Wie deutsche Schulen ukrainische Kinder aufnehmen : Aus dem Kriegs­gebiet in die Willkommens­klasse

Mindestens 20.000 Kinder sind an Deutschlands Schulen angekommen – eine Mammutaufgabe. Sollen die Jungen und Mädchen separat unterrichtet werden, mit anderen Zugewanderten oder in normalen Klassen?

Dieser Artikel erschien am 31.03.2022 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
Willkommensklasse
©dpa

Wie viele Kinder aus der Ukraine werden noch kommen? Wie lange werden sie bleiben? Und wer soll sie unterrichten? Dagmar Drummen, Leiterin der Grund- und Gesamtschule Boostedt in Schleswig-Holstein, hat noch keine Antworten auf diese Fragen, ist aber entschlossen, Lösungen zu finden. „Jede Stunde, die diese Kinder in der Schule verbringen, ist ein Gewinn“, sagt sie. „Wir müssen versuchen, ihnen zumindest dieses bisschen an Normalität zu bieten.“

Drummen organisiert den Unterricht nicht nur an ihrer Schule, sondern auch in zwei der großen Landes­unterkünfte für Geflüchtete in Schleswig-Holstein: ein Container­dorf in Bad Segeberg und ein ehemaliges Kasernen­gelände bei Neumünster. Einige Hundert ukrainische Kinder sind hier bisher angekommen, landesweit mehr als 1700, bundesweit sollen – Stand Ende letzter Woche – mehr als 20.000 an den Schulen sein. Die Zahl ändert sich ständig.

„Viele dieser Kinder sind sehr erschöpft“, sagt Drummen. Aber sie hätten großes Interesse an Schule und einem halbwegs geregelten Alltag. In drei Räumen, die auf dem Kasernen­gelände liegen, würden die Kinder täglich in zwei Schichten unterrichtet. Jeweils drei Stunden am Vormittag, dann wird gewechselt. Lehrkräfte aus Boostedt springen ein, um „dort zu helfen, wo die Not am größten ist“, wie die Schulleiterin sagt. „Jetzt müssen alle mitmachen.“

„Historische Ausnahme­situation“

Die Hilfsbereitschaft in Deutschland ist angesichts der Massen­flucht aus Osteuropa riesig, auch an den Schulen. Diese müssen nun eine noch unbekannte Zahl an Kindern mit traumatischen Erlebnissen und ohne Deutsch­kenntnisse ins System integrieren – und das nach zwei Jahren Corona­pandemie. Karin Prien (CDU), Bildungs­ministerin in Schleswig-Holstein und amtierende Präsidentin der Kultus­minister­konferenz (KMK), spricht von einer „historischen Ausnahme­situation“ und „außer­ordentlichen Herausforderung“.

Ein großes Problem ist der bundesweite Lehrermangel. Die KMK geht davon aus, dass für 1000 Schüler rund 60 Lehrkräfte und zusätzliche Sozialarbeit benötigt werden. Woher soll das Personal kommen? Und wie sollen die ukrainischen Kinder unterrichtet werden? In Regelklassen, mit anderen neu zugewanderten Kindern, in separaten Gruppen auf Ukrainisch? Darüber gibt es Kontroversen.

Am Louise Weiss Gymnasium im Hamburger Stadtteil Hamm melden in diesen Tagen fast täglich ukrainische Mütter ihre Kinder für einen Platz in einer Internationalen Vorbereitungs­klasse (IVK) an, in anderen Bundesländern auch Willkommens- oder DaZ-Klasse genannt. DaZ für Deutsch als Zweitsprache. Das Konzept ist immer ähnlich. Neu zugewanderte Kinder werden zunächst getrennt von anderen in Klein­gruppen unterrichtet. Sie sollen Deutsch lernen, bevor sie in Regelklassen wechseln.

„Das Konzept hat sich absolut bewährt“, findet Sabine Bühler-Otten, IVK-Lehrerin am Louise Weiss Gymnasium. Die Schülerinnen und Schüler hier stammen aus Ghana, Rumänien, China, Italien, Russland, Moldau, Afghanistan, Syrien und nicht erst jetzt auch aus der Ukraine. Sie sind aus verschiedensten Gründen in Deutschland.

