Bremen : iPads für alle – wie managt man eine Digitaloffensive?

Das Land Bremen stattet flächendeckend an allen Schulen Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte mit Tablet-PCs aus. Damit nimmt Bremen bundesweit eine Vorreiterrolle ein – mit großer Aufmerksamkeit wird das Projekt deshalb auch überregional verfolgt. Die Auslieferung der Tablets an die Schülerinnen und Schüler erfolgt in zwei Schritten, die Testphase hat bereits begonnen. Viele logistische und technische Details müssen dabei beachtet werden, und so manche Fallstricke werden erst im Laufe des Prozesses sichtbar werden. Das Schulportal sprach mit Rainer Ballnus, dem Leiter des Bremer Zentrums für Medien, der mit seinem Team für die Umsetzung des Digitalpakts in Bremen verantwortlich ist.

Florentine Anders / 20. Oktober 2020
Die an Bremer Schulen genutzte Lernplattform "itslearning" ist auf einem Tablet zu sehen.
In Bremen bekommen alle Schülerinnen und Schüler Tablets. Mit „itslearning“ hat Bremen schon lange eine gut funktionierende Lernplattform.
©dpa

Schulportal: Bremen ist das erste Bundesland, das in zwei Schritten alle Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten ausstattet. Wie kommt das Großprojekt voran?
Rainer Ballnus: An vier Pilotschulen wird die Auslieferung der Endgeräte gerade getestet. Wir wollen kurzfristig Erfahrungen sammeln und schauen, wie wir den Prozess optimal gestalten. Kurz nach den Herbstferien sollen zunächst alle Schulen mit einem hohen Anteil an sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern beliefert werden. Wir sind mit unserem Zeitplan allerdings etwas in Verzug, da es momentan Lieferschwierigkeiten bei den Tastaturhüllen für die Tablets gibt, die wir dazu bestellt haben. Ohne die stoßsichere Schutzhülle aber möchten wir die Geräte nicht verteilen.

Das ist auch die klare Rückmeldung aus den Schulen. Schließlich sollen die Tablets ja eine Weile halten, denn, seien wir realistisch: Es wird in der nächsten Zeit vermutlich keine vollständige Rückkehr zum normalen Schulalltag mit dem gewohnten Präsenzunterricht geben. Aufgrund der Infektionsgefahr, den Abstandsbestimmungen und vor allem aufgrund des fortwährenden Risikostatus eines erheblichen Anteils der Lehrkräfte rechnen wir damit, dass es auch in Zukunft zu einer Mischung von Präsenz- und Distanzunterricht kommen wird, auf die sich die Schulen jetzt vorbereiten müssen. Um auf erneut auftretende Pandemiewellen vorbereitet zu sein, ist es für uns dringend geboten, das Lernen auf Distanz durch geeignete Strukturen unverzüglich sicherzustellen.

Rainer Ballnus ist Leiter des Bremer Zentrums für Medien.
©Privat

Warum haben Sie sich in Bremen für Tablets und nicht für Notebooks entschieden?
Im Grundsatz sind einfache technische Lösungen zu bevorzugen. Der Einsatz von Tablets ist sehr niedrigschwellig und zeigt an Schulen einen hohen pädagogischen Mehrwert für den Unterricht. Tablets zeichnen sich durch intuitive, haptische Bedienung, zweckgemäße Bildschirmgröße und einen optimalen Grad an Mobilität aus. Zudem dürfen Schülerinnen und Schüler mit körperlichen Einschränkungen durch die Digitalisierung keine Nachteile erfahren. Bei Tablets kann mit leistungsfähigen Bedienungshilfen entsprechend unterstützt werden, sodass die Chancengleichheit besonders gefördert wird.

Zudem haben Tablets eine viel längere Akku-Laufzeit als Notebooks. Das ist wichtig – die Schülerinnen und Schüler haben an ihren Arbeitstischen in der Schule ja keine Steckdosen. Und Geräte wie iPads lassen sich mit geringem Aufwand zentral managen, auch das war ein wichtiger Aspekt. Es muss für Phasen des Distanzlernens auf einfache technische Lösungen gesetzt werden – auch wenn Notebooks und Laptops mehr digitale Möglichkeiten bieten –, um keine unnötigen Hürden zu errichten. Am Ende steht nicht das digitale Endgerät mit den mächtigsten Funktionen und den umfangreichsten Tools und Apps im Mittelpunkt, sondern die Beziehung zu den Schülern sowie die Begleitung ihrer Lernprozesse.

Warum muss es ein Einheitsgerät für alle sein? Die Schulen könnten doch auch aus einem „Korb“ von verschiedenen Endgeräten wählen?
Ganz einfach: Wenn wir allen Lehrkräften und Schülern die gleichen einheitlichen digitalen Endgeräte in Form von Tablets bereitstellen, können wir drei wichtige Anforderungen an eine funktionierende Digitalisierung von Schule erfüllen. Erstens bietet die Standardisierung auf eine Gerätegattung Vorteile bei der notwendigen Qualifizierung und Begleitung der Lehrenden. Zweitens kann damit ein verlässlicher, einheitlicher und standardisierter Support gewährleistet werden, und drittens sichern die Geräte eine verlässliche gemeinsame Ausstattung im Klassenraum sowie zu Hause ab. Es hängt damit nicht mehr von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab, welches Gerät der Schülerin oder dem Schüler zur Verfügung steht.

