Bildungsstudien : Das Lehrer-Schüler-Verhältnis als Erfolgsfaktor

In den vergangenen Jahren hat die Wissenschaft in verschiedenen Studien die pädagogischen Beziehungen in den Blick genommen. Das Ergebnis: Ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis hat nicht nur große messbare Effekte auf den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler, sondern auch auf die Motivation und Gesundheit der Lehrkräfte.

Florentine Anders / 27. Februar 2019
Lehrerin arbeitet mit einem Schüler am Tisch
Verschiedene internationale und nationale Studien haben in den vergangenen Jahren die Effekte des Lehrer-Schüler-Verhältnisses auf den Lernerfolg untersucht.
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Eine mehr als zehn Jahre alte Studie zu der Frage, was eine gute Lehrkraft ausmacht, rückt durch die Publikation neuer Befunde wieder in die öffentliche Debatte. Einer, der dafür sorgt, dass die COACTIV-Studie von Jürgen Baumert neu diskutiert wird, ist Bildungsforscher Olaf Köller am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) an der Universität Kiel. Denn jahrelang, so ist Köller überzeugt, wurde eine ganz wesentliche Erkenntnis aus der Studie vernachlässigt: Es geht um die Wirkung, die die Begeisterung und Motivation der Lehrkraft auf die Lernerfolge der Schülerinnen und Schüler entfalten können.

Die COACTIV-Studie, die unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in den Jahren 2003 und 2004 durchgeführt wurde, hat den Einfluss verschiedener Merkmale der Lehrkraft auf die Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler in Mathematik untersucht. Genutzt wurden dazu auch die Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler, die 2003 an der PISA-Erhebung teilgenommen hatten und die im Jahre 2004 ein zweites Mal getestet wurden.

Als erste Ergebnisse der Studie zwei Jahre später veröffentlicht wurden, hatten sie für großes Aufsehen gesorgt – allerdings unter einem anderen Blickwinkel als heute. Im Fokus stand damals die Erkenntnis, dass ein hohes fachdidaktisches und fachliches Wissen der Lehrkraft den Lernerfolg der Jugendlichen erheblich steigert. Die PISA-Begleitstudie hatte nach dem schlechten Abschneiden der Neuntklässler in den Tests zur Folge, dass in der Lehrerausbildung die Bedeutung des Fachwissens hervorgehoben und an einigen Standorten gestärkt wurde.

Die Begeisterung der Lehrkraft für das Unterrichten steigert die Motivation der Kinder

„Das war eine sehr verkürzte Rezeption der Studie“, sagt Köller heute. Denn spätere Analysen der COACTIV-Studie, die von Baumerts Arbeitsgruppe durchgeführt wurden, hätten gezeigt, dass neben dem Professionswissen auch die Begeisterung für das Unterrichten und das unterrichtete Fach entscheidende Auswirkungen auf den Lernerfolg haben. Sie gehörten genauso zur Professionalität einer guten Lehrkraft wie das fachliche und didaktische Wissen. „Wenn eine Lehrkraft hoch motiviert ist und sich um den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler sorgt, dann steigt auch die Motivation der Kinder und somit die Leistung“, erklärt Köller den in der COACTIV-Studie nachgewiesenen Zusammenhang.

Dass dieser Punkt in der Studie erst jetzt verstärkt in den Blick rückt, liegt auch daran, dass verschiedene internationale Studien inzwischen einen ähnlichen Zusammenhang untersucht und nachgewiesen haben. Eine der bekanntesten Untersuchungen ist die Meta-Meta-Studie „Visible Learning“ des neuseeländischen Wissenschaftlers John Hattie, die mit ihrer Veröffentlichung im Jahr 2008 weltweit für einen Paukenschlag sorgte und spätestens auch mit der deutschen Übersetzung 2013 hierzulande rege diskutiert wird. Hattie hatte 800 Variablen in 700 Meta-Studien ausgewertet, um zu zeigen, welche Unterrichtsmerkmale die größten Effekte auf den Lernerfolg haben. Das Ergebnis: Schulstrukturen, Klassengröße oder bestimmte didaktische Methoden haben nur geringe Auswirkungen auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Dagegen liegen individuelles Feedback (Effektstärke 0,73) und ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrkraft und Schülerin oder Schüler (0,72) ganz oben in der Rangliste der wichtigsten Erfolgsfaktoren für guten Unterricht.

Motivierte Kinder wirken umgekehrt positiv auf das Wohlbefinden der Lehrkraft

Inzwischen gibt es weitere Untersuchungen, die jenes so lange vernachlässigte Lehrer-Schüler-Verhältnis genauer unter die Lupe nehmen. Als eine der aktuellsten führt Bildungsforscher Köller die sogenannte Aldrup-Studie von 2018 an. Zum Autorenteam gehören Karen Aldrup und Uta Klusmann vom IPN. Das Besondere: Anders als in den Vorgängerstudien lag nicht der Effekt der Beziehungen auf den Lernerfolg im Vordergrund. Vielmehr wurde untersucht, wie sich ein gutes Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern umgekehrt auf das Wohlbefinden und auf die Motivation der Lehrkräfte selbst auswirkt. „Wenn die Kinder unmotiviert und undiszipliniert sind, steigert dies die emotionale Erschöpfung der Lehrkraft. Das zeigt, wie wichtig ein gutes Verhältnis für beide Seiten ist“, fasst Köller ein wesentliches Ergebnis aus der Studie zusammen.

Angesichts der zahlreichen empirischen Befunde zur Bedeutung der pädagogischen Beziehungen sei es an der Zeit, diesem Aspekt auch in der Lehrerausbildung mehr Bedeutung zukommen zu lassen, sagt Köller.

Mehr zum Thema

Auf dem Schulportal haben wir in den vergangenen Wochen in verschiedenen Beiträgen die pädagogischen Beziehungen zum Thema gemacht:

  • In einem Gastbeitrag stellen Anne Piezunka und Annedore Prengel Leitlinien für bessere pädagogische Beziehungen vor.
  • Außerdem haben wir einen Vortrag der Psychologin Uta Klusmann zu der Frage „Was Lehrkräfte gesund hält“ für das Schulportal in gekürzter Form aufbereitet.
  • In einem Interview erklärt Wolfgang Vogelsaenger von der Deutschen Schulakademie, wie eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung an der Schule Mobbing und Diskriminierung entgegenwirken kann.
  • In einem Video zeigt das Schulportal das Konzept der Waldparkschule Heidelberg. Die Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises hat durch Lerncoaching die pädagogischen Beziehungen und damit auch die schulischen Leistungen verbessert.