Darja, 17, die eigentlich anders heißt, sitzt erst seit wenigen Tagen mit im Unterricht. Nachdem in der Ukraine Putins Angriffs­krieg begonnen hatte, flüchteten ihre Eltern mit ihr nach Hamburg. Nun übt sie mit den anderen Smalltalk auf Deutsch. Bühler-Otten geht mit einem roten Stoff­beutel durch die Reihen, aus denen die Jugendlichen Fragen ziehen: „Was ist dein Lieblingstier?“ oder „Welche Hobbys hast du?“. Darja zieht „Was tust du normaler­weise am Wochenende?“

Sie übe Englisch und Mathematik, sagt Darja. Außerdem habe sie Samstag und Sonntag jeweils zwei Stunden Tennis­unterricht.

Diese unbeschwerte Zeit gibt es nur noch in Darjas Erinnerung. Sie kommt aus Charkiw im Osten der Ukraine. Dort hat sie ab der fünften Klasse Deutsch gelernt. Später, im Gespräch, erzählt sie, ihr älterer Bruder habe in der inzwischen stark zerbombten Stadt bleiben müssen. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen. Sie ringt um Fassung und spricht dann schnell wieder davon, wie sehr ihr die neue Schule gefällt, die „supercoole Klasse“.

„Wer ist dein Lieblings­tennis­spieler?“, will ein serbischer Mitschüler wissen. Darja lacht. „Natürlich Novak Djoković.“ Ein Serbe, aktuell auf Platz eins der Weltrangliste. „Die Schülerinnen und Schüler stützen sich gegenseitig, nicht nur beim Erlernen der deutschen Sprache“, sagt Bühler-Otten. Nach einem Jahr wechselten sie in die Regel­klasse. Viele schafften es bis zum Abitur.

Die Schwachpunkte im System

Seit einigen Jahrzehnten gibt es das Konzept der Willkommens­klassen in Deutschland. 2015 wurden sie stark ausgebaut. Wenn es nach der Mehrheit der Bildungs­ministerinnen und -minister geht, sollen die neu ankommenden ukrainischen Kinder vorrangig nach diesem Modell beschult werden. Einige wollen sie direkt in Regel­klassen schicken und zusätzlichen Deutsch­unterricht anbieten. Die Politik setzt darauf, dass Schulen und Lehrkräfte dieses Mal besser aufgestellt sind als vor sieben Jahren, als fast 900.000 Asylbewerber in die Bundesrepublik kamen. Bis zuletzt hakte das System jedoch an einigen Stellen.

„Teilweise gab es sehr lange Verweildauern in den Willkommens­klassen“, sagt der Bildungs­forscher Kai Maaz, der vor knapp einem Jahr eine Studie zu Erfahrungen von Berliner Schul­leitungen und Lehrkräften veröffentlicht hat. Umso schwerer fiel Kindern demnach mitunter der Zugang zu anderen Gleichaltrigen und in die deutsche Gesellschaft.

Die Mehrheit der von Maaz befragten Schulleiter hält das Konzept für „grundlegend geeignet“. Die Rahmen­bedingungen in den Willkommens­klassen unterschieden sich allerdings zum Teil erheblich, etwa in Bezug auf die Zahl der Lehrkräfte, deren Ausbildung, die Gruppengröße, die Lehrinhalte und wie schnell die Kinder in Regel­klassen wechselten. Davon hängt auch der Lern­erfolg ab. Die Schul­leitungen wünschten sich „klarere Vorgaben“ und mehr Fortbildungen, etwa zum Umgang mit traumatisierten Kindern.

Maaz gehört zur Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK, einem Gremium mit 16 Fachleuten, das in dieser Woche Empfehlungen veröffentlicht hat: Die ukrainischen Kinder und Jugendlichen sollten bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen unterstützt werden, heißt es in einer Stellung­nahme. Grundschüler und die unteren Jahrgänge der weiter­führenden Schulen sollten möglichst in Regelklassen aufgenommen werden, ältere Schülerinnen und Schüler in Willkommens­klassen; zudem solle es neben dem Unterricht ergänzende Angebote in ukrainischer Sprache geben.

