Dieser Artikel erschien am 08.01.2020 in DER SPIEGEL
Autorin: Silke Fokken

Lehrermangel : Bayerns Grundschul­lehrer sollen eine Stunde mehr arbeiten

Sie sollen mehr unterrichten, nicht mehr vorzeitig in Pension gehen und auf Sabbaticals verzichten: Bayerns Kultus­ministerium setzt neue Regeln, weil so viele Grund­schul­lehrer fehlen. Das sorgt für Empörung.

Um den Unterricht in Bayern am Laufen zu halten, sollen Lehrer ihre Arbeitszeit aufstocken
Um den Unterricht in Bayern am Laufen zu halten, sollen Lehrer ihre Arbeitszeit aufstocken
©dpa

Weil an einigen Schulformen Bayerns Lehrer­mangel herrscht, muss das vorhandene Personal teil­weise mehr arbeiten. Für Lehr­kräfte an Grund­schulen wird die Unterrichts­pflicht­zeit vor­über­gehend um eine Stunde pro Woche erhöht. „Unsere Prognosen zeigen, dass in den nächsten Jahren große Heraus­forderungen vor uns liegen. Deshalb sind wir auf die Mitwirkung unserer Lehrerinnen und Lehrer angewiesen“, sagte Kultus­minister Michael Piazolo laut einer Mitteilung seines Ministeriums.

Den Lehrkräften werde garantiert, dass ihre Unterrichts­pflicht­zeit in einer so genannten Rück­gabe­phase im selben Umfang der geleisteten Mehr­arbeit reduziert werde, heißt es in dem Schreiben. Sie zahlen also auf eine Art Arbeits­zeit­konto ein. Lehrkräfte in den letzten Dienst­jahren und Schwer­behinderte seien nicht von der Regelung betroffen.

Neben der Aufstockung der Arbeitszeit erlässt das Kultus­ministerium weitere dienst­rechtliche Maßnahmen, um die Unterrichts­versorgung an Grund-, Mittel- und Förder­schulen im kommenden Schul­jahr zu gewährleisten. Bisherige Frei­räume von Lehrkräften bei der Arbeits­zeit­gestaltung werden damit beschnitten:

So sollen zum Beispiel neue Anträge auf Frei­stellung abgelehnt werden. Sabbat­jahre etwa würden in den nächsten Jahren unabhängig von der Dauer allgemein nicht mehr genehmigt, heißt es von Piazolo. Bereits genehmigte Modelle können jedoch noch umgesetzt werden.

Wer vorzeitig in den Ruhestand gehen möchte, muss sich von dieser Idee ebenfalls verabschieden. Lehr­kräfte können laut Kultus­ministerium zwar weiter­hin zum Schul­jahres­ende den sogenannten Antrags­ruhe­stand beantragen. Anträge auf einen Beginn des Antrags­ruhe­stands vor Voll­endung des 65. Lebens­jahres werden den Angaben zufolge künftig aber in der Regel nicht mehr genehmigt.

Für Lehrkräfte, die Teilzeit arbeiten wollen, gelten eben­falls neue Regelungen. Eine Reduktion der Arbeits­zeit ist zwar weiterhin möglich, künftig beträgt das Mindest­stunden­maß jedoch 24 Wochen­stunden, bei Lehrkräften für Sonder­pädagogik 23 Wochen­stunden. Schwer­behinderte Lehr­kräfte seien von der Regelung aus­genommen, auch bei Teil­zeit in Eltern­zeit ändere sich an den bisherigen Regelungen nichts.

