Dieser Artikel erschien am 12.09.2018 in DIE ZEIT
Autor: Thomas Kerstan

Lehrerbedarf : Bayern macht’s besser

Warum das Bundesland den gestiegenen Lehrer­bedarf problem­los decken kann.

Ein kleines Kind feiert seinen ersten Geburtstag
Bayerns Lehrerbedarf ist gedeckt.
©unsplash

Erfolgreiche Schulpolitik, das wird angesichts der hitzigen ideologischen Debatten gern vergessen, setzt gutes Hand­werk voraus. Wenn also Bayern – wie zum Beispiel auch Hamburg und Hessen – aktuell weniger Probleme mit der Lehrer­versorgung hat als andere Bundes­länder, dann stellt sich die Frage, was der Süd­staat besser macht.

Zunächst einmal bietet Bayern seinen Lehr­kräften sichere und gut bezahlte Arbeits­plätze. Anders als in den meisten anderen Ländern sind 95 Prozent von ihnen Beamte oder haben einen unbefristeten Angestellten­vertrag. Und sie werden über­durch­schnittlich gut bezahlt, verdienen im Monat mehrere Hundert Euro mehr als ihre Kollegen etwa in Rheinland-Pfalz.

Die vergleichsweise gute Versorgung der bayerischen Schulen mit Lehrern erklärt sich aber vor allem dadurch, dass die Beamten des bayerischen Kultus­ministeriums akribisch und zeit­nah den künftigen Lehrer­bedarf vorher­sehen. Der Essener Bildungs­forscher Klaus Klemm, der die Versorgung mit Lehr­kräften seit Jahr­zehnten beobachtet, ist voll des Lobes: „Die Bayern sind exzellent mit ihren Prognosen.“

Als Laie stellt man sich vor, dass die Prognose des Lehrer­bedarfs ein einfacher Vorgang sein müsse: Man schaut halt auf die Geburten­zahlen und rechnet aus, wie viele Erst­klässler sechs Jahre später in die Schulen strömen. Dann weiß man, wie viele Lehrer gebraucht werden.

Doch so einfach ist es nicht. Das kann eine Reihe von Zahlen deutlich machen. Schaut man sich die Geburten­statistik der letzten Jahre an, so sinkt die Zahl der Neugeborenen in Deutschland vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2009 um rund 100.000, von 766.999 auf 665.126; das deutet auf ein kräftiges Schrumpfen der Schüler­zahl und somit des Bedarfs an Lehr­kräften hin. 2010 kommen plötzlich 12.821 Kinder mehr zur Welt als 2009. Dann die Ent­warnung: Im Jahr 2011 sind es wieder 15.262 weniger. Im Jahr 2012 werden wiederum 10.859 mehr Kinder geboren.

Das könnte, wie 2010, ein Ausreißer sein. Doch 2013 geht es weiter: plus 8525 Geburten. Und jetzt nimmt der Zuwachs an Geburten erst richtig Fahrt auf: plus 32.858 (2014), plus 22.648 (2015), plus 54.556 (2016). Wir haben jetzt wieder höhere Geburten­raten als im Jahr 2000, wer hätte damit gerechnet? Vielleicht eine Folge der guten Wirtschafts­lage, von mehr Kinder­gärten, dem Eltern­geld, einer familien­freundlicheren Politik?

Die Sachlage ist jedenfalls überraschend, weil wir uns in den Jahren davor auf eine schrumpfende Bevölkerung eingestellt hatten. Das entschuldigt die Trägheit der meisten Bildungs­politiker nicht, aber es erklärt sie zum Teil. Man hatte mit rück­läufigen Schüler­zahlen gerechnet und ist auf den Gegen­trend erst zu spät auf­merksam geworden. Bis vor Kurzem arbeitete Nordrhein-Westfalen etwa noch mit den Prognosen aus dem Jahr 2011.

Anders das bayerische Kultusministerium: Dort wurde und wird mit großem Aufwand die „Jährliche Lehrer­bedarfs­prognose“ erstellt. Sie dient dazu, den Interessenten für die Lehr­amts­studien­gänge ein realistisches Bild der Berufs­chancen zu zeichnen, und sie ist die Grund­lage dafür, den Bedarf an Studien- und Weiter­bildungs­plätzen zu planen.

Bayern schult zum Beispiel seit einigen Jahren Realschul- und Gymnasial­lehrer für den Unter­richt an Grund- und Mittel­schulen um. Rund 840 Lehrer haben diese Weiter­bildung bereits abgeschlossen, weitere 1.440 Lehr­kräfte nehmen seit diesem September daran teil. Zusätzlich wurden weitere Studien­plätze für das Grund­schul­lehramt eingerichtet.

Natürlich kommt auch Bayern mal in Bedrängnis, etwa wenn 2016 durch den Zuzug von Flüchtlingen Tausende Grund­schüler mehr versorgt werden müssen als geplant. Dann wird ebenfalls an der Qualitäts­schraube gedreht, um die Versorgung zu sichern. So erhalten derzeit auch leistungs­schwächere Jung­lehrer mit einer Staats­note von 3,5 die Chance, in den Schul­dienst über­nommen zu werden.

Aber unterm Strich zeigt das bayerische Kultus­ministerium, wie man mit solidem Hand­werk die Grund­lage für verlässliche Schul­politik legen kann.