Kai Maaz : „Bildungsgerechtigkeit hat eine Präsenz erhalten wie seit 20 Jahren nicht mehr“

Bildungsgerechtigkeit ist spätestens seit PISA 2000 ein Thema von andauernder Relevanz. In der Pandemie erhält es unter anderem durch Schulschließungen und einer großen Variabilität in der Umsetzung des Fern- und Wechselunterrichts eine erhöhte Aufmerksamkeit. Die Notwendigkeit, auf diese anfänglich nicht vorhersehbare Situation reagieren zu müssen, stellt die Möglichkeit für einen Entwicklungsschub in den Schulen dar, die strategisch genutzt werden sollte, sagt Kai Maaz. Der Bildungsforscher plädiert zum Beispiel dafür, mit einer sorgfältigen Auswahl von Feedbackinstrumenten die Lernfreude und Selbstwirksamkeit von Kindern zu stärken, die zu Hause weniger Unterstützung erfahren als andere; genau so, wie es die Bewerberschulen um den Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial tun.

Inge Michels 12. April 2021 Aktualisiert am 06. Juli 2021 1 Kommentar
Bildungsgerechtigkeit Kinder im Schulflur
Gerade in der Corona-Pandemie kommt es darauf an, dass Kinder den Bezug zur Schule nicht verlieren und ihre Freude am Lernen bleibt.
©DEEPOL by plainpicture

Deutsches Schulportal: Manchmal brauchen große Themen wie Bildungsgerechtigkeit ganz alltägliche Bezüge, um eine spürbare Dynamik entfalten zu können. Seit dem ersten Lockdown werden Smartphone, Laptop, Computer und Co zum Schlüsselmoment für Bildungsgerechtigkeit. Sehen Sie in dieser Zuspitzung des Themas einen Vorteil?
Kai Maaz: Das Thema Bildungsgerechtigkeit hat in den letzten Monaten meines Erachtens aus zwei Gründen eine so große Aufmerksamkeit erfahren. Zum einen war es die Verfügbarkeit über digitale Geräte der Schülerinnen und Schüler und die Ausstattung an den Schulen mit digitaler Infrastruktur. Beides ist für den Fern-, Hybrid- oder Wechselunterricht eine zentrale Voraussetzung. Zum anderen sind es die fehlenden Lerngelegenheiten durch die Phasen der Schulschließungen und die verschiedenartige Kompensation durch die Bereitstellung schulischer Ersatzangebote. Die Sorgen sind daher groß, dass besonders leistungsschwache Schülerinnen und Schüler und Kinder aus sozial weniger begünstigten Familien nicht optimal erreicht und gefördert werden und sich so größere Lernrückstände aufbauen. Bildungsgerechtigkeit steht jetzt sehr prominent in der Öffentlichkeit, stärker auch als vor 20 Jahren nach der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie. Jeder, der in irgendeiner Art und Weise mit Schule und Bildung zu tun hat, erlebt hautnah, was funktioniert und was nicht. Insofern ist der Druck, der sich aus dieser öffentlichen Präsenz aufbaut, ein anderer als der, der sich aus empirischen Studien ableiten lässt.

Wie können bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche im Lockdown von diesem Druck profitieren?
Zunächst müssen wir dafür Sorge tragen, dass diese Kinder durch die pandemiebedingte Situation nicht weiter benachteiligt werden. Ich hoffe aber, dass aus dem öffentlichen Druck eine Einsicht erwächst, die uns einen Schritt weitergehen lässt und nicht nur kurzfristig auf die Kompensation von Lernrückständen fokussiert. Wir brauchen eine Gesamtstrategie, um Bildungsungleichheit abzubauen. Und diese müssen wir unterteilen in kurz-, mittel- und langfristige Schritte. Abgesehen davon, dass die ersten Schritte schon gestern hätten gegangen werden müssen – denn das Thema ist ja alles andere als neu –, sollten wir jetzt überlegen, was Schulen im Unterricht und im außerunterrichtlichen Bereich zur Förderung der Schülerinnen und Schüler tun können, um alle Schülerinnen und Schüler mitzunehmen. Aber auch der Blick in den Sozialraum der Schule ist wichtig, um dort zusätzliche Ressourcen, zum Beispiel von außerschulischen Bildungsanbietern, nutzbar zu machen. Da spielt die Lehrkraft eine große Rolle. Kinder, die zu Hause nicht die nötige Unterstützung erhalten, um sich selbst gut organisieren zu können, brauchen Lehrkräfte, die das erkennen und professionell darauf reagieren können. Hier sehe ich insbesondere die Schulleitungen in der Verantwortung. Sie müssen die bildungspolitischen Ansprüche und die pädagogischen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler in ihrer jeweiligen Schule zusammenführen und durch passgenaue Fortbildungen flankieren.