Es hängt damit nicht mehr von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab, welches Gerät der Schülerin oder dem Schüler zur Verfügung steht.

An einigen Schulen gibt es mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler. Werden die iPads für alle auf einmal geliefert?
Nein, das geht nur in mehreren Tranchen. Die Geräte können ja nicht auf dem Schulhof abgestellt werden, sondern müssen sicher gelagert werden. Die Schulen wären auch mit der Verteilung überfordert, wenn alles auf einmal käme. Und dann müssen mit jedem Schüler und jeder Schülerin die Geräte eingerichtet werden. Die Lehrkräfte nehmen also mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam die iPads in Betrieb, damit sich jedes Gerät beim zentralen Mobile Device Management anmeldet. Bei der Verteilung der iPads an die Lehrkräfte hat dieser Prozess bereits geräuschlos funktioniert. Die Lehrkräfte wurden zuvor und begleitend online qualifiziert und können auch weiterhin umfassende Tutorials auf unserer Plattform  abrufen. Wenn es dennoch haken sollte, gibt es einen Ansprechpartner vom IT-Support.

Welche Ausstattung gibt es auf den Geräten?
Die Schüler-Tablets sind pädagogisch eingerichtet und können je nach Bedarf an der Schule um weitere Apps und Software ergänzt werden. Schülerinnen und Schüler können Apps nicht selber runterladen und installieren. Die Schülerinnen und Schüler können zwar frei surfen, aber natürlich sind entsprechende Kinder- und Jugendschutzfilter aktiviert.

Mit „itslearning“ hat Bremen schon lange eine gut funktionierende Lernplattform. Es handelt sich dabei um ein kommerzielles Angebot, das beständig gewartet, mit Updates versorgt und weiterentwickelt wird. Die Tablets können sich in der Schule automatisch mit der digitalen Tafel verbinden, sodass auch die Schüler ihre Arbeitsergebnisse sofort für alle spiegeln können. Würde jemand das Gerät klauen, könnte der oder die Betreffende nichts damit anfangen: Das Tablet ist gesperrt, kann im Verlustfall geortet und durch Dritte nicht mehr in Betrieb genommen werden.

Was passiert, wenn ein Schüler oder eine Schülerin das Gerät verliert oder kaputt macht
Beschädigungen und Verluste werden überschätzt. Wir haben uns einzelne Schulen in anderen Bundesländern angesehen, die bereits komplett mit Endgeräten ausgestattet sind. Verluste passieren sehr selten, die Schülerinnen und Schüler sind stolz auf ihr Gerät und behandeln es auch sehr sorgfältig. Wenn jemand vorsätzlich ein Gerät beschädigt, hat das Konsequenzen – wie bei Schulbüchern oder dem Taschenrechner. Wie diese Konsequenzen konkret aussehen, darüber sind wir im Austausch mit den Schulen.

Wird jede Schule einen IT-Administrator oder eine -Administratorin zur Wartung der Geräte bekommen?
Klar ist, dass es zu einer Aufstockung der Personalressourcen und einer Ausweitung der Unterstützungsangebote durch den IT-Support kommt. Hierbei wollen wir auch neue Lösungsansätze, wie zum Beispiel den Einsatz von schulischen IT-Unterstützern an weiterführenden Schulen erproben. Wir werden dies und weitere Prozesse in den nächsten zwei Jahren testen und mit einem erweiterten Hersteller-Support inklusive der Bereitstellung einer Hotline ergänzen.

Insgesamt bin ich überzeugt, dass diejenigen im Umgang mit der Pandemie erfolgreicher sein werden, die die Digitalisierung in der Schule vorangetrieben haben und Lernplattformen und weitere digitalen Tools und Managementsystemen genutzt und gewinnbringend in einen krisenresilienten Schulalltag adaptiert haben.

Auf einen Blick

  • Das Land Bremen verteilt in zwei Schritten fast 100.000 Tablet-PCs an Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler.
  • Die Lehrkräfte haben ihre Tablets bereits erhalten, nun läuft die Ausstattung der Schülerinnen und Schüler.
  • Im ersten Schritt werden Schulen bevorzugt, die einen hohen Anteil sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler haben. Bei der Ressourcenzuweisung an Schulen richtet sich Bremen seit Jahren nach Sozialinidkatoren. Die Indikatoren wie etwa Einkommen, Gesundheit, Arbeit, Wohnen spiegeln die soziale Situation in verschiedenen Lebensbereichen.
  • In einem zweiten Schritt kommen dann alle anderen Schulen zum Zuge.