Bonus-Programm : Unterstützung für Schulen in schwieriger Lage

In Berlin werden in schwieriger sozialer Lage mit einem besonderen Programm unterstützt. Sie bekommen zusätzliche finanzielle Mittel, über deren Einsatz sie selbst entscheiden können. Das DIPF hat das Programm evaluiert. Kai Maaz vom Autorenteam der Studie spricht im Interview über die Ergebnisse.

Regina Köhler / 02. November 2018
18.10.2018, Niedersachsen, Hannover: Ein M‰dchen in zweiten Klasse malt in der Grundschule M¸hlenberg mit ihrem Malkasten. Die Landesregierung will Schulen, die in einem schwierigen sozialen Umfeld arbeiten, konzeptionell und materiell unter die Arme greifen. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Arbeitsgemeinschaften, Fortbildungen oder Projekte - Die Schulen im Bonusprogramm können selbst entschieden, wofür sie die Mittel verwenden.
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In Berlin gibt es seit 2014 ein besonderes Unterstützungsprogramm für Schulen in schwieriger sozialer Lage. An aktuell 220 Schulen sind mindestens die Hälfte der Schülerinnen und Schüler von der Zuzahlung zu den Lernmitteln befreit. Diese Schulen bekommen zusätzlich Geld von der Bildungsverwaltung (jährlich bis zu 100.000 Euro pro Schule). Die Schulen schließen Zielvereinbarungen mit ihrer Schulaufsicht ab und setzen das Geld aus dem Programm eigenverantwortlich ein, um diese Ziele zu erreichen. So finanzieren sie beispielsweise mit den zusätzlichen Mitteln Fortbildungen, die Intensivierung der Elternarbeit oder die Durchführung von Projekten und AGs. Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) hat das “Bonus-Programm” evaluiert und nun eine Studie dazu vorgelegt. Das Schulportal sprach mit Kai Maaz vom Autorenteam der Studie über die Ergebnisse.

Deutsches Schulportal: Herr Maaz, die Studie zeigt, dass das Bonus-Programm vor allem zur Verbesserung von sogenannten weichen Faktoren wie Motivation, Innovationsbereitschaft und Sozialverhalten an den Einrichtungen geführt hat, auch das Schulklima verbesserte sich. Keine relevanten Fortschritte gab es hingegen bei den Lernleistungen, der Schulabbrecherquote oder der Zahl der Gymnasialempfehlungen. Ist das Programm gescheitert?
Kai Maaz: Überhaupt nicht. Zum einen muss man realistisch sehen, was in so kurzer Zeit zu erwarten war. Zum anderen sind die genannten Erfolge nicht nur weiche Faktoren. Der positive Effekt des Bonus-Programms besteht zu allererst darin, dass die Schulen anders über sich nachdenken, sich fragen, wo sie stehen, was ihre Entwicklungsziele sind und wie sie diese erreichen können. Das Programm hat also wesentlich dazu beigetragen, Schulentwicklungsprozesse anzuregen. Langfristig gesehen ist das vielleicht sogar ein wichtigerer Erfolg als kurzfristige Veränderungen der Leistungsdaten.

Verbesserung der Lernleistungen und der Schulabbrecherquote sind aber als Ziele des Bonusprogramms genannt worden, warum?
Letztlich geht es um genau diese harten Ziele, daher ist es auch richtig, sie zu benennen. Da diese Ziele aber nicht leicht und schon gar nicht in kurzer Zeit zu erreichen sind, kann es hilfreich sein, auf dem Weg dorthin Zwischenziele zu formulieren und diese ebenso in Evaluationen mit einzubeziehen.

Auf welchen Daten beruht Ihre Studie?
Unsere Ergebnisse beruhen auf Befragungen und Interviews mit Schulleitungen und Lehrkräften. Außerdem haben wir schulstatistische Daten des Landes Berlin ausgewertet, wie Schuldistanz, Abbrecherquote, Förderprognose am Ende der Grundschulzeit.

