KMK-Präsidentin : „Wir werden zusätzliches Personal in die Schulen holen“

Ein Jahr Corona-Pandemie bedeutet für viele Schülerinnen und Schüler fast ein halbes Jahr Lernen ohne Schule. Zweimal waren die Schulen schon wochenlang geschlossen. Für manche Jahrgänge haben sie jetzt noch nicht einmal wieder geöffnet, da wird schon der Ruf nach neuerlichen Schulschließungen laut. Im Interview mit dem Schulportal erklärt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und brandenburgische Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), wieso die Länder bei den Schulöffnungen so unterschiedlich agieren, sie Wechselunterricht für sinnvoll hält und Lernstandserhebungen erst im kommenden Schuljahr durchgeführt werden sollen.

Annette Kuhn / 18. März 2021
KMK-Präsidentin Britta Ernst
Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) ist 2021 Präsidentin der Kultusministerkonferenz.
©Soeren Stache/dpa

Deutsches Schulportal: Anfang März haben Sie gesagt: „Für die Kinder und Jugendlichen ist der Schulbesuch für ihre weitere Bildungsbiographie von entscheidender BedeutungWir wollen, dass noch im März alle Schülerinnen und Schüler wieder zur Schule gehen.“ Bei einigen Jahrgängen ist aber noch immer nicht klar, wann sie wieder an die Schulen zurückkehren. Wie einig sind sich die Kultusministerinnen und Kultusminister beim Vorgehen an den Schulen?
Britta Ernst: Die Kultusministerinnen und Kultusminister sind sich sehr einig. Das Gros der Schulen in Deutschland ist jetzt geöffnet. Aber die Frage der Schulöffnung wird immer auch von der Landesregierung und vor allem in Abstimmung mit den Gesundheitsministerien entschieden. Wenn die Infektionszahlen steigen oder weniger sinken als angenommen, dann müssen Entscheidungen korrigiert werden. Wir haben uns immer gegen einen Automatismus zwischen einer bestimmten Inzidenz und Schulschließungen ausgesprochen. Und wir haben ja im Moment eine fragile Infektionslage.

Für die meisten Schülerinnen und Schüler, die jetzt zurück an die Schulen kommen, gibt es Wechselunterricht. Viele Schulen, an denen der Distanzunterricht gut geklappt hat, halten das für keine gute Lösung. Sie sagen, dass es nicht genug Personal gebe, um zwei Lerngruppen gleichermaßen zu betreuen. Wieso halten Sie Wechselunterricht für ein gutes Modell?
Ich habe für diese Einschätzung überhaupt kein Verständnis. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ein Kind Präsenzunterricht an der Schule hat. Und ich bin auch der Meinung, dass die übergroße Mehrheit der Eltern, Jugendlichen und Lehrkräfte das auch so sieht. Wechselunterricht hat den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler sich nicht wie in den vergangenen Wochen nur selbst motivieren müssen, sondern dass sie Feedback bekommen und sich direkt mit ihrer Lehrkraft austauschen können. Und wichtig ist auch, dass sie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler wiedersehen.

Sollten die Schulen mehr Eigenverantwortung bei der Entscheidung bekommen, wann und in welcher Weise sie den Präsenzunterricht wieder aufnehmen?
Die Frage, ob Schülerinnen und Schüler wieder in den Präsenzunterricht gehen, hängt vom Infektionsgeschehen ab. Die Entscheidung darüber, ob Schulen komplett geschlossen oder geöffnet sind, liegt bei den Landesregierungen oder kommunalen Ebenen.

Uns ist sehr bewusst, dass wir nicht in drei Wochen zusätzlicher Unterstützung ausgleichen können, was in den vergangenen Monaten bei einigen Schülerinnen und Schülern verloren gegangen ist.

Die Corona-Pandemie hat die Bildungsungleichheit deutlich verschärft. Auf welche konkreten Maßnahmen hat sich die Kultusministerkonferenz verständigt, um hier gegenzusteuern?
In allen Bundesländern werden gerade Programme entwickelt. Sie werden aus mehreren Modulen bestehen: Wir werden die Lernausgangslagen analysieren, zusätzliche Lernzeiten am Nachmittag oder in den Ferien organisieren und zusätzliches Personal in die Schulen holen, zum Beispiel Lehramtsstudierende. Wir sind auch dabei, mit dem Bund ein großes Bund-Länder-Unterstützungsprogramm auf den Weg zu bringen, an dem zurzeit mit Hochdruck gearbeitet wird.

