Bundesfamilienministerin Giffey : Die besten Lehrkräfte gehören an die schwierigsten Schulen

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) plädiert im Interview mit dem Schulportal dafür, dass junge Lehrkräfte und Schulleiterinnen und Schulleiter in ihrer Laufbahn eine gewisse Zeit an einer Brennpunktschule unterrichten. Pädagogische Fachkräfte an Schulen in schwieriger sozialer Lage müssen außerdem besser bezahlt werden, so die Ministerin. Mit Blick auf die Ausschreitungen in Chemnitz sagt sie, Werteerziehung gehöre in jedes Unterrichtsfach.

Regina Köhler / 04. September 2018
Bundesfamilienministerin Franziska Gipfel auf einem Spielplatz
Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin, spricht im Interview mit dem Schulportal über Brennpunktschulen.
©dpa

Frau Giffey, wenn es um Chancengleichheit in unserer Gesellschaft geht, stellt sich die Frage, wie Schulen in schwierigen sozialen Lagen besser unterstützt werden können?
Franziska Giffey: Die besten Lehrerinnen und Lehrer gehören an die schwierigsten Schulen. Ich finde es richtig, wenn junge Lehrkräfte und auch Schulleiterinnen und Schulleiter mindestens einmal in ihrer Laufbahn eine gewisse Zeit auch an einer Brennpunktschule gearbeitet haben. Außerdem müssen Lehrkräfte in Brennpunkten besser bezahlt werden, so wie das Berlin jetzt macht. Dort bekommen Lehrkräfte an Brennpunktschulen monatlich 300 Euro Brutto mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen an anderen Schulen. Notwendig wäre, dass auch für die Erzieherinnen und Erzieher und die Schulsozialarbeit an Schulen in schwierigen sozialen Lagen eine Zulage gewährt wird. Außerschulische Lernorte sind ebenfalls wichtig. Das kostet natürlich alles Geld, aber Bildung ist eine Schlüsselaufgabe, um den Wohlstand und den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu sichern.

Wie ist Ihre Haltung zum Kopftuchverbot für Lehrerinnen und Lehrer? Die Berliner Grünen argumentieren inzwischen, dass Lehrerinnen mit Kopftuch eine Vorbildfunktion für Schülerinnen haben könnten.
Ich bin dafür, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Schule keine religiösen Symbole tragen. Insofern halte ich es auch für den falschen Weg, zuzulassen, dass Lehrerinnen im Unterricht ein Kopftuch tragen. Ich war eine der Ersten, die sich für den Erhalt des Berliner Neutralitätsgesetzes eingesetzt haben.

An 168 Schulen in ganz Deutschland werden Anti-Mobbing-Profis ihre Arbeit aufnehmen.

Die jüngsten Vorfälle in Chemnitz machen betroffen. Sollte es an den Schulen ein spezielles Fach für die Demokrati- und Werteerziehung von Kindern und Jugendlichen geben?
Werteerziehung muss Querschnittsaufgabe jedes Unterrichtsfachs sein. Wir müssen Politik erklären und junge Leute für Politik begeistern. Aber es ist auch wichtig, Diskriminierung und Extremismus entgegenzuwirken. Genau daran arbeiten wir seit dem Beginn des neuen Schuljahres auch mit dem neuen Bundesprogramm der Anti-Mobbing-Profis, auch Respekt Coaches genannt. An 168 Schulen in ganz Deutschland werden Anti-Mobbing-Profis ihre Arbeit aufnehmen. Diese speziell geschulten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sollen präventiv tätig sein aber auch eingreifen, wenn es Probleme mit Gewalt gibt.

Im Bildungsbereich haben wir gegenwärtig mit einem großen Fachkräftemangel zu tun. Neben Lehrerinnen und Lehrern fehlen sehr viele Erzieherinnen und Erzieher. Sie fordern nun, diese ähnlich hoch zu bezahlen wie Grundschullehrkräfte. Wann wird das umgesetzt?
Ich kann diese Entscheidung natürlich nicht allein treffen. Wir brauchen aber dringend eine gesellschaftspolitische Debatte über eine bessere Bezahlung von Erzieherinnen und Erziehern. Kitas sind Bildungseinrichtungen, Menschen, die dort arbeiten, sind pädagogisches Personal, sie müssen deshalb adäquat bezahlt werden. Momentan müssen junge Leute, die eine Ausbildung zum Erzieher machen wollen, häufig noch Schulgeld mitbringen. Ich will, dass sich das ändert. Schulgeld abschaffen, Ausbildungsvergütung einführen. Wenn sie dann anfangen zu arbeiten, sind Erzieherinnen und Erzieher häufig mit schwierigen Rahmenbedingungen konfrontiert, mit zu großen Kita-Gruppen etwa, weil nicht genügend Personal vor Ort ist. Viele hören dann bald wieder auf. Um das zu ändern muss der Erzieherberuf aufgewertet werden – genau wie die sozialen Berufe insgesamt.

Frühe Bildung ist eine nationale Zukunftsaufgabe. Wir müssen es hinbekommen, dass es jedes Kind packt, egal, aus welcher Familie es kommt.

Sie haben das Gute-Kita-Gesetz auf den Weg gebracht, warum? Und wann wird es realisiert?
Frühe Bildung ist eine nationale Zukunftsaufgabe. Wir müssen es hinbekommen, dass es jedes Kind packt, egal, aus welcher Familie es kommt. Das ist mein Ziel. Dafür bringen wir derzeit das Gute-Kita-Gesetz auf den Weg und sorgen für mehr Qualität und weniger Gebühren. Bis 2022 wird der Bund 5.500 Millionen Euro in die frühkindliche Bildung investieren. Wir werden das Gesetz in Kürze ins Kabinett bringen. Außerdem arbeite ich daran, dass es bis 2025 einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz gibt. Dabei geht es einerseits um die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch um mehr Chancengerechtigkeit für die Kinder.

Zur Person

  • Von 2010 bis 2015  war Franziska Giffey (SPD) Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport in Berlin-Neukölln.
  • Von 2015 – 2018  war sie Bezirksbürgermeisterin von Neukölln.
  • Seit 15. März 2018 ist sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
  • Franziska Giffey ist verheiratet und hat einen Sohn (geboren 2009).
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