Werden Sie die Entwicklung der betreffenden Schulen weiterverfolgen und vielleicht in drei Jahren noch einmal schauen, wie es ihnen geht?
Unser Auftrag ist abgeschlossen. Wobei es wichtig wäre, in einigen Jahren noch einmal zu prüfen, wie sich die Schulen entwickelt haben. Das Interesse von unserer Seite ist jedenfalls da. Schließlich gibt es viel zu wenige Studien, die nach einer bestimmten Zeit noch einmal wiederholt werden. Dabei ist es notwendig, die Wirksamkeit bestimmter Programme über einen längeren Zeitraum zu betrachten.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat den am Bonus-Programm beteiligten Schulen, die ihre selbst gesteckten Ziele nicht erreicht haben, das Geld gekürzt. Ist das ein richtiger Umgang mit dem Problem?
Ich denke, dass die Mittelkürzung nicht hilfreich ist. Dadurch wird doch nichts besser an den Schulen. Wenn eine Schule ein Ziel nicht erreicht, muss die Frage nach dem Warum gestellt werden. Und daraus müssten dann Maßnahmen entwickelt werden. Vielleicht ist es auch zielführender, Schulen, bei denen es besonders gut läuft, mit einem zusätzlichen Bonus zu belohnen, mit einer speziellen Anerkennung etwa.

Wie sieht es in anderen Bundesländern aus, gibt es ähnliche Unterstützungssysteme für Schulen in schwieriger Lage?
Ein in Umfang und Zuschnitt vergleichbares Programm wie das Bonus-Programm in Berlin gibt es in anderen Bundesländern bislang nicht. Allerdings wird in mehreren Bundesländern die soziale und ethnisch-kulturelle Zusammensetzung der Schülerschaft ebenfalls bei der Ressourcenausstattung berücksichtigt, etwa bei der Lehrerzuweisung, dem Umfang von Sprachförderstunden und weiteren Bereichen. Die Entwicklung in Hamburg ist in dieser Hinsicht besonders weit fortgeschritten. Auch das Land Schleswig-Holstein entwickelt gegenwärtig ein neues Förderprogramm für Schulen in schwieriger Lage.

Brauchen diese Schulen weitere Formen der Unterstützung?
Das Bonus-Programm ist natürlich nur ein Teil der Unterstützung, die diese Schulen bekommen. Dennoch, es ist wichtig, am Ball zu bleiben. Einmalige Hilfen bringen nur temporär etwas, Hilfe muss langfristig angelegt sein, damit sie dauerhaft etwas bewirkt. Die Schulen sollten mit der Verwaltung und den Schulaufsichten im Gespräch bleiben, sich über die Herausforderungen austauschen, denen sie gegenüberstehen und darüber, welche Entwicklungsmöglichkeiten es für sie gibt.

Bei der Vorstellung der Studie haben Sie gefordert, dass sich Schulen in schwierigen Lagen auch untereinander stärker austauschen und zusammenarbeiten sollten. Warum ist das wichtig?
Zusammenarbeit ist wichtig, damit die Schulen voneinander lernen, Erfolgsmodelle austauschen können. Die Verwaltung sollte deshalb dafür sorgen, dass die Schulen sich untereinander vernetzen, etwa eine Plattform installieren, auf der das möglich ist. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte eine Informationsveranstaltung sein, zu der die Bildungsverwaltung alle Schulen eingeladen hat, die an der Studie teilgenommen haben.

Berlin und Hamburg machen sich jetzt auf Bundesebene dafür stark, dass alle Bundesländern ein gemeinsames Förderprogramm für Schulen in benachteiligten sozialen Lagen auflegen. Ist das realistisch?
Ich halte es für sinnvoll und wichtig, dass es Programme gibt, um Schulen in herausfordernden Lagen zu unterstützen. Und in mehreren Ländern gibt es bereits entsprechende Programme. Wichtig fände ich einen koordinierten Austausch zwischen den Ländern, den verschiedenen Programmen und den Evaluationen. Davon können Bildungspolitik und Bildungsforschung lernen und die Bildungspraxis profitieren.

Mehr zum Thema

  • Die Robert Bosch Stiftung hat 2016 das Entwicklungsnetzwerk zur Unterstützung für Schule in kritischer Lage ins Leben gerufen. Darin tauschen sich Vertreterinnen und Vertreter von Bildungsverwaltungen, Schulaufsichten und Landesinstituten aus und entwickeln gemeinsam Unterstützungsangebote weiter.
  • Sieben Bundesländer sind daran beteiligt. Neben den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen gehören auch Nordrhein-Westfalen, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen dazu.
  • Im Netzwerk erhalten die Akteure Einblicke in Fragestellungen und Lösungsansätze anderer Bundesländer und können voneinander lernen.
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