Dieser Artikel erschien am 07.11.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Carsten Knop

Kommentar zur Digitalisierung : Bringt die Schulen ans beste Netz!

In der Diskussion um die Digitalisierung von Schulen sind die Positionen festgefahren. Doch es ist Zeit, den Streit über das Ob zu beenden. Die Schule muss selbstverständlich digital werden.

Im niedersächsischen Schüttorf arbeiten Grundschülerinnen an Computern (2017).
Im niedersächsischen Schüttorf arbeiten Grundschülerinnen an Computern (2017).
©dpa

Der Streit um die Digitalisierung des Unterrichts in deutschen Schulen ist mit einem immerwährenden Eltern­abend vergleich­bar. Die Diskussion zieht sich hin, sie wird emotional – und am Ende steht ein Ergebnis, das im Mathe­unter­richt als kleinster gemeinsamer Nenner bezeichnet werden würde.

Die einen empfehlen das konzentrierte Studium eines guten Buchs, die anderen wollen die ganze Schule in die digitale Daten­wolke schicken. Dann rechnet einer aus, dass das Geld sowieso nicht reicht, die Lehrer fehlen oder keine Ahnung haben.

Schließlich zitiert irgendjemand eine der zahlreichen Erkenntnisse des Hirn­forschers Manfred Spitzer, der mit seinem Hinweis auf die digitale Demenz zum Dagobert Duck unter den Wissen­schaftlern seines Fachs geworden sein dürfte. Und die Schüler? Fragen sich, warum ihre Ranzen platzen, daheim alles viel moderner ist als in der Schule und Papa und Mama von der Arbeit nur noch erzählen, das eigne Unter­nehmen werde durch die Digitalisierung auf den Kopf gestellt und das ganze Leben sowieso.

Digitalisierung und humanistischer Bildung sind kein Wider­spruch

Um den Nenner also etwas zu vergrößern, soll es hier nicht um Details künftiger Lern­inhalte gehen, also nicht um die Frage, in welcher Form die Digitalisierung in die Pädagogik Einzug halten sollte. Wohl aber ist es Zeit dafür, den Streit über das Ob zu beenden. Denn selbst­verständlich müssen in Deutschland nicht nur Autos und Maschinen an das beste verfügbare Netz angeschlossen werden können, sondern auch die Schulen.

Dass es in Deutschland selbst darüber noch eine Diskussion gibt, dass es gar heißt, wer so argumentiere, sei allein technik­verliebt und habe ansonsten von Schule keine Ahnung, baut einen Gegen­satz zwischen Digitalisierung und humanistischer Bildung auf, den es an der Stelle nicht gibt.

Auch der Hinweis, von den 5 Milliarden Euro Anschub­finanzierung, die der Bund im Rahmen des Digital­pakts in die Schulen investieren wolle, entfalle gerade einmal ein fünf­stelliger Betrag auf jede einzelne Schule, ist eher ein Witz denn ein Argument. Selbst­verständlich reicht das Geld nicht, was man merken wird, wenn man beginnt zu investieren. Das wird dazu führen, dass noch mehr Geld für dieses sinnvolle Projekt ausgegeben wird, was aber nie passieren wird, wenn man nicht irgendwann damit anfängt. Auch hier ist der größt­mögliche Divisor das größtmögliche Tot­schlag­argument von Pädagogen, die in Ruhe gelassen werden wollen.

Was hält die deutschen Länder also auf, ihre Schulen an moderne Glas­faser­leitungen anzuschließen und flächen­deckend W-Lan-Router zu verbauen, die drahtlose Internet­zugänge bis in das letzte Klassen­zimmer und das hinterste Chemie­labor ermöglichen? Ist es nur das Unvermögen, derartige Zugänge anständig zu planen und dann ausführen zu lassen? Das könnte man schnell ändern.

Falls mehr dahintersteckt, hilft vielleicht der Hinweis weiter, dass eine solche Infra­struktur kein trojanisches Pferd ist, um dem Erlernen alter Sprachen wie Latein oder Griechisch den Garaus zu machen, sondern dass sie vollkommen Inhalte-neutral ist. Welche Daten durch die Leitungen fließen, liegt allein im Ermessen der Schule.

Mehr Eigen­initiative von den Lehrern ist gefragt

In der Schule wiederum ist es ebenso selbst­verständlich an der Zeit, dass sich die Lehrer­kollegien engagierter mit dem befassen müssen, was diese digitale Infra­struktur möglich machen könnte. Dabei muss ihnen zum einen selbst­verständlich der Arbeit­geber helfen. Anderer­seits müssen sich auch die Lehrer sagen lassen, dass für sie in Fragen der Digitalisierung nichts anderes gilt als für jeden Mitarbeiter eines normalen Unter­nehmens auch: Der Wandel vollzieht sich so schnell, dass man sich nicht auf mögliche Weiter­bildungs­angebote vom Chef verlassen darf.

Ohne Eigeninitiative geht es nicht. Es muss nicht jeder Programmieren lernen, aber es schadet nicht zu wissen, wie im Netz alles mit allem zusammen­hängt, wie Programmieren ganz grundsätzlich funktioniert und was HTML5 und Java-Script mit dem Netz zu tun haben. Vielleicht hilft ein kleiner, gar nicht so hinkender Vergleich: Das ist ebenso wichtig, wie es gut ist, zu wissen, mit welchen Worten Cäsar sein Buch „Der Gallische Krieg“ beginnt oder wer Marie Curie war.

Die Baustellen angehen

Wenn erst einmal die digitale Infrastruktur gebaut wäre, könnten kluge Lehrer ihren Unter­richt so gestalten, dass die Möglich­keiten der Digitalisierung wenigstens potentiell erforscht werden könnten. Wer sich mit der Materie auskennt, weiß allerdings auch, dass die Daten­schutz­grund­verordnung die Nutzung intelligenter Lern­programme im Schul­unter­richt verhindert, wenn nicht zuvor alle Eltern dem explizit zugestimmt haben. Wenn Schüler 16 Jahre alt werden, müssen auch sie ihre Zustimmung erteilen.

Dieses De-facto-Verbot personalisierter Lernprogramme ist die zweite Baustelle – nach der Installation der Router und der Verlegung der Glas­faser­kabel. Auch hier geht es nicht um die Form, also die Art und Weise des künftigen Unterrichts, sondern darum, überhaupt eine Lösung für die Schulen zu finden, die im Alltag praktikabel ist. Diese Diskussion ließe sich ebenfalls ohne Ideologie führen. Danach könnte man weiter­sehen, ohne digital dement zu werden, sich gegenseitig mit Studien zu erschlagen oder die nächste Bildungs­reform ausrufen zu müssen.