Dieser Artikel erschien am 27.05.2020 in DIE ZEIT
Autor: Jan Schweitzer

Coronavirus : Bin ich gefährlich?

Kinder und Jugendliche erkranken deutlich seltener an Covid-19 als Erwachsene. Sind sie deshalb auch weniger ansteckend? Warum es so schwer ist, darauf eine eindeutige Antwort zu geben

Wochenlang standen Kinder in Deutschland im Verdacht, Virusschleudern zu sein. Möglicherweise zu Unrecht.
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Als am 21. Februar erstmals in Italien ein Mensch an Covid-19 stirbt, in dem Örtchen Vo’ in der Provinz Padua, reagieren die Forscher schnell. Während die Behörden einen Lockdown anordnen, alle Geschäfte schließen und für die knapp 3300 Einwohner das öffentliche Leben zum Erliegen kommt, nimmt ein Wissenschaftlerteam der Universität Padua schon erste Proben.

Denn in dem kleinen Ort bietet sich den Forschern eine einmalige Chance: Sie können alle Einwohner testen, nach Infizierten suchen und die Ausbreitung des Virus beispielhaft in überschaubarem Rahmen studieren. Als sie Mitte April ihre Daten vorab auf eine Internetseite stellen, sticht vor allem ein Befund heraus: Kein einziges Kind unter elf Jahren scheint sich infiziert zu haben. Zumindest ist bei keinem von ihnen der Test positiv.

Seither wird diese Studie weltweit zitiert, vor allem wenn es um die Frage geht, welche Rolle Kinder in der Corona-Pandemie spielen. Tragen sie ebenso zur Verbreitung des Virus bei wie Erwachsene? Oder sind sie möglicherweise viel weniger ansteckend als Ältere? Und wenn es so wäre: Müssten dann nicht umgehend alle Kitas und Schulen wieder geöffnet werden?

Wie viel Sprengstoff in diesen Fragen steckt, zeigt sich in diesen Tagen etwa in den Demonstrationen gegen die Corona-Einschränkungen, bei denen eben nicht nur Verschwörungstheoretiker oder Identitäre zum Widerstand aufrufen, sondern auch Familien mit Kinderwagen mitlaufen. Manchen Politikern kann es gar nicht schnell genug gehen, Kindern den Weg zurück in die Normalität zu bahnen. Als erstes Bundesland hat Sachsen am 18. Mai Kitas und Grundschulen wieder ohne große Einschränkungen geöffnet – als sei erwiesen, dass Kinder für die Verbreitung des Virus keine große Rolle spielen.

Aus Sicht der Wissenschaft ist die Frage allerdings noch längst nicht abschließend geklärt; sie ist derzeit Gegenstand heftiger Debatten. So sorgte in der vergangenen Woche eine Stellungnahme für Aufsehen, in der mehrere Fachgesellschaften die Öffnung von Grundschulen und Kindergärten forderten und das unter anderem damit begründeten, dass das Übertragungsrisiko durch Kinder viel geringer zu sein scheine als bei Erwachsenen. Unterzeichner: die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, die Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland.

Wie sehr das Thema die Gemüter bewegt, bekam auch der Virologe Christian Drosten zu spüren, der in einer Studie im April vor einer sorglosen Öffnung von Kitas und Schulen gewarnt hatte und nun die Stellungnahme der Fachgesellschaften auf Twitter als „eigene Interpretation des Wissensstandes” kritisierte. Anfang dieser Woche versuchte ihn die Bild-Zeitung mit dem Vorwurf zu diskreditieren, er habe selbst unseriös gearbeitet – obwohl es weltweit nur wenige Experten für Corona-Viren gibt, die so geachtet sind wie Drosten.

Das zeigt, wie scharf der Ton mittlerweile geworden ist, wenn es um das Thema Kinder und Corona geht. Zeit, einmal die Argumente und den Kenntnisstand gründlich zu ordnen.

Dabei geht es nur vordergründig um Studien, Fakten oder die Interpretation von Daten; dahinter steht vielmehr der Umgang mit Kindern, die seit Wochen ihre Freunde nicht mehr treffen dürfen; es geht um die Opfer von häuslicher Gewalt oder um Kinder, die zu Hause abgehängt werden, weil ihre Eltern sie bei den Schulaufgaben nicht unterstützen können. All diese Themen schwingen in der Diskussion um die Infektiosität von Kindern mit, und es scheint, als entlade sich nun all der Frust, der sich in den letzten Wochen angesammelt hat.

