Coronavirus in der Schule : Bereit für den Unterricht?

Lehrervertreter setzen sich leidenschaftlich für Flüssigseife und Abstandsgebote ein. Das Recht der Schüler auf Bildung scheint sie kaum zu beschäftigen.

Dieser Artikel erschien am 05.08.2020 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Schützt Lehrer und Schüler: regelmäßiges Händewaschen
Schützt Lehrer und Schüler: regelmäßiges Händewaschen
©Getty Images

Dass die Stimmung gekippt ist, merkt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, an den wütenden E-Mails, die er nun immer häufiger bekommt. „Was machen Sie eigentlich die ganze Zeit?”, heißt es da. Andere schimpfen: „Ihr Computerdeppen”, oder: „Jedes Unternehmen hat das mit Corona besser hinbekommen als die Schulen”. Auch Ilka Hoffmann, im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zuständig für die Schulpolitik, nimmt ein regelrechtes „Lehrer-Bashing” wahr. Alles, was während der Schulschließung nicht klappte – das digitale Lernen, das Homeschooling, das die Eltern überforderte –, werde den Lehrkräften angelastet.

Plötzlich ist es wieder da: das Bild vom Lehrer als lebensfremdem Halbtagsarbeiter mit Jobgarantie. Eigentlich kam diese Figur in der Öffentlichkeit kaum noch vor. Berichte über den fordernden Alltag – schwierige Schüler, anspruchsvolle Eltern, unausgegorene Reformen – haben für ein realistischeres Berufsbild gesorgt. Imagekampagnen und Lehrerpreise leisteten ihren Beitrag. In den Ansehens-Rankings stand der Pädagogenberuf im oberen Drittel – mit weitem Abstand vor Journalisten und Politikern. Jetzt, da in den ersten Bundesländern die Schule losgeht, dürfte er auf diese Position nicht mehr kommen.

Was ist passiert? Wie sind die Zornesausbrüche zu erklären, die plötzlich auf die Zunft niederprasseln? So schlecht haben sich die deutschen Lehrkräfte angesichts der miserablen Vorbereitung bislang doch gar nicht geschlagen. Hat der Unmut vielleicht eher mit den Lehrerverbänden zu tun? Mit denjenigen, die eigentlich die Interessen der Lehrerschaft in der Öffentlichkeit vertreten sollten?

Denn seit Beginn der Corona-Krise kreisen die öffentlichen Äußerungen vieler Verbandsvertreter in erster Linie um ein Thema: um den Schutz der Lehrer vor einer Infektion. In den Pressemitteilungen dominieren Stichwörter wie Flüssigseife, Hygienepläne und Abstandsgebote. Deutlich weniger im Fokus steht das Bildungsrecht der Schüler. Vorschläge von Gewerkschaftsseite, wie man die pädagogische Ausnahmesituation meistern kann: Fehlanzeige.

Kinderschützer und Ärzte weisen immer wieder auf die sozialen und seelischen Folgen der Schulschließungen hin. Bildungsforscher sagen Lerndefizite voraus. Und tatsächlich: Während der Krise hat sich die Lernzeit der Schüler mehr als halbiert. Das „Recht auf Bildung” der Schüler ist denn auch ein Schlüsselbegriff in der neuen Stellungnahme der Wissenschaftsakademie Leopoldina, die diese Woche erscheint.

Die Lehrervertreter dagegen haben mit ihren Äußerungen suggeriert, ein großer Teil der Pädagogen wolle am liebsten gar nicht mehr in die Schule zurück. Die Größe der Risikogruppe, jener Lehrer also, die aufgrund von Alter oder Vorerkrankungen vom Präsenzunterricht befreit werden müssten, schätzten Lehrervertreter auf 20 bis 30 Prozent. Mitunter kamen sie auf noch höhere Zahlen, weil auch solche Kollegen ein Recht auf Homeoffice haben müssten, die mit Personen zusammenleben, die zu einer Risikogruppe gehören.

Der GEW-Vorsitzende in Nordrhein-Westfalen machte aus dem Recht gar eine Pflicht: Er forderte, über 60-jährige Lehrkräfte sollten nicht einmal freiwillig in die Schule zurückkehren dürfen – um Druck auf andere Kollegen zu vermeiden. Eine Logik, die, konsequent angewandt, jedes Engagement, das über Dienst nach Vorschrift hinausgeht, unmöglich macht.

Nicht nur bei Eltern sorgt diese ausgeprägte Eigenfürsorge für Irritation. „Es ist schon unverständlich, dass die Berufsgruppe der Lehrer für sich ein solches Schutzprivileg in Anspruch nimmt”, sagte etwa der Präsident des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach.

