Neue Studie : Wie Weiterbildung über Twitter gelingt

Eine neue Studie der Universität Tübingen und der University of Michigan hat untersucht, inwieweit professionelle Fortbildung über Social Media möglich ist. Dazu wurden Lehrkräfte in Twitter-Communitys befragt und ihre Tweets ausgewertet. Im Interview mit dem Schulportal erläutert Christian Fischer, der Leiter der Studie, wie Weiterbildung über Twitter und andere soziale Netzwerke funktioniert, welche Vorteile diese Medien gegenüber analogen Formaten haben können und wie sich der Austausch auf Twitter durch die Corona-Krise verändert hat.

Annette Kuhn / 07. September 2020
Twitter
Die Universität Tübingen und die University of Michigan haben untersucht, wie sich Twitter für die Weiterbildung nutzen lässt.
©Foto: Soeren Stache/dpa

Deutsches Schulportal: Sie haben gemeinsam mit Wissenschaftlern der University of Michigan untersucht, wie Weiterbildung über Twitter und andere Social-Media-Kanäle gelingen kann. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Christian Fischer: Wir haben zunächst eine Umfrage unter Lehrerinnen und Lehrern der Fächer Biologie, Chemie und Physik in den USA gemacht. Hintergrund war eine Reform zu den Abituraufgaben. Wir wollten wissen, wie sich die Lehrerinnen und Lehrer auf diese Reform vorbereiten und welche Fortbildungen sie dafür belegt haben. Sehr viele Lehrkräfte gaben an, dass sie Twitter zur Fortbildung nutzten. Dann haben wir rund 2.000 Beiträge aus Twitter-Communitys von Lehrkräften der Biologie über einen Zeitraum von drei Jahren gesammelt und ausgewertet.

Was haben Sie dabei festgestellt?
Die Lehrkräfte nutzen die Community vor allem, um Links zu Informationsquellen auszutauschen, curriculare Veränderungen zu besprechen und ihre Fragen zu stellen. Außerdem haben wir festgestellt, wie die Lehrkräfte in den Twitter-Communitys zueinander stehen. Traditionelle Fortbildungen sind ja sehr hierarchisch organisiert: Man hat normalerweise einen Wissensvermittler, der sein Wissen an die Fortzubildenden weitergibt. Bei Twitter steht die Kollaboration im Vordergrund. Allerdings generieren nur etwa zehn Prozent der User neuen Content. Der größte Teil der Lehrkräfte nutzt also diesen Content, ohne selbst welchen einzubringen.

Da die Informationen bei Twitter häufig wesentlich personalisierter sind und Lehrkräfte sich die Dinge heraussuchen können, die für sie relevant sind, ist die Kohärenz in der Regel mehr gegeben als in einer Präsenzveranstaltung.

Unter welchen Voraussetzungen ist eine Weiterbildung über Twitter erfolgreich?
Aus der Forschung zur Lehrerfortbildung generell wissen wir, dass die Effektivität davon abhängt, wie viel Zeit Lehrkräfte in eine Fortbildungsaktivität investieren. Übertragen auf Twitter bedeutet das also, dass es darauf ankommt, wie oft und wie lange sich die User in der Community, also zum Beispiel im #twitterlehrerzimmer, aufhalten. Je mehr sie dort involviert sind, desto effektiver ist auch die Fortbildung.

Ein zweites Kriterium ist die Kohärenz: Worüber sich Lehrkräfte in den Communitys austauschen, muss fachlich, zum Schulkontext und zu den curricularen Bestimmungen passen. Da die Informationen bei Twitter häufig wesentlich personalisierter sind und Lehrkräfte sich die Dinge heraussuchen können, die für sie relevant sind, ist die Kohärenz in der Regel mehr gegeben als in einer Präsenzveranstaltung.

Drittens spielt die kollektive Partizipation eine wichtige Rolle: Je nachdem um welche Themen es geht, gehören die Lehrkräfte in einer Community im Idealfall dem gleichen Fachbereich oder der gleichen Schulform an.

Sie haben sich in der Untersuchung mit Twitter beschäftigt. Welches Potenzial für die Weiterbildung sehen Sie auf anderen sozialen Kanälen?
Ich glaube, die Plattform ist weniger wichtig als das Verhalten der Lehrkräfte auf diesen Plattformen. Es gibt viele Online-Räume, in denen Lehrkräfte sich austauschen – in Facebook-Gruppen, auf Pinterest oder auch auf traditionelleren Plattformen wie lehrerforen.de. Twitter hat aber gewisse Vorteile: Durch die begrenzte Zeichenzahl ist es viel weniger Aufwand, sich an Diskussionen zu beteiligen. Ein weiterer Vorteil ist, dass man jemandem folgen kann, ohne dass das umgekehrt der Fall sein muss.

Die Qualitätskontrolle ist sehr viel schwieriger. Man muss hinterfragen, wer in den Communitys Meinungen verbreitet und ob die Informationen, die verbreitet werden, wirklich die bestmöglichen sind.