Viele Fragen sind nach wie vor offen

Das hat auch damit zu tun, dass „Kinder bislang keine Lobby hatten”, wie es Johannes Hübner ausdrückt. Er ist stellvertretender Direktor des Dr. von Haunerschen Kinderspitals an der LMU München und einer der Autoren der Stellungnahme der Fachgesellschaften. Alle möglichen Interessengruppen hätten Fürsprecher, sagt Hübner, „die Bundesliga, Auto- und Möbelhäuser – nur die Kinder nicht. Das war ein Grund für uns, die Stellungnahme zu veröffentlichen.” Vor drei Wochen hatte er mit Kollegen im Deutschen Ärzteblatt bereits zusammengefasst, was Forscher bislang über Kinder als Träger und Überträger des neuartigen Coronavirus herausgefunden haben.

Einige Dinge sind dabei unbestritten: Kinder und Jugendliche infizieren sich deutlich seltener mit dem Coronavirus als Erwachsene – so wie es schon die italienische Studie aus dem Örtchen Vo’ nachwies. Weltweit zeigt sich: Nur ein bis zwei Prozent aller Patienten rund um den Globus sind jünger als 18 Jahre. Und selbst wenn Kinder sich anstecken, entwickeln sie seltener Symptome als Erwachsene, und die Infektion verläuft bei ihnen in der Regel auch milder.

Chinesische Wissenschaftler haben dazu Zahlen im Fachjournal Pediatrics veröffentlicht: In China litten nur etwa sechs Prozent der infizierten Kinder unter einem schweren Verlauf. Und selbst diese Zahl ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen, denn die Forscher vermuten eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer von infizierten Kindern, die gar keine Symptome zeigen. Wäre ihre Zahl genau bekannt, dann sänke vermutlich der Anteil der schwer betroffenen Kinder noch einmal.

Damit aber endet auch schon die Gewissheit. Denn viele weitere Fragen sind nach wie vor offen. Etwa die, weshalb Kinder gegen das Coronavirus robuster sind. Das weiß bisher niemand. Vermutlich spielt ihr junges Immunsystem eine entscheidende Rolle. Aber die genauen Zusammenhänge sind unbekannt.

Ebenso ungeklärt ist die entscheidende Frage: Was bedeutet das alles für den Verlauf der Pandemie? Tragen Kinder tatsächlich weniger zur Verbreitung des Virus bei – oder ist das ein Trugschluss? Dass Kinder seltener erkranken, heißt nicht zwingend, dass sie weniger infektiös sind. Denkbar ist, dass sie das Virus unbemerkt in sich tragen und dennoch andere anstecken – was für die Ausbreitung des Virus sogar besonders gefährlich wäre.

Solche Überlegungen sind es, die auch Christian Drosten umtreiben. Der Corona-Forscher von der Berliner Charité untersuchte in seiner Studie im April zusammen mit Kollegen Covid-19-Patienten daraufhin, wie groß ihre sogenannte Viruslast war. Diese gilt als Maßstab dafür, wie infektiös ein Patient ist. Dabei fanden die Forscher keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. In ihrer vorab veröffentlichten Studie schrieben sie daher: „Kinder könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene.” Und: „Wir müssen vor einer unbegrenzten Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten in der gegenwärtigen Situation warnen.”

Drostens Studie sei „grob falsch”, schrieb am Montag dieser Woche die Bild-Zeitung auf ihrer Internetseite. Als Beleg führte das Blatt verschiedene Forscher an, die angeblich behaupteten, Drosten habe unsauber gearbeitet. Mit einigen herausgegriffenen Zitaten sollte der Vorwurf belegt werden. Doch schon am selben Abend distanzierten sich die meisten der zitierten Forscher von dem Bild-Bericht.

Der richtige Moment für vorsichtige Öffnungen

Der Attackierte selbst zeigte sich im Gespräch mit der ZEIT von alldem wenig beeindruckt. Eine Stunde nachdem die Bild-Attacke online gegangen war, erklärte Drosten am Telefon ruhig, die Studie sei ja eine Vorveröffentlichung, Kritik daran sei normal und willkommen. „Inzwischen haben uns Statistiker geschrieben, die Verbesserungsvorschläge für unsere Analysen gemacht haben, die wir vor offizieller Einreichung der Arbeit auch einarbeiten”, sagt er. „Der Grundtenor der Aussage bleibt aber unverändert oder wird sogar noch schärfer.” Und der laute: „Manche Kinder haben extrem viel Virus im Rachen.”

