Corona-Krise : Kein Flickenteppich bei den Abiturprüfungen

Am Dienstag hatte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) für Aufruhr mit ihrem Plan gesorgt, die Abschlussprüfungen in ihrem Bundesland wegen der Corona-Krise abzusagen. In einer kurzfristig anberaumten telefonischen Sitzung hat die Kultusministerkonferenz sich nun aber am Mittwoch darauf geeinigt, dass alle Bundesländer an den Prüfungen festhalten – auch Schleswig Holstein. Das Schulportal fasst zusammen, welche Regeln nun für das Abitur 2020 gelten sollen. Aktualisiert am 27. März.

Annette Kuhn / 25. März 2020
Plakat für Abitur vor Schule
In Hessen laufen die Prüfungen für das Abitur bereits seit einigen Tagen, auch wenn die Schulen für den normalen Unterricht geschlossen sind.
©Foto: Uwe Zucchi/dpa

Es geht also doch: Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich am Mittwoch darauf geeinigt, dass die Abiturprüfungen und alle anderen Schulabschlussprüfungen in diesem Jahr in allen 16 Bundesländern stattfinden. „Zum heutigen Zeitpunkt stellen die Länder fest, dass eine Absage von Prüfungen nicht notwendig ist“, heißt es in dem Beschluss, den die KMK-Präsidentin und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) am Mittwochnachmittag vorgestellt hat und den sie als „großen Erfolg“ bewertete.

Vorgesehen ist demnach, dass die Prüfungen, insbesondere die schriftlichen Abiturprüfungen, zum geplanten oder zu einem Nachholtermin bis Ende des Schuljahres stattfinden, soweit dies aus Infektionsschutzgründen zulässig ist. „Die Prüfungen können auch in geschlossenen Schulen stattfinden“, heißt es, wenn es nicht anderweitige landeseigene Regeln gibt. Dies ist zum Beispiel in Berlin der Fall.

Schulen müssen nicht auf zentralen Aufgabenpool zurückgreifen

Wegen der Verschiebungen können die Länder in diesem Jahr auf „zentrale Elemente aus dem Abituraufgabenpool verzichten“ und diese durch dezentrale Elemente ersetzen. Die Schülerinnen und Schüler sollten keine Nachteile wegen der jetzigen Ausnahmesituation haben. Deshalb haben die Länder auch noch mal versichert, dass die Abschlüsse dieses Schuljahres gegenseitig anerkannt werden. Darauf hatte sich die Kultusministerkonferenz bereits bei ihrer regulären Sitzung am 12. März verständigt.

KMK-Präsidentin Hubig sagte auch, dass Wissenschaftsministerien der Länder zugesichert hätten, dass die Abiturientinnen und Abiturienten keine Schwierigkeiten bei der Einschreibung für das Wintersemester an den Hochschulen bekommen sollten, auch wenn sie ihr Zeugnis erst sehr knapp vor Beginn der Sommerferien bekommen würden. Im Übrigen sollten die Prüfungen aber bis zu den Sommerferien abgeschlossen sein und diese auch nicht verschoben werden, „damit wir Corona nicht ins neue Schuljahr hineinnehmen.“

16:0 haben wir uns auf den Beschluss geeinigt.
Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz

Hubig zeigte sich bei ihrem Statement sichtlich erleichtert über die Einigung. „16:0 haben wir uns auf den Beschluss geeinigt“, betonte die KMK-Präsidentin.

Keine 24 Stunden zuvor hatte es noch ausgesehen, als würde bei den Abschlussprüfungen in diesem Jahr ein Flickenteppich entstehen. Nachdem in der vergangenen Woche Bayern mit der Verschiebung der Abiturprüfungen um einen Monat vorgeprescht war, hatten erst zwei Hamburger Schüler angesichts der Corona-Pandemie eine Petition zur bundesweiten Absage der Abitur-Prüfungen gestartet und bis Mittwochabend 110.000 Unterschriften gesammelt. Am Dienstag hatte dann Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) für Aufruhr gesorgt mit dem Vorhaben, die Abschlussprüfungen in ihrem Bundesland ganz abzusagen.

