Dieser Artikel erschien am 15.08.2018 in der Süddeutschen Zeitung

Bundesländer im Vergleich : Wo werden Schüler am besten auf den Arbeitsmarkt vorbereitet?

- Ökonomen haben anhand von fast einhundert Indikatoren die Leistungs­fähigkeit der Bildungs­systeme in Deutschland aus wirtschaftlicher Sicht untersucht.
- Nur zwei Bundesländer erzielen im IW-Bildungs­monitor 2018 mehr Punkte als im Vorjahr.
- Im Bereich Informatik gibt es nach Meinung der Experten zu wenige Daten.

Kinderhände tippen etwas auf ein Tablet
Eine Schülerin arbeitet an einem Tabletcomputer. Wie gut die Schulen bereits mit IT-Technik ausgestattet sind, darüber gibt es keine verlässlichen Daten.
©dpa

Schüler schneiden in Leistungstests schlechter ab, die Integration lässt nach und das Risiko von Bildungs­armut steigt wieder: Das Zeugnis des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für die Bundes­länder fällt schlechter aus als zuletzt. Mit seinem Bildungs­monitor über­prüft das IW jährlich, wie leistungs­fähig die Bildungs­systeme aus ökonomischer Sicht sind. Zentral geht es also um die Fragen: Werden Schüler und Auszubildende best­möglich darauf vorbereitet, als künftige Fach­kräfte die Unter­nehmen zu unter­stützen und den gesellschaftlichen Wohl­stand zu sichern? Auftrag­geber der Studie ist die von Arbeit­geber­verbänden getragene „Initiative Neue Soziale Markt­wirtschaft“ (INSM).

Im 15. Bildungsmonitor beobachtet das IW erstmals Rück­schritte in nahezu allen Ländern. Die Viert­klässler waren in Mathe und Deutsch nicht mehr so gut wie ihre Vorgänger. Und mehr Schüler brachen die Schule ab – eine Folge der Flüchtlings­migration, so das IW: Fast jeder sechste ausländische Jugendliche verließ die Schule im Jahr 2016 ohne Abschluss (die Zahlen für das gerade zu Ende gegangene Schul­jahr liegen noch nicht vor). Im Vorjahr waren es noch weniger als 12 Prozent.

So haben die Bundes­länder abgeschnitten

Leicht verbessert haben sich gegen den Trend nur die Bundes­länder Berlin und Schleswig-Holstein. Berlin hatte in den vergangenen zehn Jahren im Länder­vergleich stets den letzten Platz belegt. Jetzt kann vermeldet werden: Die Zahl der Schul­abbrecher geht zurück (von 9,6 auf 8 Prozent) – sogar, wenn man nur die aus­ländischen Schüler betrachtet. Unter ihnen sank der Anteil der Schul­abgänger ohne Abschluss von 21,3 auf 19 Prozent. Das IW wertet das als Zeichen einer zunehmend gelingenden Integration innerhalb des Berliner Schul­systems, das auf Platz 13 des Rankings vor­rutschte.

Die Autoren des Bildungsmonitors werten verschiedene Datensätze und Studien zu Kitas, Schulen und Hoch­schulen aus, zum Beispiel von Statistik­ämtern und Forschungs­instituten. Dabei berücksichtigten sie in diesem Jahr 93 Indikatoren, neben der schulischen Leistung und Abbrecher­quoten zum Beispiel Ganz­tags­betreuungs­möglich­keiten und das Betreuungs­verhältnis, also wie viele Schüler auf jeden Lehrer kommen. Auf dieser Grund­lage vergeben die Autoren Punkte auf einer Skala von null bis hundert. Die leistungs­fähigsten Bildungs­systeme haben demnach Sachsen, Thüringen und Bayern. Ganz hinten im Jahr 2018: Branden­burg, Nordrhein-Westfalen und Bremen.

Deutschland­weit Nachhol­bedarf in der Digitalisierung

Erstmals hat das IW sich auch mit dem Thema Digitalisierung in Schulen befasst. Für deutsche Unter­nehmen wird es immer wichtiger, dass Absolventen Computer­programme und das Internet nutzen können. Bewerber, die Soft­ware programmieren können, sind bereits jetzt sehr gesucht. Die Vorbereitung durch die Schulen auf diese Anforderungen könnte nach Einschätzungen des IW allerdings deutlich verbessert werden: “Für die Digitalisierung brauchen wir eine bessere Ausstattung der Schulen, mehr Lehrer­fortbildung, mehr Austausch über innovative digitale Lehr- und Lern­konzepte und vor allem eine regel­mäßige Über­prüfung digitaler Kompetenzen der Schüler und Lehrer”, sagt Hubertus Pellengahr, Geschäfts­führer der Initiative Neue Soziale Markt­wirtschaft zu den Ergebnissen.

Die Autoren des Bildungsmonitors fordern einen schul­über­greifenden Vergleichs­test für digitale Kompetenzen, wie etwa in Mathe­matik und Deutsch. Außer­dem sollten Lehrer­fort­bildungen in diesem Bereich verbindlich in den Lehr­ent­wicklungs­plänen fest­geschrieben werden. Die Vermittlung digitaler Kompetenzen müsse in Studium, Referendariat und der aktiven Berufs­phase integriert sein.

Geld für Computer allein reicht nicht

Den Digitalpakt der Bundesregierung sehen die Ökonomen lediglich als wichtige Voraus­setzung, nicht aber als Garantie für künftige Lern­erfolge der Schüler. Die Regierungs­parteien hatten im Koalitions­vertrag vereinbart, in den nächsten Jahren fünf Milliarden Euro, davon 3,5 Milliarden Euro in dieser Legislatur­periode für Informations- und Kommunikations­technologie in Schulen bereit zu stellen. Die pädagogischen Konzepte und Fort­bildungen dazu sollen die Länder noch entwickeln. Schon jetzt zeigen viele Beispiele, dass Schul­computer schnell zu Schrott verkommen, wenn Lehrer­innen und Lehrer für den Umgang nicht geschult werden und nicht berücksichtigt wird, wie viel Zeit sie für die Betreuung der Systeme benötigen.

Kritisch sehen die IW-Experten in Bezug auf den Digitalpakt auch, dass es keine verlässlichen Daten über die bundes­weit schon vorhandene IT-Ausstattung der Schulen gibt. Eine solche Bestands­aufnahme sei nötig, um das Investitions­volumen richtig abzuschätzen. Bisher beruhen Annahmen lediglich auf Lehrer­befragungen. Am häufigsten werden digitale Medien nach den Auswertungen des IW derzeit in bayerischen Bildungs­einrichtungen genutzt: 64,4 Prozent der Lehr­kräfte setzten diese mindestens einmal die Woche im Unterricht ein. In Bremen handhaben das nur gut ein Drittel der Lehrer­innen und Lehrer so.