Eindeutig geklärt ist damit die Frage nach der Infektiosität von Kindern aber nicht – weder in der einen noch in der anderen Richtung. Es gibt bislang nur Hinweise. Eine wichtige Studie dazu kommt aus Island, sie bestätigt die Ergebnisse aus Vo’. Zusätzlich deutet sich in Fallberichten aus Frankreich oder Australien an, dass Kinder seltener sogenannte Indexpatienten sind, also die ersten infektiösen Patienten, die andere anstecken.

„In vielen Untersuchungen sieht man, dass Kinder nicht so stark für die Übertragung von Coronaviren verantwortlich sind wie Erwachsene”, fasst Reinhard Berner zusammen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum der Universität Dresden. Da die Schließung von Schulen und Kitas aber auf dieser Annahme beruhe, „ist es mehr als angemessen, diese eingreifende Maßnahme zu hinterfragen”. Deshalb hat Berner mit einem wissenschaftlichen Konzept auch die Wiedereröffnung der Schulen und Kitas in Sachsen gestützt.

Andere sind vorsichtiger. „Es gibt viele anekdotische Berichte und auch Modellierungen, die zeigen, dass Kinder für die Weiterverbreitung des Virus eine geringe Rolle spielen. Ich sehe die aber noch mit Zurückhaltung”, sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Und britische Forscher, die gerade erst in einer Übersichtsarbeit die wichtigsten Studien zum Thema verglichen, fanden insgesamt nur schwache Belege dafür, dass Kinder und Jugendliche bei der Übertragung des Virus eine geringere Rolle spielen als Erwachsene. Über die Infektiosität von Kindern liefere ihre Arbeit gar keine Informationen, schreiben die Forscher.

„Man muss ganz ehrlich sagen: Die Wissenschaft hat sich zu spät mit dem Thema Kinder und Corona beschäftigt”, kommentiert Reinhard Berner die unbefriedigende Datenlage – eine Einschätzung, die Christian Drosten teilt: „Das momentane Problem ist, dass Übertragungen von und zwischen Kindern zu einer Zeit, als die Schulen und Kindergärten noch offen waren, fast gar nicht untersucht wurden.” Dieser „fast unerträgliche Datenmangel” sei der Grund gewesen, „warum wir unsere vielleicht etwas technisch anmutende Untersuchung überhaupt vorveröffentlicht haben”. Übrigens spricht sich selbst Drosten dafür aus, Schulen und Kitas wieder zu öffnen – „aber nicht, weil die wissenschaftliche Evidenz dafür spricht, die gibt es nämlich nicht, sondern weil es gesellschaftlich geboten ist”.

Er erwarte allerdings, dass es „spätestens vier bis sechs Wochen nach Schulöffnung zu Ausbrüchen kommt, wenn man diese nicht ganz früh erkennt und im Keim erstickt”. Um die rechtzeitig zu entdecken und auch um Lehrern und Erziehern Sorgen zu nehmen, „sollte man ihnen eine regelmäßige Testgelegenheit auch ohne Symptome anbieten, etwa einmal wöchentlich an festen Tagen”, schlägt Drosten vor.

Selbst wenn die Rolle der Kinder als Virusverbreiter also noch nicht endgültig geklärt ist, scheint jetzt der richtige Moment für vorsichtige Öffnungen von Schulen und Kitas zu sein. Die Zahl der Neuinfektionen ist momentan so niedrig, dass man dieses Risiko eingehen kann. Um zu verhindern, dass es im Herbst zu einer neuerlichen Ansteckungswelle kommt, gilt es allerdings, jetzt Erfahrungen zu sammeln. Er sei für die Öffnung, sagt Jonas Schmidt-Chanasit, wenn „die Maßnahmen gut betreut und begleitet werden und wir nie das Heft des Handelns aus der Hand geben”.

Christian Drosten gibt sich vorsichtig optimistisch: „Es kann gut sein, dass wir in Deutschland keine zweite Welle erleben werden, wenn wir bestimmte Dinge wie die Öffnung von Kitas und Schulen jetzt gut einüben.”