In Hessen und Rheinland-Pfalz laufen die Abiturprüfungen bereits

 Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller, der auch das Schulministerium in Schleswig-Holstein berät, hatte sich in einem Interview mit der ZEIT erstaunt gezeigt über diesen Plan: „Schon heute wissen wir, dass sich die Abiturdurchschnitte zwischen den Ländern stark unterscheiden. Zu dieser Ungerechtigkeit werden jetzt weitere dazukommen.“

Wäre Priens Plan tatsächlich beschlossen worden, wäre eine bundesweit einheitliche Lösung für das Abitur 2020 nicht mehr möglich gewesen, denn in Hessen laufen die Abiturprüfungen bereits, und in Rheinland-Pfalz sind sie für zwei Drittel der Abiturientinnen und Abiturienten, die nämlich nach G9 ihr Abitur ablegen, in dieser Woche abgeschlossen.

Sitzung war am Anfang sehr angespannt

Um Schleswig-Holsteins Alleingang zu verhindern, hatte KMK-Präsidentin Hubig daher unmittelbar nach Bekanntgabe von Priens Plänen eine Telefonschaltkonferenz vereinbart. Die Sitzung sei am Anfang sehr angespannt gewesen, gab sie zu: „Wir haben miteinander gerungen.“ Aber letztlich sei es der Wille aller gewesen, zu einer einheitlichen Lösung zu kommen.

Die Einigung wurde in den Bundesländern überall mit Erleichterung aufgenommen. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte: „Wir brauchen Einheitlichkeit, Fairness und gerechte Bedingungen für alle Schülerinnen und Schüler.“

Selbst aus Schleswig-Holstein kamen am Nachmittag zustimmende Worte von der Bildungsministerin: „Für die Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein und in ganz Deutschland konnten wir durch diesen Beschluss der KMK heute endlich die Klarheit schaffen, die sie brauchen, um sich gut auf ihre Prüfungen vorzubereiten.“

Viele Bundesländer verschieben Termine für Abiturprüfungen

 Die Abiturprüfungen sollen in Schleswig-Holstein nun also wie geplant ab 21. April stattfinden. Andere Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hatten bereits angekündigt, die Prüfungen zu verschieben und zum Teil auch schon neue Termine genannt. Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben am Freitag einen neuen Zeitplan bekanntgegeben. Demnach sind die Prüfungen für die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten in beiden Bundesländern um drei Wochen nach hinten verschoben und beginnen nun erst am 11. bzw. 12. Mai.

Der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) erklärte am Freitag allerdings auch: „Sollte auch unser neuer Fahrplan nicht eingehalten werden können, werden die Prüfungen ersatzlos abgesagt. Das Abitur würde dann auf Basis der Noten in den vier zurückliegenden Schulhalbjahren erteilt. Auch die Sek I-Abschlüsse würden ohne Abschlussprüfungen auf Grundlage der vorliegenden Leistungen vergeben. Weitere Verschiebungen sind für mich kein gangbarer Weg.”

Außerhalb der Politik gab es auch kritische Reaktionen auf die Einigung der Kultusminister. So begrüßt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zwar eine gemeinsame Regelung, doch die Gesundheit der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler werde nicht geschützt. „Zudem ist die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen von Bundesland zu Bundesland, von Schule zu Schule sehr unterschiedlich“, sagte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule.

Schülerschaft ist beim Thema Abiturprüfungen gespalten

Die Bundesschülerkonferenz zeigte sich schon im Vorfeld gespalten und blieb das auch nach der Einigung der KMK. Ein Teil der Schülerinnen und Schüler hatten Priens Vorstoß durchaus begrüßt: „Sieben Landesvertreter sehen in der Absage der Prüfungen eine ,Notlösung‘, zwei sind dagegen, die anderen halten eine Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht“, hatte kurz vor der KMK-Telefonschaltkonferenz Torben Krauß, der Sprecher der Bundesschülerkonferenz dem Schulportal gesagt. Gefahr sahen viele vor allem darin, dass „ein Durchschnittsabitur von Universitäten im Ausland oder zukünftigen Arbeitgebern nicht anerkannt werden, es droht ein Abitur zweiter Klasse”, hieß es dann in einer Stellungnahme der Bundesschülerkonferenz am Donnerstag.

Nach einem Tag Ungewissheit war aber schon am Mittwochabend für den Abiturienten Torben Krauß aus Nordrhein-Westfalen klar, dass er sich nun doch auf seine Abiturprüfungen vorbereiten und weiter lernen muss.