Berlins Bildungssenatorin : Eine, die sich nicht scheut, Probleme offen anzusprechen

Seit Dezember 2021 ist Astrid-Sabine Busse Bildungssenatorin von Berlin. Die Überraschung war groß, denn zuvor war sie viele Jahre lang als Schulleiterin in Neukölln tätig. Kann eine Frau aus der Praxis die großen Probleme in der Berliner Bildungslandschaft stemmen? Das Schulportal hat zum Ende des Schuljahres, nach gut einem halben Jahr im Amt, nachgefragt. Busse ist überzeugt davon, dass ihr gerade ihre Praxiserfahrungen helfen, die Herausforderungen zu meistern.

Regina Köhler 11. Juli 2022
Astrid-Sabine Busse im Abgeordnetenhaus
Astrid-Sabine Busse wechselte von der Schulleitung ins Amt der Bildungssenatorin. Sie kennt die Probleme der Schulen.
©Annette Riedl/dpa

Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) braucht kein Redemanuskript, als sie an diesem Montagmorgen im Juni Schülerinnen und Schüler auszeichnet, die einen Plakatwettbewerb gewonnen haben. Busse spricht frei, sie hat schnell einen Draht zu den Jugendlichen. Immerhin war sie fast dreißig Jahre lang Schulleiterin. Was sie sagt, kommt an.

Die Ausgezeichneten haben sich an einem Wettbewerb der DAK-Gesundheit beteiligt, in dem es darum ging, Plakate gegen das sogenannte Komasaufen zu entwerfen. „Bunt statt blau“ lautet das Motto dieses Wettbewerbs, dessen Schirmherrin Busse ist. Auch sie sei beeinflussbar, sagt die Senatorin zu Beginn ihrer Rede. „Ich habe während des Studiums angefangen zu rauchen, weil das als cool galt. Aber das war einfach nur dumm.“

Astrid-Sabine Busse hat an der Pädagogischen Hochschule Berlin in Lankwitz studiert und danach ihre Arbeit als Lehrerin aufgenommen. Die Schule ist für sie bekanntes Terrain. Die Verwaltung der Schulbehörde und das politische Parkett sind dagegen eher Neuland für sie. Wobei sie als Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen (IBS) durchaus auch politische Erfahrungen sammeln konnte.

Im Dezember wurde Busse Bildungssenatorin von Berlin. Und sie ist überzeugt davon, in diesem Job an der richtigen Stelle zu sein. „Einer muss es ja machen“, sagt sie. Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) habe sie bei Amtsantritt im Oktober 2021 gefragt, ob sie das Ressort übernehmen wolle. „Es war natürlich eine Überraschung“, erinnert sich Busse. Aber es sei eine Ehre für sie, gefragt worden zu sein. Eine Nacht habe sie dann aber doch darüber schlafen müssen, bevor sie zugesagt hat.

Lehrermangel, fehlende Schulplätze – Berlins Schulen stehen vor großen Herausforderungen

Dass die Herausforderungen groß sind, sei ihr von Anfang an klar gewesen, sagt Busse: „Wer so lange im Schuldienst ist wie ich, weiß Bescheid.“ Sie habe viel Erfahrung damit, wie es sich anfühlt, zu unterrichten oder mit einer Klasse auf Fahrt zu gehen. Schule eben. Als Vorsitzende des IBS sei sie zudem nah dran gewesen an den Problemen von Lehrkräften und Schulleitungen, aber auch an den bildungspolitischen Fragen.

Ob sie erfolgreich sein wird, ist dennoch ungewiss. Die SPD hat in Berlin seit Jahren das Bildungsressort besetzt. Da waren Klaus Böger, Jürgen Zöllner und bis zum vergangenen Jahr Sandra Scheeres — sie alle haben versucht, das Berliner Bildungssystem zu verbessern. Die Probleme aber sind immer größer geworden: Lehrermangel, marode Schulen, fehlende Schulplätze … Um hier nur einige zu nennen.

Nun also übernimmt Astrid-Sabine Busse. Eine Frau aus der Praxis. Eine gestandene Frau — roter Bubikopf, warmes Lachen. Busse, seit 1982 im Schuldienst, scheint mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. 1992 übernahm sie die Leitung der Grundschule in der Köllnischen Heide in Neukölln — einer Schule in besonders herausfordernder Lage. Die Regierende Bürgermeisterin dürfte genau das überzeugt haben.

Doch Busse ist auch eine Quereinsteigerin, der Erfahrungen auf dem großen politischen Parkett fehlen. Da bleibt es nicht aus, dass sie sich schon mal „über den Tisch ziehen lässt“, wie SPD-Fraktionschef Raed Saleh ihr kürzlich vorgeworfen hat. Bei den Haushaltsverhandlungen habe sie Streichungen beim Etat für den Schulneubau zugelassen. Das Parlament sorgte später dafür, dass ihrem Haus ein dreistelliger Millionenbetrag erhalten blieb. Busse sagt, dass es so einfach nicht gewesen sei. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sie hätten die ganze Zeit über Kontakt zu den Parlamentarierinnen und Parlamentariern gehalten und auf diese Weise dazu beigetragen, dass die Einsparungen zurückgenommen wurden.