Was ist der Vorteil von Social-Media-Kanälen gegenüber klassischen Weiterbildungsformaten?
Fortbildung über Social Media ist wesentlich direkter, und man bekommt Informationen immer zeitnah – also wenn man sie braucht. Außerdem ist die Struktur weniger hierarchisch. Weitere Vorteile sind, dass das Angebot kostenlos ist und dass der Austausch zu jeder Zeit, an jedem Ort möglich ist. Außerdem ist man hier schnell in einer fachspezifischen Community. Wenn es beispielsweise nur einen Physiklehrer an einer Schule gibt, hat er dort wenig Möglichkeiten, fachliche Probleme zu besprechen. Bei Twitter findet er sofort eine passende Community.

Und gibt es auch Nachteile bei der Weiterbildung über Twitter?
Die Qualitätskontrolle ist sehr viel schwieriger. Man muss hinterfragen, wer in den Communitys Meinungen verbreitet und ob die Informationen, die verbreitet werden, wirklich die bestmöglichen sind, die auch dem aktuellen Forschungsstand entsprechen. In gewisser Weise „monitoren“ sich die Communitys zwar selber, weil Inhalte, die eine höhere Qualität haben, in der Regel mehr Likes bekommen oder eher retweetet werden und damit sichtbarer sind. Eine Garantie für Qualität ist das aber nicht.

Außerdem versuchen viele Unternehmen, ihre Produkte in den Communitys zu platzieren. Um zu erkennen, welche Tweets vertrauenswürdig sind, muss man schon eine gewisse Medienkompetenz mitbringen.

In Onlineforen, die beispielsweise von Lehrerverbänden oder Fachgesellschaften bereitgestellt werden, gibt es oft Moderatoren, die auch als Qualitätskontrolle fungieren. So etwas ist auf Twitter allerdings formal nicht zu implementieren und widerspricht auch dem Gedanken der Kooperation ohne Hierarchie.

Für wen eignen sich soziale Netzwerke als Fortbildungsmedium?
Ich denke, Fortbildung über soziale Medien kann für die große Mehrheit der Lehrkräfte von Vorteil sein. Ich würde jeder Lehrkraft raten, für sich zu schauen, ob das ein Fortbildungsmedium ist, das sie professionell weiterbringt und zu ihr passt.

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie notwendig digitale Weiterbildungsangebote sind.

Die bei einer klassischen Fortbildung gewonnenen neuen Erkenntnisse kommen ja manchmal gar nicht in der Schule an, weil der Energieschub, das Neue im Schulalltag oder im Unterricht zu implementieren, in der Routine wieder verloren geht und es meist keine Möglichkeit gibt, sich später noch mal auszutauschen oder Fragen zu stellen. Funktioniert das bei Fortbildungen über Social Media besser?
Ich denke, wenn sich Lehrkräfte in einer Community gut kennen und teamorientiert zusammenarbeiten, kann das den Übertrag von Neuem in den Schulalltag schon erleichtern, weil man immer jemanden findet, der schon Erfahrungen damit gemacht hat und Unterstützung dabei geben kann, mit einer bestimmten Situation oder einem neuen Tool umzugehen.

Durch die Corona-Pandemie konnten viele klassische Weiterbildungsformate gar nicht stattfinden. In welcher Weise hat das der Weiterbildung in sozialen Netzwerken einen Schub gegeben?
Die Corona-Krise hat gezeigt, wie notwendig digitale Weiterbildungsangebote sind. Wie stark der Wunsch nach Austausch in sozialen Netzwerken gestiegen ist, sieht man zum Beispiel an #twitterlehrerzimmer. Anfang des Jahres gab es hier ungefähr 10.000 Tweets pro Monat. In den ersten Monaten während der Corona-Krise waren es dann 20.000 bis 30.000 Tweets pro Monat.

Vor der Corona-Krise fanden Fortbildungen für Lehrkräfte in Deutschland fast komplett im Präsenzbereich statt. Zum Vergleich: Die USA nutzen schon viel länger soziale Medien als Orte der Weiterbildung. Hier bilden sich inzwischen auch viele selbst organisierte Twitter-Chats. Lehrkräfte verabreden sich in diesen Chats, um sich synchron zu einem Thema auszutauschen. In Deutschland beobachten wir den Trend, dass sich immer mehr Gruppen bundeslandspezifisch oder fachspezifisch, vor allem in den Naturwissenschaften, zusammenfinden.

Zur Person

Christian Fischer
Christian Fischer, Professor für Educational Effectiveness an der Universität Tübingen.
  • Christian Fischer ist Tenure-Track-Professor für Educational Effectiveness am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen.
  • Promoviert hat er an der University of Michigan in Educational Studies/Learning Technologies. Zuvor studierte er Erziehungswissenschaft, Physik und Mathematik an der Ruhr-Universität Bochum, der ETH Zürich und der University of California, Berkeley.
  • Seine Forschungsinteressen liegen an der Schnittstelle von Lehrerbildung, Digitalisierung und MINT-Forschung.