Lehrer­verband ist empört: „Davor kann ich nur warnen“

Kultusminister Piazolo appellierte gleich­zeitig an die Kollegen in den Schulen, frei­willig einen Beitrag zu leisten, um die Unterrichts­versorgung zu gewähr­leisten, etwa indem Lehr­kräfte in Teil­zeit ihre Stunden­zahl aufstocken oder indem ältere Lehr­kräfte ihren Ruhe­stand noch aufschieben. Dieser Wunsch komme von Herzen, betonte Piazolo. „Jede Stunde, die von gut ausgebildeten Lehr­kräften gehalten wird, zählt! Wir brauchen Sie!“

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnen­verband (BLLV) dagegen zeigt sich empört. „Seit Jahren weisen wir immer wieder auf die personelle Unter­versorgung an den Schulen hin und haben auch viele Vorschläge zur Bekämpfung gemacht. Dass nun die Lehr­kräfte dafür büßen sollen, akzeptieren wir nicht“, teilte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann mit. Die Maßnahmen würden die Belastung der Lehrkräfte weiter erhöhen. „Davor kann ich nur warnen.“

Es sei unerträglich, dass es ausgerechnet die Kolleginnen und Kollegen an den Grund- und Mittel­schulen treffe. „Sie haben bereits jetzt schon die höchste Unterrichts­verpflichtung und werden dafür auch noch schlechter bezahlt als andere Lehrkräfte“, kritisiert Fleischmann.

Anstatt in der derzeitigen Not­situation diejenigen noch weiter zu belasten, die das System am Laufen halten, solle vielmehr kritisch hinter­fragt werden, ob es sinnvoll und unbedingt notwendig sei, ständig neue Aufgaben an die Schulen zu delegieren, wie beispiels­weise die Digitalisierungs­offensive. „Diese Themen sind natürlich wichtig, doch sie kosten Ressourcen und die gibt es gerade nicht.“ Bevor man sich für Kür­auf­gaben einsetze, müssten erst einmal die Pflicht­aufgaben erledigt werden. „Und davon sind wiår in Bayern an den Grund- Mittel- und Förder­schulen gerade meilen­weit entfernt.“

Fleischmann forderte, der Lehrerberuf müsse gerade an von Personal­not betroffenen Schul­formen attraktiver gestaltet werden, etwa durch ein höheres Gehalt. „Lehr­kräfte an Grund- und Mittel­schulen müssen endlich in der Besoldung den anderen Schul­arten angeglichen werden“, sagte sie. Es sei nicht mehr vermittelbar, dass Lehr­kräfte an Grund- und Mittel­schulen weniger verdienen als die Lehrkräfte an allen anderen Schularten. Andere Bundes­länder seien hier schon weiter und hätten diese Ungleichheit abgeschafft.

Vorüber­gehende Maßnahmen

Kultusminister Piazolo rechtfertigte die neuen Maßnahmen für Bayern. Sie hätten allesamt vorüber­gehenden Charakter. „Wir werden sie zurück­nehmen, sobald es die Bedarfs­situation zulässt“, teilte er mit. In den kommenden Jahren gelte es, die Personal­situation genau im Auge zu behalten. Gleich­zeitig sollten Lehr­kräfte entlastet werden – etwa, indem ihnen Verwaltungs­aufgaben abgenommen werden. Piazolo versprach: „Wir werden Zusatz­belastungen für unsere Lehr­kräfte so verträglich wie möglich gestalten.“

Nach Prognosen der Kultusminister­konferenz ist in den kommenden Jahren an einigen Schulformen mit drastischen Personal­lücken zu rechnen. Betroffen sind demnach vor allem Grund­schulen und Schulen der Sekundar­stufe I. Gleich­zeitig gehen die Länder davon aus, dass es bundes­weit mehr Gymnasial­lehrer als nötig geben wird. Einer Bertels­mann-Studie zufolge fehlen bis zum Jahr 2025 mindestens 26.300 Lehrer an Deutschlands Grund­schulen.

Die Kultusministerien versuchen derzeit mit sehr unter­schiedlichen Mitteln gegen­zu­steuern, sei es mit Quer­einsteigern oder Lehrern, die trotz Ruhe­stand weiter unterrichten. Nieder­sachsen etwa ordnet vor allem Gymnasial­lehrer an andere Schul­formen ab. Berlin und Hamburg setzen auf eine bessere Bezahlung etwa der Grund­schul­lehr­kräfte. Brandenburg will Lehr­kräfte mit einer Provinz­prämie in ländliche Regionen locken, wo die Personal­not besonders groß ist.