Berufsvorbereitung : „Wir brauchen individuellere und flexiblere Modelle“

Viele Jugendliche schaffen nicht direkt den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung. Im Übergangssektor sollen sie daher besonders gefördert werden. Doch damit Programme erfolgreich sind, brauche es eine stärkere Verzahnung von Berufsvorbereitung und Ausbildung sowie von Betrieben und Berufsschulen, fordert Susan Seeber, Professorin für Wirtschaftspädagogik an der Universität Göttingen. Sie hat auch das Kapitel für das Kapitel Berufliche Ausbildung im neuen nationalen Bildungsbericht geschrieben.

Annette Kuhn 25. Juli 2022 Aktualisiert am 27. Juli 2022
Berufsvorbereitung Jugendliche und Ausbilder
Ob ein Programm zur Berufsvorbereitung erfolgreich ist, hängt maßgeblich davon ab, wie gut die Begleitung der Jugendlichen ist.
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Deutsches Schulportal: Laut dem nationalen Bildungsbericht 2022 verlassen fast 6 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. Wen betrifft das?
Susan Seeber: Etwa 45.000 Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss. Das sind immer noch zu viele junge Menschen – aber die Tendenz ist positiv. 2019 waren es noch fast 7 Prozent. Betroffen sind vor allem die Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards in den Basiskompetenzen nicht erreichen. Ein großer Anteil der Jugendlichen ohne Abschluss kommt außerdem von Förderschulen. In einigen Bundesländern können Schülerinnen und Schüler dort nur einen Förderabschluss, aber keinen anerkannten Schulabschluss erwerben.

Der nationale Bildungsbericht zeigt aber auch, dass viele Jugendliche später ihren Schulabschluss nachholen. Im Alter von etwa 20 Jahren sind nur noch 1,5 Prozent der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss. Wie kommt das?
Die Zahlen lassen sich nicht direkt ins Verhältnis setzen. Die knapp 6 Prozent sind der Schulstatistik entnommen und beziehen sich auf alle Schülerinnen und Schüler. Die 1,5 Prozent stammen aus dem Survey des Nationalen Bildungspanels, in dem Jugendliche über einen längeren Zeitpunkt in ihrer Entwicklung beobachtet wurden. Förderschülerinnen und Förderschüler waren nicht dabei.

Aber richtig ist dennoch, dass viele Jugendlichen zu einem späteren Zeitpunkt Schulabschlüsse nachholen. Vor allem in der beruflichen Ausbildung haben sie die Chance dazu. Wir haben jedes Jahr 900.000 Absolventinnen und Absolventen in der beruflichen Bildung. Etwa 100.000 kommen von beruflichen Gymnasien oder Berufskollegs. 800.000 entfallen auf die drei Sektoren der Ausbildung: das duale System, das Schulberufssystem und den Übergangssektor. Von diesen 800.000 erwerben etwa 20 Prozent mit der beruflichen Ausbildung auch noch einen zusätzlichen Abschluss. Überwiegend sind das mittlere Schulabschlüsse und Hauptschulabschlüsse.

Nachholen von Schulabschlüssen in der Berufsvorbereitung

Welche Angebote haben Jugendliche, um ihren Schulabschluss in der beruflichen Bildung nachzuholen?
Ein Teil der Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, geht regulär ins duale Ausbildungssystem. Anders als bei einer schulischen Ausbildung ist ein Schulabschluss hier formal keine Bedingung für die Aufnahme einer Ausbildung. Die meisten Schulabschlüsse erwerben diese Jugendlichen aber über die Berufsvorbereitung. Die beruflichen Schulen bieten verschiedene Berufsvorbereitungsprogramme an, bei denen das Nachholen eines Schulabschlusses mit vorgesehen ist.

Wie erfolgreich sind solche Programme?
Weil nicht alle Bundesländer erfassen, über welches Programm ein Abschluss nachgeholt wird und ein Anschluss in Ausbildung gelingt, gibt es nur wenige systematische, allenfalls regionale Daten dazu. Aus Untersuchungen, die nicht nach Programmen differenzieren, wissen wir aber, dass etwa zwei Fünftel der Jugendlichen im Berufsvorbereitungsjahr einen Schulabschluss erwerben und etwa 50 bis 60 Prozent anschließend direkt der Übergang in eine Berufsausbildung gelingt. Das bedeutet aber auch, dass für 40 bis 50 Prozent der Weg länger und schwieriger wird. Teilweise brauchen sie zwei, drei oder sogar vier Jahre, bis tatsächlich ein Übergang in die Ausbildung erfolgt. Hier laufen die Förderungen offenbar nicht optimal.

