Lehrkräfte : Belästigt, bedroht, getreten

Lehrer und Lehrerinnen sind immer öfter Attacken ihrer Schüler ausgesetzt. Die jüngeren Kinder attackieren dabei eher körperlich. Die älteren indes machen sich das Internet zunutze.

Dieser Artikel erschien am 24.09.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Susanne Klein
Zuflucht im Lehrerzimmer: Einer Umfrage zufolge berichten immer mehr Schulleiter von physischer und psychischer Gewalt gegen ihre Kolleginnen und Kollegen.
Zuflucht im Lehrerzimmer: Einer Umfrage zufolge berichten immer mehr Schulleiter von physischer und psychischer Gewalt gegen ihre Kolleginnen und Kollegen.
©dpa

Lehrerinnen und Lehrer sind an deutschen Schulen zunehmend gewalttätigen Attacken von Kindern und Jugendlichen ausgesetzt. Die Zahl der Schulleiter, die von körperlichen und verbalen Übergriffen berichten, ist seit 2018 deutlich gestiegen. Meldete damals jede vierte Schulleitung physische Angriffe auf Lehrende in den vergangenen fünf Jahren, so macht jetzt jede dritte Leitung diese Angabe.

Ähnlich hoch ist der Anstieg bei psychischer Gewalt. Im direkten Kontakt beschimpft, bedroht, belästigt oder diffamiert wurden Lehrkräfte an 61 Prozent der Schulen in den letzten fünf Jahren (2018: 48 Prozent). Im Internet wurden Lehrer und Lehrerinnen jeder dritten Schule attackiert (2018 an jeder fünften).

„Erschütternd” nannte Udo Beckmann diese Ergebnisse der repräsentativen, bundesweiten Umfrage, die er am Donnerstag in Berlin vorstellte. Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) forderte die Politik auf, Schulen in ihrem Erziehungsauftrag besser zu unterstützen. „Fälle von Gewalt gegen Lehrkräfte sind keine Einzelfälle”, mahnte er. Der VBE hatte im Januar und Februar 1302 Schulleitungen befragen lassen. Beckmann räumte ein, dass dabei mehr Befragte Übergriffe an ihrer Schule bestätigt haben könnten als bei der letzten Umfrage vor zwei Jahren, weil das Thema aus der Tabuzone gerückt sei. Er warnte jedoch davor, die gestiegene Zahl involvierter Schulen nur damit zu erklären. Damit mache man es den politisch Verantwortlichen zu leicht.

„Die Bedingungen vor Ort stimmen einfach nicht”, kritisierte der VBE-Vorsitzende. „Wir wissen, die beste Prävention ist ein Umfeld, in dem Konflikte vermieden oder, wenn sie dann doch auftreten, möglichst professionell bearbeitet werden können.” Stattdessen müssten Lehrkräfte zu viele Schüler in zu kleinen Klassenräumen unterrichten, dabei jeden Einzelnen gezielt fördern und zudem noch emotionale Krisen managen. „Das kann so nicht funktionieren”, sagte Beckmann. Der frühere Leiter einer Dortmunder Hauptschule forderte kleinere Lerngruppen und multiprofessionelle Teams mit Fachkräften aus der Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Psychologie, um Lernende und Lehrende zu unterstützen. Positive Rückmeldungen von Schülern aus coronabedingt verkleinerten Gruppen hätten gezeigt, wie wichtig individuelle Zuwendung für Kinder sei.

Gewalt an Schulen
©SZ-Grafik: Mainka; Quellen: forsa, Verband Bildung und Erziehung

An Grundschulen passieren eher körperliche Angriffe. Ältere Schüler mobben im Internet

Die Umfrage erweist, dass sich das Ausmaß der Gewalt gegen Lehrkräfte je nach Schulform unterscheidet. Demnach gab es direkte Beschimpfungen vor allem an Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Mobbing über das Internet kam an weiterführenden Schulen häufiger vor als an Grundschulen, dort wiederum geschahen mehr körperliche Angriffe: fast sechsmal so viele wie an Gymnasien und doppelt so viele wie an Haupt-, Real- und Gesamtschulen. „Wir vermuten, dass jüngere Kinder ihre Emotionen noch nicht so gut kontrollieren können oder es nicht gelernt haben, sie zu kontrollieren, und sich manchmal nicht anders zu helfen wissen”, sagte der VBE-Vorsitzende. Trotzdem empfinde man die hohe Zahl als bedenklich.

Betroffenen Lehrkräften rät Beckmann, im gemeinsamen Gespräch mit Schülern und Eltern nach den Ursachen für Angriffe zu fragen und Hilfen auch bei außerschulischen Institutionen zu suchen. Für Kinder sei es wichtig zu erleben, dass Eltern und Lehrer nicht gegen-, sondern miteinander auf Lösungen hinarbeiten. Er betonte, die Umfrage nenne zwar den Anteil betroffener Schulen, nicht aber die Zahl der Fälle von Gewalt. Diese müssten die Kultusministerien dringend erheben lassen, um Schulen mit besonders vielen Fällen gezielt helfen zu können.