Die Lieblingsforderung heißt „Stundenentlastung”

Auch angesichts des neuen Schuljahres erfährt die Öffentlichkeit vonseiten der Lehrerlobbyisten vornehmlich, was alles nicht geht. Ob Leistungstests, um Corona-bedingte Lernlücken aufzuspüren, freiwillige Zusatzkurse für Schüler in den Sommerferien oder die Rückkehr zum weitgehend normalen Unterrichtsbetrieb: Immer wieder schallt der Schulpolitik von einzelnen Lehrervertretern ein „schwierig, schwierig” entgegen. Namentlich die beiden größten Lehrervertretungen, die GEW und der Verband Bildung und Erziehung (VBE), befinden sich seit Beginn der Krise im Widerstandsmodus.

Doch braucht es wirklich Trennscheiben aus Plexiglas vor jedem Lehrerpult, bevor alle Schüler wieder zurückdürfen in ihre Klasse, wie Pädagogenvertreter fordern? Erweisen die Verbände dem Image ihrer Profession einen Dienst, indem sie dauerhaft wehklagen oder maßlose Forderungen stellen? Darf man von einer „Bildungsgewerkschaft”, so die Eigenbezeichnung der GEW, nicht mehr erwarten als stumpfe Klientelpolitik?

Natürlich ist es Kernaufgabe jeder Gewerkschaft, für die Rechte und den Schutz ihrer Mitglieder zu kämpfen. Deshalb wurde sie gegründet, dafür zahlen die Mitglieder Beiträge. Der GEW oder dem VBE Lobbyismus vorzuwerfen ist insofern unsinnig. Andererseits haben die Lehrergewerkschaften innerhalb der Arbeiterbewegung immer eine Sonderrolle gespielt: Neben Tarifpolitik betrieben sie stets auch Bildungspolitik. Im GEW-Vorstand etwa gab es neben einer A-Fraktion (für Arbeit) auch immer eine B-Fraktion (für Bildung). In der Praxis hieß das: Die IG Metall macht keine Vorschläge, wie man bessere Autos baut, die GEW jedoch macht sehr wohl Vorschläge, wie bessere Schulen aussehen könnten.

Lange Zeit spielte sie diese politische Rolle machtvoll und erfolgreich, mittels einflussreicher Zeitschriften und Stiftungen, Gesprächskreise und Vordenker. Charismatische GEW-Vorsitzende wie Erich Frister (1968–1981) oder Dieter Wunder (1981–1997) waren wichtige Namen der westdeutschen Bildungsrepublik. Der Kampf für die Gesamtschule in den Siebziger- und Achtzigerjahren ist ohne die GEW nicht denkbar. In vielen Bundesländern – allen voran den Stadtstaaten – war sie ein Machtfaktor.

„Wer Schule verändern wollte, ging als junger Lehrer oder junge Lehrerin in die GEW. Hier lernte man, wie das deutsche Bildungswesen funktioniert, und knüpfte Netzwerke”, erinnert sich Sybille Volkholz, lange Zeit stellvertretende Landesvorsitzende in Berlin. Vielen Funktionären verhalf das Engagement zu Posten in Schulleitungen, Bildungsverwaltungen und Landeskabinetten. Volkholz selbst wurde 1989 Bildungssenatorin in Berlin, die ostdeutsche GEW-Bundesvorsitzende Eva-Maria Stange mehrfach Wissenschaftsministerin in Sachsen.

Von diesem Gestaltungsanspruch aber war schon vor der Corona-Krise wenig übrig geblieben. Die B-Fraktion in der GEW ist weitgehend verstummt. In der SPD, dem traditionellen schulpolitischen Verbündeten, spielt die Gewerkschaft kaum noch eine Rolle, ihr Einfluss auf den intellektuellen Bildungsdiskurs ist minimal. Ein gewerkschaftsnaher Schulforscher wie Klaus Klemm erstellt seine Expertisen – etwa zum Lehrermangel – längst nicht mehr für die GEW, sondern für die Bertelsmann Stiftung, die bei Gewerkschaftern als neoliberal verschrien ist.

Riefen diese zur Pressekonferenz, erscheine mitunter nur noch die linke tageszeitung, vertreten durch eine Praktikantin, heißt es aus der Gewerkschaft selbst. In der überregionalen Berichterstattung kommen ihre Vertreter kaum vor. Hier dominiert vor allem einer: Heinz-Peter Meidinger (ZEIT Nr. 5/20). Ob Fernsehen, Radio oder Zeitungen, der Vorsitzende des konservativen Deutschen Lehrerverbandes ist auf allen Kanälen präsent. Er zeigt sich selbstkritisch: „In der Kommunikation unserer Anliegen ist während der Corona-Krise nicht alles optimal gelaufen.”

Was die öffentliche Resonanz angeht, müsste es anders sein. Denn Meidinger erledigt sein Lobbyistenamt nur ehrenamtlich, GEW und VBE verfügen dagegen über einen Mitarbeiterstab. Doch deren Funktionäre wirken oft blass oder apparatschikhaft. Sie haben meist dieselben Botschaften: Immer sind die Klassen zu groß, arbeiten die Lehrer zu viel, wird ihr Beruf zu wenig geschätzt. Die Lieblingsforderung heißt „Stundenentlastung”, als sei Unterricht primär Pein. Dabei arbeiten Lehrer laut Studien im Jahresschnitt nicht mehr (aber trotz langer Ferien auch nicht weniger!) als Akademiker mit ähnlichem Gehalt.