Mehr Praktikumsphasen im Übergangssektor

Wie sind Berufsvorbereitungskurse gestaltet?
Die Maßnahmen in der Berufsvorbereitung setzen unterschiedliche Akzente. Viele Maßnahmen gehen stark auf das schulische Lernen und das Nachholen von Abschlüssen. Es gibt aber auch immer mehr Konzepte der dualen Ausbildungsvorbereitung, die die Betriebe als Partner systematisch miteinbeziehen und verstärkt auf Praktikumsphasen setzen.

Nur wenn es gelingt, die Berufsvorbereitung dichter an die Berufsausbildung heranzuführen, bieten sie Jugendlichen auch tatsächlich eine Chance, den Übergang zu schaffen.

Sind diese Konzepte effektiver?
Praktika gab es immer schon in der Berufsvorbereitung. Aber sie waren oft wenig begleitet und wenig verknüpft mit Berufswahlprozessen. Aber nur wenn es gelingt, die Berufsvorbereitung dichter an die Berufsausbildung heranzuführen, bieten sie Jugendlichen auch tatsächlich eine Chance, den Übergang zu schaffen und einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Zu einer stärkeren Verzahnung sollte auch gehören, Jugendlichen die Chance zu geben, sich Teile der Berufsvorbereitung im ersten Ausbildungsjahr anerkennen zu lassen. Das würde sie auch motivieren, sich stärker anzustrengen. Und es würde zu einer höheren Verbindlichkeit in den Vorbereitungskursen führen.

Bei der Anerkennung der Berufsvorbereitung klemmt es

Ist eine Anrechnung der Berufsvorbereitung bislang noch nicht möglich?
Formal gibt es eine solche Regelung in vielen Bundesländern, aber die anerkennenden Stellen sind letztlich die Unternehmen. Sie sind es, die den Jugendlichen erste berufliche Kompetenzen und Fähigkeiten in der Ausbildung anrechnen können. Das heißt, sie müssen davon aber auch überzeugt sein. Hier klemmt es noch.

Viele Betriebe sind der Ansicht, Bewerberinnen und Bewerber für einen Ausbildungsplatz seien nicht qualifiziert genug. Bereitet die Schule tatsächlich nicht ausreichend auf die Anforderungen in der Ausbildung vor?
Auf der einen Seite zeigen die letzten PISA-Erhebungen, dass die Leistungen an den allgemeinbildenden Schulen tatsächlich wieder zurückgegangen sind. Etwa 20 Prozent der Jugendlichen in der neunten Klasse erreichen demnach nicht die Kompetenzstufe zwei, die man als Basisvoraussetzung für das Weiterlernen in der Ausbildung betrachtet. Den Schulen gelingt es offenbar nicht gut, gerade die Jugendlichen im unteren Leistungsbereich so zu fördern, dass sie die Mindestvoraussetzungen erfüllen.

Außerdem sind in vielen Ausbildungen die Anforderungen gestiegen. Wir haben einen Zuwachs an Wissen, es werden mehr Problemlösekompetenzen, eine höhere soziale Qualifikation verlangt. Damit können nicht alle Jugendlichen Schritt halten.

Auf der anderen Seite ist eine Ausbildung aber immer noch ein Bildungsprogramm. Das heißt, die ausbildenden Unternehmen und die Berufsschulen haben auch einen Förderauftrag. Sie können nicht erwarten, dass zu Beginn einer Ausbildung bei allen Jugendlichen schon alle Qualifikationen vorhanden sind.

Wir brauchen Lösungen, vor allem kleinere Betriebe bei der Förderung der Auszubildenden zu unterstützen.

Würden Sie sich da mehr Unterstützung vonseiten der Unternehmen wünschen?
Größere Unternehmen haben meist eine gute Bildungsinfrastruktur und damit mehr Möglichkeiten der Förderung. Aber die Masse der Ausbildungsplätze in Deutschland liegt in den kleineren Betrieben. Und leistungsschwächere Jugendliche werden auch meist in kleineren Betrieben ausgebildet. Darum brauchen wir Lösungen, vor allem kleinere Betriebe bei der Förderung der Auszubildenden zu unterstützen.