Wenn ich auf meine Schulzeit zurückblicke, dann war die Haltung meiner Eltern entscheidend.

Sie selbst avancierten vom Arbeiterkind zum erfolgreichen Bildungswissenschaftler. Eine solche Karriere wird gerne als Beispiel dafür herangezogen, dass Bildungsgerechtigkeit möglich ist. Was haben Schule und Eltern bei Ihnen richtig gemacht, und was ist davon auf das Lernen in Pandemiezeiten übertragbar?
Wenn ich auf meine Schulzeit zurückblicke, dann war die Haltung meiner Eltern entscheidend. Das, was mich interessierte, bewerteten sie nicht, sondern förderten es. Ich durfte zum Beispiel drei Instrumente lernen, was nicht selbstverständlich war. Meine Eltern begegneten allem, was mir wichtig war, mit großer Offenheit; sie erdeten mich auch, wo es nötig war. Mit ihrer Haltung kompensierten sie die weltanschauliche Ausrichtung der Schulen in der DDR, in der ich aufwuchs. Wenn Sie also nach der Übertragbarkeit meiner Biografie auf Lernen in Pandemiezeiten fragen, dann liegt eine Antwort in der Haltung den Lernenden gegenüber. Die Lehrkräfte wissen schon ganz gut, welchen Hintergrund Kinder mit in den Unterricht bringen. Dieses Wissen sollte sich jedoch in einer entsprechend offenen Haltung gegenüber den Neigungen und Interessen der Kinder niederschlagen und vor allem in passende Förderkonzepte überführt werden. Konkret heißt das etwa, dass die Lernangebote während des Distanzunterrichts oder auch des hybriden Unterrichts an die Lebenslagen der Kinder angepasst werden sollten. Das wiederum bedeutet für die Auswahl der Methoden, von denen bildungsbenachteiligte Kinder profitieren, dass Lehrkräfte die Motivation für Lernen und die Vermittlung von Kompetenzen für erfolgreiche selbstgesteuerte Lernprozesse in den Mittelpunkt rücken sollten.

Stichwort Motivation. Die Bewerberschulen um den Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial machen seit Ausbruch der Pandemie gute Erfahrungen mit kreativen digitalen Feedbackinstrumenten, um die Lust am Lernen und die Selbstwirksamkeit bildungsbenachteiligter Kinder zu stärken. Wie viel Wert sollten Schulen darauf gerade im Distanzunterricht legen?
Das halte ich für extrem wichtig. Selbstwirksamkeit ist eine wichtige Voraussetzung, um zum Beispiel auch auf Misserfolge gut reagieren zu können und daraus Motivation zu schöpfen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Kind immer das Gefühl hat: Ich kann das nicht. Dann zieht es sich zurück, beteiligt sich nicht und verliert sein Interesse. Um es zuzuspitzen: Es bringt kein Kind weiter, wenn es erfährt, dass es im Distanzunterricht nicht gut genug gelernt hat. Dagegen hilft es bildungsbenachteiligten Kindern, wenn sie durch ermutigende Rückmeldungen erkennen, dass sie mit einer bestimmten Strategie, die sie kennengelernt haben, zum Erfolg kommen. Das bestärkt sie, sie trauen sich dann, wieder mitzumachen. Lehrkräfte sollten deshalb gerade jetzt – in einer Zeit, in der benachteiligte Kinder oft sich selbst überlassen bleiben und wenig konstruktive Ansprache haben – deren Persönlichkeit und Selbstwirksamkeit stärken.

Kinder müssen sich etwas zutrauen können. Dafür brauchen sie qualitätsvolle Rückmeldungen.