„Die Gewerkschaften wurden von der Politik kaum gehört”

Auch in der Corona-Krise klagten Gewerkschaftsvertreter wie VBE-Chef Udo Beckmann schon kurz nach Beginn, Deutschlands Lehrkräfte seien „am Limit ihrer Kräfte”. Umfragen unter Lehrern bestätigten das zu dem Zeitpunkt nicht. Vielmehr wurde deutlich, wie extrem sich das Engagement von Lehrkraft zu Lehrkraft unterscheidet. Ein altes Gerechtigkeitsproblem der deutschen Pädagogen, über das Lehrervertreter (Thema Solidarität) kein Wort verlieren.

Und was wurde aus den vorhergesagten Zahlen von 20 bis 30 Prozent der Kollegen, die aus Gesundheitsschutz zu Hause arbeiten würden? Sie erweisen sich als weit überzogen. In Niedersachsen blieben nach Umfragen sechs Prozent der Pädagogen dem Unterricht fern. In Mecklenburg-Vorpommern, wo die Schule jetzt begann, sind es nicht einmal zwei Prozent.

„Die Lehrergewerkschaften kennen nur eine Platte, die sie immer wieder abspielen”, sagt ein aktiver SPD-Bildungspolitiker. Mit Namen möchte er, wie viele andere, nicht im Artikel genannt werden, weil er seit Langem GEW-Mitglied ist. Sybille Volkholz kennt solche Hemmungen nicht. „Die GEW stellt die Lehrkräfte in erster Linie als Opfer dar, anstatt sie als selbstbewusste Akteure im Bildungssystem anzusprechen, die für die Qualität von Schule mitverantwortlich sind”, sagt die Ex-GEW-Funktionärin aus Berlin. Volkholz spricht von einer „Deprofessionalisierung”. Wenn etwas nicht gut laufe, seien immer die „schlechten Rahmenbedingungen” schuld.

Eine Werbung für den Lehrerberuf ist dieser Leidensdiskurs nicht. Dabei ist der gerade von den Gewerkschaften zu Recht beklagte Pädagogenmangel in fast allen Bundesländern riesig. Doch warum sollte jemand in den Schuldienst gehen, wenn jene, die im Job sind, meistens von Qual und Ohnmacht berichten? Schulforscher sprechen in diesem Zusammenhang von einer unter Lehrern verbreiteten „negativen Selbststereotypisierung” (ZEIT Nr. 52/18).

Die heutigen Gewerkschaftsvertreter kennen diese Kritik ebenso, wie sie um ihren politischen Bedeutungsverlust wissen. Als die Kultusminister im Juni über die Schulöffnung diskutierten, luden sie Bildungsforscher zum Gespräch, aber keine Pädagogenvertreter. „In der Corona-Krise wurden die Gewerkschaften von der Politik kaum gehört”, sagt GEW-Bundesvorstandsmitglied Ilka Hoffmann.

Auch der Schutz der Lehrkräfte spiele kaum noch eine Rolle. In allen Bundesländern sollen sie nach den Ferien trotz Infektionsgefahr ohne Abstand wieder unterrichten. „Lehrer und Erzieher fühlen sich zurzeit von der Politik als Menschen zweiter Klasse behandelt”, sagt Hoffmann. Der schwindende Einfluss hat für die GEWlerin eher allgemeine Gründe. Große Bildungsreformen seien anders als früher kaum noch ein Thema, die eigene Klientel sei heute pluraler. „Der Anteil der Mitglieder ist gestiegen, die die Gewerkschaft eher als Interessenvertretung sehen.” Diese schätzen die Beratung vor Ort im Konflikt mit dem Schulleiter oder den bundesweiten Kampf für eine bessere Bezahlung der Grundschullehrer. Tatsächlich leidet die GEW nicht wie andere Branchengewerkschaften unter Mitgliederschwund. Sie hat Zulauf.

Dennoch ist die politische Selbstmarginalisierung der Gewerkschaften ein Verlust. Ohne die Mitarbeit und die Ideen der Lehrer und ihrer Vertreter lassen sich die aktuellen Herausforderungen nicht meistern. Neue Lernmodelle mit mehr Selbstständigkeit für Schüler erfordern zum Beispiel auch neue – und gerechtere – Arbeitszeitmodelle für Lehrer. Digitales Lernen braucht neue Fortbildungskonzepte. Da wären Vorschläge von Lehrervertretern willkommen. Wer nur im Opfermodus verharrt, nimmt sich die Möglichkeit, sein Schicksal selbstbewusst mitzugestalten.