Mehr Lernzeit in der Ausbildung für leistungsschwächere Jugendliche

Wo sehen Sie konkret Verbesserungsbedarf?
Wir brauchen individuellere und flexiblere Modelle in der Ausbildung, um je nach Bedarf Anpassungen vornehmen zu können. Dafür gibt es auch schon Konzepte: Baden-Württemberg hat zum Beispiel mit den Kammern in bestimmten Berufen die Verabredung getroffen, dass die Jugendlichen im ersten Ausbildungsjahr mehr Zeit an den Berufsschulen verbringen, um sie in dieser Zeit in den Bereichen zu fördern, in denen sie die Voraussetzungen noch nicht ausreichend erfüllen. Ab dem zweiten Ausbildungsjahr lernen sie dann verstärkt in den Betrieben. Außerdem bieten manche Unternehmen leistungsschwächeren Auszubildenden mehr Lernzeit, sie strecken die dreijährige Ausbildung dann auf vier Jahre. Auch das kann eine gute Option sein.

Wenig zielführend erscheint mir hingegen, wenn Jugendlichen nach Feierabend oder am Wochenende zusätzlichen Förderunterricht bekommen. Das kann schnell zu Überforderung und Frustration führen.

Und wichtig ist auch ein stärkeres Zusammenwirken der verschiedenen Institutionen. Jugendliche mit besonderem Förderbedarf brauchen eine Person, die sie verbindlich und verlässlich begleitet und im Hintergrund alles koordiniert. Oft kumulieren bei Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten mehrere Problemlagen – manche haben zusätzlich auch im familiären oder sozialen Bereich Probleme. Wenn die Jugendlichen dann vom einen zum nächsten Ansprechpartner laufen müssen, sind das Barrieren, die sie mitunter nicht bewältigen können.

Maßnahmen in der Berufsorientierung individualisieren

Was können Schulen tun, um Jugendliche stärker bei der Berufsorientierung und beim Übergang in die Ausbildung zu unterstützen?
Erst mal ist es gut, dass die Kultusministerkonferenz beschlossen hat, Berufsorientierung fest im Curriculum der allgemeinbildenden Schulen zu verankern. Viele Bundesländer bieten dabei inzwischen auch mehr als Informationsangebote oder Ausbildungsmessen. Immer mehr verbreitet sind Potenzialanalysen, über die Jugendliche feststellen können, welche Fähigkeiten sie haben, und abgleichen können, inwieweit diese mit den Anforderungen verschiedener Berufe übereinstimmen. Wir wissen allerdings noch nicht viel über die Qualität und den Nutzen solcher Maßnahmen.

Was die Forschung allerdings zeigt, ist, dass die Maßnahmen zur Berufsorientierung stärker individualisiert werden müssen, um zum Erfolg zu führen. Ein Instrument muss nicht für alle das richtige sein.

Außerdem steckt noch viel mehr Potenzial im betrieblichen Praktikum. Es sollte stärker für die Berufsorientierung genutzt und in der Schule systematisch aufgearbeitet werden. Oft organisieren Eltern oder Nachbarn die Praktikumsplätze, und dann landen die Jugendlichen in einem Bereich, der sie eigentlich gar nicht interessiert.

Ausbaufähig sind auch Kooperationen zwischen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Vereinzelt gibt es schon Tandemmodelle, aber das sollte noch mehr in die Breite gehen. Gut ist dabei, Auszubildende einzubeziehen, weil sie altersmäßig den Schülerinnen und Schülern näherstehen und damit zum Teil besser ihren Ausbildungsberuf erklären und Fragen beantworten können.

Zur Person

Susan Seeber
Susan Seeber
©Frank Lemberg/Fotostudio Wilder
  • Susan Seeber ist seit 2010 Professorin für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie hat zum Thema „Analysen zur Effektivität beruflicher Bildung“ habilitiert.
  • Sie ist seit 2010 Mitglied der Autorengruppe des nationalen Bildungsberichts und Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz.
  • Zu Susan Seebers Forschungsgebieten gehört unter anderem das Monitoring in der beruflichen Bildung, insbesondere zu sozialen Disparitäten am Übergang in die berufliche Ausbildung.