Soweit die Theorie. In der Praxis stoßen Schulen an Grenzen des Machbaren. Bildungsforscher Stephan Huber hat in einer Art Blitzumfrage unter Lehrkräften und Schulleitungen von Ende Februar bis Mitte März für das Deutsche Schulbarometer die Stimmung eingefangen. Das Engagement ist demnach groß, doch viele Schulen seien nach der Coronakrise am „Bewältigungs­limit“. Vielen von ihnen fehle Personal, manche hätten „räumliche Kapazitätsgrenzen erreicht oder überschritten“. Das Fazit: Schulen bräuchten dringend mehr Ressourcen, einige deutlich mehr als andere.

„Flexibilisierungs­offensive“, um die Lage zu bewältigen

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) räumte ein, die Schulen seien „am Rande der Leistungs­fähigkeit angelangt“. Unterricht werde nicht wie gewohnt möglich sein. Tonne will den Schulen viel „Beinfreiheit“ lassen, um die Lage zu bewältigen. Sie sollen laut Schulministerium „unterschiedlichste Beschulungs­formate anbieten“, bis hin zur Nutzung von Online­angeboten aus der Ukraine. Der Minister spricht von einer „Flexibilisierungs­offensive“ . Von klaren Vorgaben oder Qualitäts­standards kann daher keine Rede sein.

Thüringen will ukrainische Kinder grundsätzlich in Regelklassen aufnehmen, ihnen aber zusätzlich Deutsch-Intensivkurse anbieten. In Sachsen plant man zumindest in Leipzig und Dresden rein ukrainische Lerngruppen. Berlin setzt auf Willkommens­klassen. 540 gab es vor dem Ukraine­krieg, sie waren mit 6100 Schülerinnen und Schülern „bereits gut ausgelastet“, wie es von der Senats­verwaltung für Bildung heißt. Die Stadt habe in einem ersten Schritt nun 3000 neue Plätze geschaffen, weitere sollen folgen.„Der Arbeits­markt ist seit Jahren leer gefegt, zumal an ausgebildeten DaZ-Lehrkräften.“

Hamburg will Vorschüler sowie Erst- und Zweitklässler direkt in Regel­klassen aufnehmen. Die Schulbehörde geht davon aus, dass jede weiter­führende Schule mindestens eine neue Vorbereitungs­klasse für je 18 Schüler einrichten soll. 91 Vorbereitungs­klassen gab es bereits in Hamburg, 46 neue stünden kurz vor dem Start. Woher das Personal dafür kommen soll? „Der Arbeitsmarkt ist seit Jahren leer gefegt, zumal an ausgebildeten DaZ-Lehrkräften“, sagt Sven Kertelhein, Schul­leiter am Louise Weiss Gymnasium. In den vergangenen Tagen sei auch noch knapp ein Fünftel seines Kollegiums wegen Corona ausgefallen.

Gleichzeitig soll er nun, und will es auch, wie er betont, zwei neue Vorbereitungs­klassen einrichten. Der Schulleiter sagt, laut Schulbehörde habe der Unterricht für die Geflüchteten Priorität, selbst wenn noch nicht das nötige Personal verfügbar sei. „Im Umkehrschluss bedeutet das: Man müsste Personal zulasten der anderen Kinder umschichten“, sagt der Schulleiter. „Vielleicht ist das der Situation angemessen.“

Kertelhein sagt, er habe durch Zufall eine ukrainische Lehrerin kennen­gelernt, die nach Hamburg geflüchtet sei und Deutsch spreche. Kurzerhand stellte er Tetjana Yahodka aus Lwiw als neue Willkommens-Lehrerin ein. „Ein Glücks­fall“, findet der Schulleiter, „für beide Seiten.“ Kertelhein hofft, ebenso wie die meisten Kultus­minister , dass sich weitere ukrainische Lehrerinnen und Lehrer finden.

Aber sie sollen keine rein ukrainischen Klassen auf Ukrainisch unterrichten. „Wir möchten weder, dass sich die anderen Kinder als ›Geflüchtete zweiter Klasse‹ fühlen“, sagt Lehrerin Bühler-Otten, „noch, dass sich die ukrainischen Schülerinnen und Schüler als Gruppe mit Sonder­status sehen.“ Genau diese Frage berührt ein Politikum.

Die Generalkonsulin der Ukraine in Hamburg, Iryna Tybinka, hatte am 10. März in einer Rede vor der KMK in Lübeck eine „Beschulung nach dem ukrainischen System und deren Lehrplänen“ gefordert. Ukrainische Lehrkräfte könnten sich daran beteiligen, ebenso sei das Lernen über eine ukrainische Online­platt­form für die Schülerinnen und Schüler der Klassen fünf bis elf möglich.