Sie meinen das Förderprogramm im Umfang von einer Milliarde Euro, über das Ihr Kollege, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe, am Mittwoch gesprochen hat – wann soll das greifen?
Das soll im kommenden Schuljahr umgesetzt werden. Uns ist sehr bewusst, dass wir nicht in drei Wochen zusätzlicher Unterstützung ausgleichen können, was in den vergangenen Monaten bei einigen Schülerinnen und Schülern verloren gegangen ist. Wir brauchen Anstrengungen von mindestens einem Schuljahr. Darauf zielt dieses Programm.

Halten Sie Lehrplankürzungen aufgrund der Einschränkungen im Unterrichtsbetrieb für notwendig? Und sollten die bundesweit einheitlich erfolgen?
Wir konzentrieren uns auf die Bildungsstandards und Kerncurricula. Das bedeutet, dass im Wesentlichen die in den Jahrgangsstufen vorgesehenen Inhalte vermittelt werden, auch wenn sie im Einzelnen nicht ganz so vertieft werden wie in Nicht-Pandemie-Zeiten.

Lernstandserhebungen sind erst zu Beginn des neuen Schuljahres sinnvoll, und dann können auch erst die Unterstützungsmaßnahmen beginnen.

Für Ihr Bundesland Brandenburg haben Sie angekündigt, nach den Sommerferien wieder Lernstandserhebungen durchzuführen – wieso erst dann? Wäre dafür nicht jetzt der richtige Zeitpunkt?
Die Kinder sind jetzt im Wechselunterricht. Im Moment können wir noch gar nicht sagen, ob es dabei bleiben kann. Wir müssen die Lerngruppen konstant halten. Jedes zusätzliche Bildungsangebot würde bedeuten, die Gruppen neu zusammenzusetzen.

Sicher werden wir im kommenden Schuljahr die Schülerinnen und Schüler – auch angesichts des Impffortschritts – vollständig in Präsenz haben. Außerdem wissen wir, dass Schülerinnen und Schüler im Sommer immer Stoff vergessen. Das ist auch ohne Corona der Fall. Lernstandserhebungen sind also erst zu Beginn des neuen Schuljahres sinnvoll, und dann können auch erst die Unterstützungsmaßnahmen beginnen. Die meisten Bundesländer haben sich für diesen Zeitpunkt entschieden.

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Niedersachsen hat kürzlich eine 10-Punkte-Agenda vorgestellt und Regeln aufgestellt für den Unterricht in Pandemie-Zeiten – ein Jahr nach den ersten Schulschließungen. Wieso hat die Kultusministerkonferenz bis heute nicht eine solche Agenda mit Mindeststandards formuliert?
Jedes Bundesland hat das für sich definiert. Wir haben Handreichungen für das Distanzlernen erstellt, die Regelungen für die Leistungsbewertung angepasst und Vorgaben für die Nutzung digitaler Technik gemacht. Die Weiterbildungsinstitute haben Leitfäden für guten Distanzunterricht erarbeitet. Und die einzelnen Länder haben auch Vorgaben für die Kontaktaufnahme zu Schülerinnen und Schülern während der Schulschließungen definiert. Da haben wir gelegentlich auch nachgesteuert.

Aber eine Agenda mit Mindeststandards für alle Länder gibt es nicht?
Bildung ist Ländersache. Wir schauen zwar, was die anderen Bundesländer machen, aber die Vorgaben macht jedes Land selbst.

Für Ihre Amtszeit als KMK-Präsidentin haben Sie angekündigt, sich auf das Schwerpunktthema „Lernen und Lehren – guter Unterricht in Zeiten der digitalen Transformationen“ zu fokussieren. Wie sieht guter digitaler Unterricht in der Corona-Pandemie aus?
Ich möchte das Thema unabhängig von Corona diskutieren. Es geht ja darum, durch den optimalen Einsatz digitaler Technik guten oder noch besseren Unterricht zu machen. Dafür werden wir Kriterien definieren, denn es ist ja nicht gesichert, dass Kinder etwas lernen und angeregt werden, nur weil ein Whiteboard an der Wand hängt. Darum müssen wir unseren Blick auf die Zeit nach Corona richten.

Gibt es denn beim Digitalunterricht Mindeststandards, auf die sich die Kultusministerkonferenz verständigt hat?
2016 haben sich die Kultusministerinnen und Kultusminister auf die Leitlinien „Bildung in der digitalen Welt“ verständigt. Dort haben wir auch die Kompetenzbereiche definiert, die die Schülerinnen und Schüler erreichen sollen. Das ist in allen Lehrplänen der Bundesländer verankert. Jetzt geht es darum, sich auf neue Standards für guten Unterricht zu verständigen. Dazu werden wir im Laufe des Jahres etwas vorlegen. Wir haben auch diskutiert, ob wir die Leitlinien überarbeiten, aber die sind gut. Sie bedürfen nur der Ergänzung.