Nach welchen Kriterien sollten Feedbackinstrumente ausgewählt werden?
Kinder müssen sich etwas zutrauen können. Dafür brauchen sie mehr denn je qualitätsvolle und pointierte Rückmeldungen zu ihren individuellen Lernfortschritten. Darauf sollten Schulen bei der Wahl ihrer Feedbackinstrumente achten. In der späteren Reflexion der Instrumente kann dann überprüft werden, was sich bewährt hat und beibehalten werden kann, auch über die Pandemie hinaus. Für die Lehrkräfte liegt die große Herausforderung darin, den Korridor zwischen Unter- und Überforderung für jedes einzelne Kind richtig anzulegen, immer wieder neu zu justieren. Kinder müssen Fehler machen dürfen, um aus ihnen zu lernen. Auch dafür können verstärkt individualisierte Feedbackinstrumente genutzt werden. Überforderungssituationen und übermäßiger Leistungsdruck sollten jedenfalls vermieden werden.

Ich würde fast sagen, Noten sind im Moment eher sekundär.

Apropos Leistungsdruck: Was bedeuten Ihre Ausführungen für den Umgang mit Noten und Prüfungen und für das Bewerten der Leistungen bildungsbenachteiligter Schülerinnen und Schüler?
Ich bin nicht dafür, auf Noten oder Prüfungen zu verzichten; auch deshalb nicht, weil die Schülerinnen und Schüler selbst nicht das Gefühl bekommen dürfen, ihr Abschluss oder ihr Zeugnis sei weniger wert. Aber ich plädiere dafür, insgesamt flexibel zu reagieren, das Setting von Prüfungen anzupassen und neue Formate anzuwenden. Wir sollten die Notenvergabe insgesamt etwas entspannter sehen. Ich würde fast sagen, Noten sind im Moment eher sekundär. Wir wissen ja nicht, was wir messen. Wird eine Leistung als gut bewertet, weil ein Kind zu Hause einfach mehr Unterstützung bekommt als ein anderes? Oder hat das Kind einen eigenen, mit schnellem Internet ausgestatteten Schreibtisch, während ein anderes zwischen seinen spielenden Geschwistern am Küchentisch arbeiten muss? Wir können Kinder aus Familien, in denen die Lernumgebung und die Unterstützung suboptimal sind, nicht mit einer schlechten Note bestrafen. Es geht vielmehr darum, diese Kinder nicht zu verlieren, sondern sie für Lernen zu begeistern. Dazu gehört etwa eine Auswahl an Themen, unter denen sich ein Kind das Prüfungsthema und auch die Art der Bearbeitung auswählen darf. Warum soll es zum Beispiel seine Leistung nicht mit einem selbst hergestellten Erklärvideo dokumentieren, auch wenn wir nicht wissen, auf welche Hilfen es dabei zurückgreifen konnte? Wir brauchen hier ein Stück gegenseitiges Vertrauen. Unter Corona-Bedingungen zu lernen ist für alle Kinder, aber vor allem für Kinder in herausfordernden Lebenslagen eine besondere Leistung. Daher ist es wichtig, die Leistungsstände der Kinder zu erheben, aber nicht um Leistungen ausschließlich zu dokumentieren, sondern sie als Baustein für eine Entwicklungsperspektive zu verwenden, die neben der Diagnose auch mit entsprechenden Fördermöglichkeiten gekoppelt ist.

Zur Person

Kai Maaz gehört zu den einflussreichsten Bildungsforschern in Deutschland und wird auch schon mal „Herr der Bildungsberichte“ genannt. Als Kind aus einer Facharbeiterfamilie und mit einer Ausbildung als Werkzeugmacher gelang ihm nach seinem Studium eine akademische Karriere, die ihn an die Spitze des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation führte. Der Professor für Soziologie lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft.

Kai Maaz
Kai Maaz vom DIPF
©DIPF

In der Broschüre zum Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial finden Sie die ausführlichen Laudationes der Jury und Porträts der Preisträgerschulen. Außerdem werden hier zentrale Erkenntnisse der Bewerberschulen im Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie zusammengefasst.

Die Gewinner stehen fest

Sehen Sie hier die Aufzeichnung der Preisverleihung.

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