Der Aufenthalt der Geflüchteten sei zeitlich begrenzt, argumentierte Tybinka . Die Kontinuität der Bildungs­prozesse müsse gewahrt, zusätzlicher psychischer Druck vermieden und die nationale Identität auf­recht­erhalten werden. Dieser Aspekt ist ihr angesichts der russischen Invasion besonders wichtig. Ein fehlender Zugang zur ukrainischen Kultur und Geschichte spiele Putin in die Hände.

Rund drei Wochen später lenkt Tybinka auf SPIEGEL-Nachfrage in Teilen ein und lehnt etwa den Unterricht in Willkommens­klassen nicht mehr ab. Aber „wir bestehen darauf, dass Kinder neben dem Erlernen der deutschen Sprache auch in ihrer Mutter­sprache Ukrainisch weiter gefördert und unterrichtet werden“.„Wir können kein Parallel­system aufbauen.“

Barbara Kreuzer, Leiterin der Helmuth Hübener Stadtteilschule in Hamburg-Barmbek, will so weit wie möglich auf solche Forderungen eingehen. Fünf Willkommens­klassen gebe es bereits an ihrer Schule, eine neue, sechste soll nun als rein ukrainische Klasse eingerichtet werden. „Ich habe keine Glaskugel“, sagt Kreuzer. „Aber sollte eine Rückkehr innerhalb kürzester Zeit tatsächlich möglich sein, muss ich den ukrainischen Kindern doch nicht das deutsche System aufzwingen und sie so intensiv Deutsch lernen lassen, als ob sie für immer bleiben.“

Kreuzer sagt, ihre Schülerinnen und Schüler, die etwa aus Afghanistan und Syrien stammten, wollten zwar tendenziell in Deutschland bleiben, würden sich aber über auch ergänzenden Unterricht in ihrer Herkunfts­sprache freuen „und sehr davon profitieren“. So etwas gebe es an ihrer Schule bisher nicht, sie wolle das nun vorantreiben.

Die KMK müht sich nach Tybinkas Forderungen um Zugeständnisse, ohne Versprechungen zu machen. Ob und wann die geflüchteten Familien zurück­kehren könnten, sei derzeit „völlig offen“, so KMK-Präsidentin Prien. Man wolle deshalb die bisherigen Strukturen nutzen und „zusätzlich“ Angebote in der Herkunfts­sprache ermöglichen. „Wir wollen daher auch gerne ergänzend und unbürokratisch auf ukrainische Lehrkräfte zurück­greifen. Aber wir können kein Parallel­system aufbauen“, sagt Prien.

Rückblickend hat man in der Vergangenheit Fehler gemacht, als sogenannte Gast­arbeiter­kinder etwa aus der Türkei separat beschult wurden, in der falschen Annahme sie kehrten bald in ihre Heimat zurück.

Das Louise Weiss Gymnasium, wo es auch Unterricht in Türkisch und Russisch gibt, zeigt, wie ein Kompromiss aussehen kann. Dort unterrichtet Tetjana Yahodka eine gemischte Willkommensklasse. Für die ukrainischen Kinder bietet sie außerdem zwei Stunden pro Woche Ukrainisch an. „Wir werden über den Krieg und auch die Kultur unseres Landes sprechen“, sagt sie. Kinder könnten ihr auch Sorgen und Nöte in ihrer Muttersprache anvertrauen. „Vielleicht hilft das.“

Yahodka freut sich, dass ihre eigenen Kinder, zehn und dreizehn, nun auch in einer Willkommens­klasse unterrichtet werden. Per WhatsApp hätten die beiden noch Kontakt zur Lehrerin und Klassen­kameraden in ihrer Heimatstadt Lwiw. Die Aufgaben bekämen sie über ein Lernportal. Aber öfter breche das Netz zusammen oder die Lehrerin sei wegen Bombenalarm nicht verfügbar. Yadhodka will ihren Kindern den Zugang weiter ermöglichen, aber sie bräuchten echten Kontakt zu Gleichaltrigen, findet sie, „und kein Klassen­zimmer, das nur im Handy ist“.