Für guten Digitalunterricht braucht es die entsprechende technische Ausstattung. In Bremen haben alle Schülerinnen und Schüler iPads bekommen. Sollten alle Schülerinnen und Schüler bundesweit mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden?
Ich bin dafür, dass alle Schülerinnen und Schüler über digitale Endgeräte verfügen und dass wir denjenigen, die sich das aufgrund ihrer familiären Situation nicht leisten können, helfen und Schulen Leihgeräte zur Verfügung stellen. Dafür sind ja auch sehr viele Geräte auf den Weg gebracht worden. Aber wir haben noch nicht abschließend geklärt, ob der Staat allen Kindern ein Gerät zur Verfügung stellen soll oder ob wir dort auch die Verantwortung der Eltern sehen.

Wann werden denn diese Geräte an die Schülerinnen und Schüler verteilt?
Im Land Brandenburg gibt es derzeit zwei Förderprogramme zur Ausstattung von Schülerinnen und Schülern mit mobilen Endgeräten. Im Rahmen des DigitalPakts wurden von den Schulträgern bislang rund 22.000 digitale Endgeräte für Schülerinnen und Schüler angeschafft beziehungsweise bestellt. Zudem wurde ein landeseigenes Förderprogramm aufgelegt, mit dem noch einmal rund 28.600 digitale Endgeräte angeschafft werden können. Aufgrund der zum Teil langen Lieferzeiten sind aber vielleicht noch nicht alle angekommen. Bei den anderen der knapp 300.000 Schülerinnen und Schülern in Brandenburg gehen wir davon aus, dass die Familien Geräte haben.

Zur Person

  • Britta Ernst (SPD) ist 2021 Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Nach 2005 nimmt Brandenburg damit zum zweiten Mal den Vorsitz ein.
  • Ihre KMK-Präsidentschaft hat sie unter das Schwerpunktthema „Lernen und Lehren – guter Unterricht in Zeiten der digitalen Transformationen“ gestellt. Sie will den Blick darauf lenken, wie Unterrichtsqualität im Zeitalter der Digitalisierung gedacht, gestaltet und umgesetzt werden muss.
  • Seit 2017 ist Britta Ernst Ministerin für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg, zuvor war sie Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.
  • Von 1997 bis 2011 war die Diplom-Volkswirtin und -Sozialökonomin Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft, danach Fraktionsgeschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion in Berlin.

Mehr zur Kultusministerkonferenz

  • Bei der 373. Kultusministerkonferenz am 18. März haben sich die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder dafür ausgesprochen, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten. „Für die Kinder und Jugendlichen ist der Schulbesuch für ihre weitere Bildungsbiographie von entscheidender Bedeutung”, sagte die KMK-Präsidentin Britta Ernst. Damit der Schulbesuch weiter möglich ist, fordern die Kultusministerinnen und Kultusminister flächendeckende Testmöglichkeiten für Schulen und eine vorrangige Impfung für Lehrkräfte im Präsenzunterricht.
  • Auswirkungen hat der Lockdown insbesondere auch für den Übergang von der Schule in den Ausbildungsmarkt. Daher unterstützt die Kultusministerkonferenz die „Gemeinsame Aktion zur Stärkung von Ausbildungsbetrieben und jungen Menschen in der Corona-Pandemie”. Dabei geht es insbesondere darum, die Berufsorientierung zu stärken und Ausbildungsplätze zu sichern – gerade vor dem Hintergrund, dass das Angebot der Ausbildungsplätze im vergangenen Jahr um elf Prozent zurückgegangen ist.
  • Die Kultusministerkonferenz hat sich auch darauf verständigt, die mathematische Bildung zu stärken. Sie setzt dabei auf eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM). Damit ist auch die Hoffnung verbunden, bei Vergleichsstudien wie PISA in Zukunft im Fach Mathematik besser abzuschneiden.
  • Überarbeitet hat die KMK auch die Empfehlung zum sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung. Ziel der Empfehlung sei es, „dass diese Kinder und Jugendliche entsprechende individuelle Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote an allen Lernorten erhalten und somit eine Chance auf vollumfängliche Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung”, heißt es in einer Pressemitteilung der KMK. Mit der Umsetzung der Empfehlung soll erreicht werden, die Anzahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss zu senken.