Auslandsschulen : Welcher Weg führt für Lehrkräfte ins Ausland?

Lehrerinnen und Lehrer, die eine Zeitlang in eine andere Kultur und in ein anderes Bildungssystem eintauchen wollen, haben die Möglichkeit, an einer deutschen Auslandsschule zu arbeiten. Davon gibt es weltweit mehr als 140, in insgesamt 70 Ländern. Das Schulportal sprach mit Peter Dicke, dem stellvertretenden Leiter der Zentralstelle für Auslandsschulwesen, über Karrierechancen, Voraussetzungen und das Bewerbungsverfahren.

Annette Kuhn / 28. August 2019
Schulleiter mit Kindern vor Eingang der Auslandsschule
Schulleiter Jochen Schnack während seiner Zeit an der German International School in Boston.
©Kalman Zabarsky

Schulportal: Welche Karrierechancen bietet ein Auslandseinsatz für Lehrkräfte?
Peter Dicke: Wir betrachten es als Karrierechance, wenn Lehrkräfte ins Ausland gehen, vor allem weil sie dort relativ schnell wichtige Funktionsstellen übernehmen können. An den Deutschen Auslandsschulen gibt es wegen der Begrenztheit des Aufenthalts der Lehrkräfte eine größere Fluktuation als im Inland. Daher haben Lehrerinnen und Lehrer an einer Deutschen Auslandsschule auch leichter die Möglichkeit, Erfahrungen in leitenden Positionen oder in der Koordinierung von Schulentwicklungsprozessen zu sammeln.

Welcher Zeitpunkt in der beruflichen Laufbahn bietet sich für einen Auslandseinsatz an?
Das ist grundsätzlich zu jedem Zeitpunkt möglich und sinnvoll. Es gibt aber zwei Hauptgruppen. Oft entscheiden sich Lehrkräfte für diesen Schritt, wenn sie kleine Kinder haben, und bleiben dann, bis die Kinder zur Schule gehen oder die Grundschule beendet haben. Viele gehen auch, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Aber auch für Lehrkräfte, die direkt nach dem Referendariat ins Ausland gehen, kann der Einsatz attraktiv sein. Es kommt vor, dass eine Berufsanfängerin oder ein Berufsanfänger bei entsprechender Qualifikation schon nach kurzer Zeit als Grundschulleiterin oder -leiter eingestuft wird – das würde in Deutschland eher nicht so schnell passieren.

Wie lange bleiben die Lehrerinnen und Lehrer im Ausland?
Die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer, die wir vermitteln, steht schon in einem festen Dienstverhältnis und lässt sich beurlauben. Sie gehen dann als Auslandsdienstlehrkräfte erst mal für drei Jahre raus und haben die Möglichkeit, den Aufenthalt um drei Jahre zu verlängern. Wenn sie eine Funktionsstelle haben, können sie noch einmal zwei Jahre länger bleiben, also insgesamt maximal acht Jahre. Schulleiterinnen und Schulleiter gehen direkt sechs Jahre raus und können auch noch mal um zwei Jahre verlängern. Absolventinnen und Absolventen, die noch nicht in einem Dienstverhältnis stehen, können wir als Bundesprogrammlehrkräfte vermitteln. Sie gehen zunächst für zwei Jahre ins Ausland und können noch zweimal um zwei Jahre verlängern. Wir haben fast 2.000 Lehrkräfte im Ausland, davon sind etwa 300 bis 400 Bundesprogrammlehrkräfte.

Lust auf neue Kulturen und Offenheit gegenüber anderen Bildungssystemen sollte man auf jeden Fall mitbringen.

Was für ein Typ sollte man sein, wenn man ins Ausland gehen will?
Flexibilität, Lust auf neue Kulturen und Offenheit gegenüber anderen Bildungssystemen sollte man auf jeden Fall mitbringen.

Sind Erwartungen und Realität immer deckungsgleich, oder brechen viele Lehrer das Projekt wieder ab?
Es gibt Einzelfälle, wo es nicht klappt – meistens wegen des Klimas. Jemand merkt zum Beispiel, dass er es gesundheitlich doch nicht schafft, in den Tropen zu leben. Aber den meisten gefällt es sogar besser, als sie erwartet hätten, weil das Schulleben im Ausland oft aktiver und intensiver ist, als sie es in Deutschland erlebt haben. Darum gehen manche auch später noch ein zweites Mal ins Ausland. „Die haben den Auslandsschulvirus bekommen“, heißt es dann. Und den kann man nur kurieren, wenn man ein zweites Mal ins Ausland geht.

