkräfte zu den Kindern und sollten authentisch in ihrer Rolle bleiben“.

Ähnlich äußert sich auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV): Man könne nicht erwarten, dass Eltern jetzt zu Lehrkräften würden. Es gebe ja auch viele Familien in schwierigen Verhältnissen, in denen niemand die Kinder zum Lernen anhält und die nicht einfach vom Rest der Klasse abgehängt werden dürfen.“ Darum müssten die Lehrerinnen und Lehrer erst mal den Lernstand der Kinder überprüfen, wenn die Schulen wieder öffnen.

In vielen Bundesländern steht noch der Zeitplan für das Abitur

Wann das sein wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt freilich unklar. Die meisten Bundesländer gehen von Schulschließungen bis nach den Osterferien aus. Je nach Bundesland heißt das bis Mitte oder Ende April. Lediglich Hamburg, wo es keine Osterferien gibt, hat zunächst den 30. März zur Wiederaufnahme des Schulbetriebs genannt. Aber der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat bereits am Montag in einem Interview gesagt, dass er davon ausgeht, die Schulschließungen dann noch nicht beenden zu können.

Für die Abschlussprüfungen kann es eng werden. In Berlin hat am Montag bereits Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) angekündigt, die schriftlichen Prüfungstermine für den mittleren Schulabschluss (MSA) zweieinhalb Wochen nach hinten zu verschieben. Die Abiturprüfungen sollen aber wie geplant am 27. März beginnen.

In Rheinland-Pfalz sind die Abi-Klausuren bereits geschrieben, die mündlichen Prüfungen hätten an diesem Montag starten sollen, sind nun aber vorerst um eine Woche nach hinten verlegt.

Hessen beginnt am Donnerstag mit Abiturprüfungen

In Hessen schreiben die Abiturienten am morgigen Donnerstag ihre erste Abi-Klausur, an diesem Zeitplan wird auch festgehalten. Wie ein Sprecher des hessischen Kultusministeriums am Dienstag mitteilte, können die notwendigen Bedingungen wie etwa ein ausreichender Sicherheitsabstand eingehalten werden. Die Schulen seien angewiesen, die Prüfungsgruppen so klein wie möglich zu halten, am besten unter zehn Schülern. Da ja ansonsten kein Unterricht in den Schulen stattfindet, gebe es genügend Räumlichkeiten und Lehrkräfte als Aufsichtspersonal.

In Schleswig-Holstein, wo die Abiturprüfungen auch schon vor Ostern begonnen hätten, sollen sie nun an den ursprünglich als Ausweichtermine vorgesehenen Tagen nach Ostern stattfinden. Mecklenburg-Vorpommerns Kultusministerium gab am Dienstagabend bekannt, dass alle Prüfungen zur Mittleren Reife und zum Abitur, die im März oder April stattgefunden hätten, erst Mitte Mai beginnen. Und in Bayern wird der Beginn der Abiturprüfungen vom 30. April auf den 20. Mai verschoben. Das teilte das bayerische Kultusministerium am Mittwoch in München mit. Alle anderen Bundesländern halten noch am Zeitplan für die Abiturprüfungen nach den Osterferien fest.