Bildungschancen : Bitte nicht noch mehr Tests zum Lernstand

Die Pandemie zeigt deutlich: Gute Bildung ist Glück. Dabei gibt es jede Menge Lern­stands­tests und Konzepte für digitale Bildung. Es muss nur endlich daraus etwas folgen.

Dieser Artikel erschien am 04.01.2022 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Schüler:innen im Unterricht
Wo stehen unsere Schüler und Schülerinnen im Stoff nach knapp zwei Jahren Pandemie?
©iStock

Wie sehr erfolgreiche Bildung in Deutschland vom Glück abhängt, lässt sich gut an der Pandemie erzählen. Wer einen Informatik­lehrer hatte, der nicht nur die alten Computer sondern auch die frisch gelieferten Digital­pakt-Tablets ein­richtete, wer zufällig eine Lehrerin hatte, die ein paar interaktive Lern­tools kannte – der hatte in den vergangenen knapp zwei Jahren vor allem eines: das Glück, wenigstens digital lernen zu dürfen.

Bildung hängt in der Pandemie noch einmal mehr vom Zufall ab, in die richtige Familie geboren zu sein. Kinder mit gebildeten Eltern konnten Schul­schließungen über­stehen, ohne allzu viel Stoff zu verpassen, während viele, die vorher schon niemanden hatten, der mit ihnen lesen übte, das Lesen wieder ganz verlernt haben.

Um dem entgegenzuwirken, braucht man erstens detailliertes Wissen über die Schwach­stellen im System, zweitens gezielte Maßnahmen und Ideen, wie man diese Schwach­stellen ausbügeln könnte – und drittens die Kontrolle darüber, wie erfolg­reich diese Maßnahmen tatsächlich sind.

Wissen darüber, wo die Schüler und Schülerinnen im Stoff stehen, sollte eigentlich in den Bundes­ländern vorhanden sein: Lern­stands­tests gibt es massen­weise. Neben der berühmten intern­ationalen Pisa-Studie heißen bundes­weit veröffentlichte Tests etwa TIMMS (Mathe 4. Klasse), iglu (Lesen in der Grundschule) oder deutschland­weit IQB-Bildungs­trend (2022 sind Deutsch und Fremd­sprachen der 9. Klassen dran). Daneben gibt es in allen Bundes­ländern noch Vera – Tests für bestimmte Klassen­stufen, die den Schul­leiterinnen zeigen, wo ihre Schule steht, und den Lehr­kräften über jeden Schüler Stärken und Schwächen zumindest in den Haupt­fächern mit­teilen. Zusätzlich haben die Länder dann noch ihre eigenen Tests, Kermit in Hamburg zum Beispiel, ILeA in Berlin und Brandenburg, das nach und nach auch andere Bundes­länder einsetzen. Lernstand 5 in Baden-Württemberg.

Doch in dieser Pandemie, in einer Situation, in der es einmal mehr darauf ankommt, genau zu wissen, wie viel Stoff die Schülerinnen und Schüler verpasst haben, gab es selten befriedigende Antworten. Wollten Bildungs­forscher oder Journalisten wissen, wie viele Kompetenzen der Lockdown die Kinder gekostet hat, mussten sie sich an diversen Befragungen von Eltern und Schülern und Lehr­kräften festhalten, etwa vom ifo-Institut oder vom Schul­barometer der Bosch-Stiftung. Das ifo-Institut stellte etwa anhand der Einschätzungen der Eltern eine deutlich geringere Lern­zeit der Kinder im Lockdown fest. Drei bis vier Prozent weniger Lebens­gehalt könnten die Folgen für die Kinder sein, hieß es. Im Schul­baro­meter beobachten Lehrer und Lehrerinnen nicht nur, dass Schülerinnen und Schüler weniger gelernt haben, sondern auch, dass sie unmotivierter, unkonzentrierter und aggressiver waren. Klar wurde: Allein mit Nach­hilfe und Pauken ist es nicht getan. Trotz der interessanten Ergebnisse handelt es sich bei diesen Studien nur um subjektive Schätzungen. Wenn man den tatsächlichen Lernstand erfahren will, zitieren Bildungs­experten hilflos eine Studie aus den Niederlanden, die zeigt, dass die Leistungen während der Schul­schließungen um 20 Prozent niedriger seien als die früherer Jahr­gänge.