Wie oft dürfen Lehrkräfte denn ins Ausland?
Es sind eine Zweit- und unter Umständen auch eine Drittvermittlung möglich. Allerdings muss man bis zum Antritt einer erneuten Auslandstätigkeit erst wieder eine gewisse Zeit im Inlandschuldienst verbracht haben – mindestens drei Schuljahre, zum Zeitpunkt der Bewerbung mindestens zwei Schuljahre.

Wird man angesichts des Lehrermangels in Deutschland heute überhaupt für den Auslandsdienst freigestellt?
Wir haben für das neue Schuljahr fast alle Stellen besetzt. Allerdings spüren wir die Engpässe im Inland schon. Aber ich glaube, dass jeder, der bislang rauswollte, auch rausgekommen ist, möglicherweise aber länger warten musste, bis er freigestellt wurde.

In welchen Fächern werden vor allem deutsche Lehrer im Ausland gesucht?
Bedarf gibt es vor allem in den MINT-Fächern, das ist nicht anders als im Inland. Auch Deutschlehrerinnen und -lehrer, vor allem für Deutsch als Zweitsprache oder Deutsch als Fremdsprache, werden gebraucht. Was wir besonders benötigen, sind qualifizierte Schulleiterinnen und Schulleiter, die bereit sind, gemeinsam mit einem engagierten Kollegium und Eltern ein von Bilingualität und -kulturalität geprägtes Schulumfeld zu gestalten.

Was lernen die Lehrkräfte im Ausland?
Sie sind sturmerprobt, flexibel, können Bildungssysteme vergleichen und haben interkulturelle Erfahrungen. Auch was die Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache oder Deutsch als Fremdsprache anbelangt, lernen sie viel und bekommen dazu auch spezielle Fortbildungen. Denn der Fachunterricht auf Deutsch läuft natürlich im Ausland anders als in Deutschland. Von diesen Erfahrungen profitieren die Lehrerinnen und Lehrer dann auch nach ihrer Rückkehr bei ihrer Arbeit mit gemischtsprachigen Klassen oder Willkommensklassen in Deutschland.

Man kann eine Region angeben, aber es gibt keine Garantie, dass man dort hinkommt.

Wie werden die Pädagoginnen und Pädagogen auf den Auslandseinsatz vorbereitet?
Die Zentralstelle bietet Beratungen zu Finanzen, zur Methodik und bereitet die Lehrkräfte mit einwöchigen Vorbereitungskursen für die jeweilige Region vor. Vor Ort werden sie dann von den deutschen Lehrerinnen und Lehrern, die schon vor Ort sind, aufgenommen.

Kann man den Ort frei wählen?
Lehrkräfte bewerben sich nicht für einen bestimmten Ort, sondern man kann nur eine Region angeben, aber es gibt keine Garantie, dass man dort hinkommt. So kann es also schon mal passieren, dass jemand, der nach Washington wollte, dann doch in Peking landet. Es schränkt schon sehr ein, wenn man bestimmte Regionen von vornherein ausschließt. Nur bei den Stellen für Schulleiterinnen und Schulleiter läuft es umgekehrt. Diese Stellen werden öffentlich ausgeschrieben, das heißt ,hier können sich Interessenten direkt auf eine offene Stelle bewerben.

Wie lange dauert das Bewerbungsverfahren?
Das ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Die Zeitspanne von der Bewerbung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Bewerberinnen und Bewerber in die Datenbank aufgenommen werden, reicht von sechs Wochen bis zu einem halben Jahr. Die Vermittlung erfolgt dann in der Regel zum nächsten Halbjahr.

Wie sieht es mit der Besoldung aus?
Die Lehrkräfte im Ausland bekommen eine Grundzuwendung, die dem Grundgehalt entspricht, das sie im Inland bekommen haben. Dazu kommen Auslandszuwendungen. Es gibt eine Schulortzuwendung, die zum Beispiel die Lebenshaltungskosten oder die Sicherheitslage vor Ort berücksichtigt, außerdem gibt es Zuwendungen für die Familie und eine Mietzuwendung. Auch die Schulkosten für die Kinder werden erstattet, ebenso Reise- und Umzugskosten.

Auf einen Blick

  • Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) betreut etwa 2000 deutsche Lehrkräfte, die im Ausland arbeiten.
  • Weltweit gibt es in 70 Ländern etwa 140 Auslandsschulen.
  • Die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer geht zunächst für drei Jahre ins Ausland, sie können ihren Aufenthalt auf insgesamt längstens acht Jahre verlängern.