Dieser Artikel erschien am 30.10.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Silke Fokken

Personalnot an Berufsschulen : Bis 2030 werden 60.000 neue Lehrer gebraucht

Der Lehrermangel in Deutschland trifft die Berufsschulen besonders hart, zeigt eine Studie. Experten werfen der Politik gravierende Versäumnisse vor.

Berufsschüler im Unterricht
Auszubildende im Unterricht (Symbolbild)
©dpa

Unterrichtsausfall, weil der Lehrer fehlt – und zwar nicht ausnahms­weise, sondern von Anfang an, das gesamte Schul­jahr über. „Das ist seit Jahren Alltag an Deutsch­lands Berufs­schulen, und es wird immer schlimmer“, sagt Joachim Maiss, Vorsitzender des Bundes­verbandes der Lehrer an Berufs­bildenden Schulen (BVLB).

„Vor den Sommerferien gehen fünf Kollegen in den Ruhestand, aber wenn der Unter­richt danach wieder losgeht, sind nur zwei neue Kollegen für sie da“, sagt Maiss, der Schul­leiter an einer Berufs­schule in Nieder­sachsen ist. „Wir wissen nicht, wie wir so den Unter­richt sicher­stellen sollen.“

Wenn er den Stundenplan festlege, müsse er bei mehreren Fächern von vorn­herein Stunden kappen, sagt Maiss. „Einige Fächer können wir zum Beispiel nur mit vier statt etwa sechs Stunden anbieten.“ Eine Not­lösung. Schüler und Lehrer hätten dadurch viel weniger Zeit, um den Stoff für die Prüfung durch­zunehmen. Aber es fehle eben an genügend Lehr­kräften – nicht nur in Nieder­sachsen.

Die Unterrichts­versorgung an Berufs­schulen liege bundes­weit im Schnitt bei 90 Prozent, in Ost­deutsch­land oftmals deutlich darunter, sagt Maiss. Das Frustrierende: Das Problem sei absolut nicht neu, und es werde sich noch weiter verschärfen.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die an diesem Montag vorgestellt wird, gibt dem Schul­leiter recht. Die Ergebnisse verdeutlichen das Ausmaß des Lehrer­mangels an Berufs­schulen: Bis zum Jahr 2030 geht demnach fast die Hälfte der rund 125.000 Berufs­schul­lehrer in den Ruhe­stand. Allein bis zum Jahr 2020 werden jährlich 4000 neue Berufs­schul­lehrer durch­schnittlich benötigt. Aber: Der Nachwuchs fehlt.

Gewaltige Lücke zwischen Bedarf und Angebot

Ausgebildet werden derzeit nur rund 2000 Lehr­kräfte pro Jahr. Damit klaffe auch bei den Berufs­schulen eine gewaltige Lücke zwischen Bedarf und Angebot an Lehr­kräften, heißt es in der Studie, die der Bildungs­forscher Klaus Klemm erstellt hat. Er geht davon aus, dass sich der Lehrer­mangel an Berufs­schulen ab dem Jahr 2025 sogar noch stärker zuspitzen wird.

Bis 2030 entstehe ein jährlicher Bedarf von 4800 Lehrkräften, um ausscheidende Lehr­kräfte zu ersetzen und eine größer werdende Schüler­zahl zu bewältigen. Dieser Trend werde sich in den Jahren bis 2035 sogar noch verstärken und den jährlichen Einstellungs­bedarf auf über 6000 Lehr­kräfte steigen lassen.

„Ein Mangel an Berufsschul­lehrern schwächt unser Ausbildungs­system“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertels­mann Stiftung. Aber: Noch habe die Politik Zeit zu reagieren und dafür zu sorgen, dass mehr Berufs­schul­lehrer ausgebildet würden. Dräger fordert eine bundesweite Gesamt­strategie.

„Lehrkräfte werden überall dringend gebraucht. Es hilft nicht, wenn die Länder sich Lehrer gegen­seitig abwerben. Wir müssen insgesamt mehr Berufs­schul­lehrer ausbilden.“ In den vergangenen Jahren seien stattdessen Ausbildungs­kapazitäten für Berufs­schul­lehrer an vielen Universitäten zurück­gefahren worden.

„Das ist eigentlich ein Superjob“

„Die Personalnot hat sich lange angekündigt, trotzdem hat die Politik über Jahre zu wenige Lehr­kräfte eingestellt“, sagt auch der Verbands­vorsitzende Joachim Maiss und der Ärger darüber ist ihm deutlich anzumerken. Dadurch hätten sich für verbliebene Lehr­kräfte die Arbeits­bedingungen nicht eben verbessert: „Die Kollegien schrumpfen, die Stunden, um Stoff zu vermitteln auch. Das verstärkt den Leistungs­druck für die Schüler, aber auch für die Lehrer.“

Viele Studiengänge, die zum Berufsschul­lehrer führen, seien inzwischen sehr ähnlich wie Ingenieurs-Studien­gänge, sagt der zweite Vorsitzende des VBLS, Eugen Straubinger. „Dadurch entscheiden sich viele junge Menschen eher dafür, erstmal Ingenieur zu werden. Sind sie fertig, gehen viele dann in die freie Wirtschaft, wo sie meist besser bezahlt werden.“

Immerhin: „Oftmals könnten sich Menschen nach einigen Jahren in der freien Wirtschaft für die Arbeit an Berufsschulen begeistern, auch weil sie sich besser mit Familie vereinbaren lässt“, sagt Straubinger. Maiss betont: „Das ist eigentlich ein Super­job.“ Entgegen anders­lautender Klischees hätten Berufs­schul­lehrer es oft mit hoch­motivierten Schülern zu tun.

Seiteneinsteiger qualifizieren, Teilzeit aufstocken

Schon heute sind an Berufsschulen laut Bertelsmann-Studie rund ein Drittel der dortigen Lehrkräfte keine aus­gebildeten Berufs­schul­lehrer – mit all den Schwierig­keiten, die damit verbunden sind, wie etwa mangelnde pädagogische Erfahrung. Dräger fordert deshalb, Quer- und Seiten­ein­steiger systematisch zu qualifizieren und dafür bundesweit einheitliche und verbindliche Standards einzuführen.

Es gelte, hochqualifizierte Facharbeiter aber auch Abiturienten über die Arbeit in den Berufs­schulen zu informieren und explizit für dieses Berufs­feld zu werben. Zudem sollten die rund 30 Prozent Teil­zeit­kräfte unter den Berufs­schul­lehr­kräften motiviert werden, ihre Stunden­zahl aufzustocken.