Finanzieren, ausprobieren, evaluieren

Denn die vielen deutschen Studien fanden 2020 meist gar nicht und 2021 häufig verspätet oder nur freiwillig statt. Nur Hamburg, Baden-Württemberg und Brandenburg haben einige Ergebnisse veröffentlicht. Ganz so tragisch ist der Lern­verlust demnach im Schnitt nicht, etwa einen Monat für Fünft­klässlerinnen in Baden-Württemberg. Das lässt sich für die meisten Schülerinnen und Schüler gut aufholen. Aber wie erwartet ging die Schere weiter auf: Wer ohnehin schon benachteiligt war, steht nun noch schlechter da. Ende 2023 und 2024 wird es Ergebnisse aus bundes­länder­über­greifenden Tests geben. Dann wird die Pandemie möglicher­weise noch ein paar Runden gedreht haben und die Studien­ergebnisse werden sehr alt sein, weil sich die Qualität des digitalen Unterrichts zum Beispiel längst verändert hat.

Nun kann man denken, wen kümmert‘s? Hauptsache Schulen und Lehrer haben Daten und können ihren Schülern damit die pass­genaue Förderung zugute kommen lassen. Darum geht es schließlich. Doch erstens drängt sich auf, dass die Kultus­minister nicht wissen wollten, wie groß die Katastrophe insgesamt ist, und zweitens auch nicht über­prüfen lassen wollen, ob die folgenden Maßnahmen den Kindern auch wirklich helfen.

Kommt Hilfe an? Auch wieder Glücks­sache

Denn natürlich ist das, was beim einzelnen Kind ankommt, auch wieder Glücksache. Selbst wenn die Lehrerin weiß, was es braucht, kann sie es auch anbieten? Ist das Geld vom Aufholpaket – zwei Milliarden vom Bund und noch Etliches von den Ländern oben­drauf – in ihrer Schule abrufbar? Wenn ja, dann gibt es jede Menge Ideen: Sie kann vielleicht mit dem Geld die bestens vorbereitete Lehr­amts­studentin in den Unterricht holen, die die Kinder schon aus den Arbeits­gemeinschaften am Nachmittag gut kennen. Oder vielleicht gibt es eine Uni in der Stadt, sodass sich viele neue Lehramts­studierende rekrutieren lassen. Vielleicht sind auch pensionierte Lehrer bereit mitzuhelfen. Oder es gibt Gutscheine für ein Nach­hilfe­institut für ein paar Stunden. Aber das funktioniert nur, wenn die Kinder noch motiviert sind. Wenn man genau weiß, was sie brauchen.

All das zeigt: Die neue Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger muss jetzt — wie der Gesundheits­minister – Inventur machen. Was gibt es schon und was braucht man jetzt ganz dringend? Wo müssen die Länder eingreifen und wo muss trotz Föderalismus der Bund doch stärker in die Verantwortung gehen? Vieles ist zwar schon da, manchmal vielleicht sogar im Überfluss. Lern­stands­erhebungen sind dafür nur ein Beispiel. Es gibt auch gute Konzepte für digitalen Unterricht und Fortbildungen. Man weiß auch, dass Teams aus Psychologen, Sozial­arbeitern, Erziehern, mehr Verwaltungs­kräften und Lehrern den Schulen helfen würden, alle Schüler im Blick zu behalten. Nur muss man sicher­stellen, dass Maßnahmen überall dort, wo sie gebraucht werden, auch finanziert, ausprobiert und wieder evaluiert werden – damit Bildung in Zukunft weniger Glücks­sache ist.