Dieser Artikel erschien am 18.05.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Politikunterricht : Zu wenig, zu spät

Eine Studie bemängelt die Qualität des Politikunterrichts an deutschen Schulen. In manchen Bundesländern macht das Fach nicht einmal ein Prozent der Lernzeit aus. Über ein Problem, das nicht erst seit Corona besteht.

Wer sitzt eigentlich alles im Bundestag? Nach einer Untersuchung der Universität Bielefeld kommt die politische Bildung an Schulen zu kurz.
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Allenfalls einen Rumpfunterricht boten viele Schulen zuletzt: Die wichtigsten Fächer wurden per Videochat gelehrt, erst allmählich dürfen Kinder und Jugendliche nun zurück in die Klassen – mit viel Abstand und nur für wenige Stunden. Der Politikunterricht, fürchtet Reinhold Hedtke von der Uni Bielefeld, könnte als eines der ersten Fächer der Corona-Pandemie zum Opfer fallen. “Dabei wird er jetzt dringend gebraucht”, sagt der Sozialwissenschaftsprofessor. “Kinder und Jugendliche erleben gerade unmittelbar, wie Politik auf sie einwirkt. Das ist doch eine perfekte Situation, um zu diskutieren, wie Regierung und Parlament arbeiten und wann es richtig und wann es falsch sein könnte, Freiheiten einzuschränken.” Eine Chance, die sich viele Schulen entgehen ließen.

Nicht erst seit Corona steht es nicht zum Besten mit der politischen Bildung in Deutschlands Klassenzimmern. Hedtke untersucht seit drei Jahren regelmäßig, wie viel Raum die Bundesländer ihr einräumen. Die neueste Version des Politikunterricht-Rankings liegt der Süddeutschen Zeitung vorab vor. Das Ergebnis: Weiterhin bestimmt das Bundesland, in dem ein junger Mensch die Schule besucht, wie viel Politikunterricht er bekommt. Mancherorts macht das Fach mehr als vier Prozent der Unterrichtszeit an den weiterführenden Schulen aus, in anderen Ländern nicht einmal ein Prozent. “Von einer Gleichwertigkeit der politischen Bildung kann keine Rede sein”, bemängelt Hedtke.

Die meisten Länder enthalten gerade jüngeren Schülern politische Bildung weitgehend vor. In Thüringen, dem Saarland, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen bekommen die Schülerinnen und Schüler am Gymnasium frühestens in Klasse 8 Politikunterricht, in Bayern sogar erst in Klasse 10. Hedtke hält das für zu spät. “Schon im Grundschulalter entstehen politische Wertorientierungen, Kinder entwickeln Vorstellungen davon, ob ihnen zum Beispiel eher Gleichheit wichtig ist oder das Recht auf Eigentum”, sagt er. “Es ist bedauerlich, wenn Schülerinnen und Schüler erst so spät die Möglichkeit bekommen, sich mit anderen darüber auszutauschen und Verständnis für deren Perspektiven zu entwickeln.” Nur in fünf Ländern – Bremen, Hessen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen – kann der eigenständige Politikunterricht schon in der Klasse 5 beginnen. Wann das Fach konkret auf den Stundenplan kommt, entscheiden häufig die Schulen vor Ort.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Berlin und Sachsen haben das Stundenpensum für den Politikunterricht zum laufenden Schuljahr erhöht. Auch in Nordrhein-Westfalen hat das Fach an Gewicht gewonnen – Ergebnisse, die Hedtke auch den früheren Rankings zuschreibt, die er mit seinem Kollegen Mahir Gökbudak vorlegte. Die Bildungspolitik habe die Befunde offenbar aufgegriffen. Allerdings: Verbessert hat sich in der Regel nur die Situation an den Gymnasien, für die die meisten Länder ohnehin mehr Politikunterricht vorsehen als für die übrigen Schulformen. Nur Berlin hat auch den Politikanteil jenseits der Gymnasien erhöht.