Druck kommt auch vonseiten der Eltern

Druck kommt auch vonseiten der Eltern. Der Landeselternausschuss forderte die Senatorin vor einigen Wochen auf, einen runden Tisch einzurichten, um mit den vielen Problemen im Bildungsbereich besser fertigzuwerden. Busse greift den Vorschlag auf. Demnächst werde es eine solche Einrichtung geben, kündigt sie an und fügt hinzu: „Man kann mir von allen Seiten den Stein der Weisen zuwerfen – ich werde ihn auffangen!“ Ihrer Meinung nach sollte solch ein runder Tisch allerdings eher die Zukunft des Lernens und eine perspektivische Entschlackung der Stundentafel thematisieren.

Den stärksten Gegenwind erfährt Busse von der Opposition. Die CDU hat kürzlich sogar einen Missbilligungsantrag gestellt. Busse sei ideenlos, es fehle ihr an politischer Gestaltungskraft, hieß es. Für großen Unmut sorgten zudem Absätze aus Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, in denen er Busse zitiert, die von der Arabisierung der Berliner Gesellschaft gesprochen habe. Das Buch ist im August 2010 erschienen. Dass Busses Zitate darin gerade jetzt wieder aufgetaucht sind, soll offenbar den Druck auf die Senatorin erhöhen. Busse hat sich jedenfalls für den harten Ton entschuldigt, den sie damals angeschlagen hatte.

Zum Missbilligungsantrag der CDU sagt Busse, dass der sie verwundert habe. Und sie bleibt ruhig. „Wenn mich so etwas aus der Bahn werfen würde, wäre ich auf meinem Posten fehl am Platze“, fügt sie hinzu und kritisiert ihrerseits die Defizitkultur, die in Deutschland gang und gäbe sei. Es sei schwierig, dass in Politik und Öffentlichkeit vor allem über Fehler diskutiert werde. „Wenn ich so mit meinen Schülerinnen und Schülern umgegangen wäre, hätte ihnen das auf keinen Fall geholfen.“

In Berlin werden Lehrerinnen und Lehrer wieder verbeamtet

Sie sei erst ein halbes Jahr im Amt, sagt Busse. Sie habe es nicht zu verantworten, dass für das neue Schuljahr noch etwa 920 Lehrkräfte fehlen. Zudem sei der Fachkräftemangel ein bundesweites Problem – und zwar nicht nur im Bildungsbereich.

Busse will dem Personalmangel nun mit verschiedenen Mitteln begegnen. „Wir haben durchgesetzt, dass Lehrerinnen und Lehrer in Berlin wieder verbeamtet werden“, sagt sie. 300 Lehrerinnen und Lehrer habe sie dadurch gewinnen können. Junge Leute, die ihre Ausbildung gerade beendet haben. Busse ist froh darüber. „Wir haben in den vergangenen Jahren mehr als 4.000 Lehrkräfte verloren, die in Berlin gut ausgebildet worden sind, die Stadt dann aber verlassen haben, weil sie nicht verbeamtet wurden.“ Das sei nun vorbei. Im Gegenteil – viele, die deshalb nach Brandenburg gegangen sind, würden nun zurückkommen wollen. „Uns liegen bereits viele Anträge vor.“

„Wir müssen zunächst den regulären Unterricht nach den Vorgaben der Kultusministerkonferenz abdecken“
Astrid-Sabine Busse, Bildungssenatorin von Berlin

Die Senatorin ist auch hier pragmatisch. „Wir müssen zunächst den regulären Unterricht nach den Vorgaben der Kultusministerkonferenz abdecken“, sagt sie. Mit den Bezirken Neukölln und Steglitz habe sie kürzlich telefoniert: „Dort sieht es ganz gut aus.“ Hilfreich sei, dass die Berliner Schulen deutlich besser mit Personal ausgestattet sind, als es in anderen Bundesländern der Fall ist. Der Ganztag zum Beispiel sei so gut ausgebaut wie kaum anderswo. Das habe dazu geführt, dass fast ein Drittel der Lehrkräfte an den Schulen für zusätzliche Förderung und Profilbildung eingesetzt werden können. Hinzu kämen Erzieherinnen und Erzieher sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

Busse geht davon aus, dass diese Struktur erhalten werden kann und künftig Teilungsunterricht oder Förderstunden nur vereinzelt wegfallen müssten, um den regulären Unterricht zu garantieren. An den Schulen sieht man das anders. Viele Schulleiter und Schulleiterinnen beklagen, dass kaum noch ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Wäre sie noch Schulleiterin, hätte sicher auch Astrid-Sabine Busse den Lehrermangel heftig kritisiert.

Marode Schulen sind ein weiteres Problem, dem sich Busse stellen muss. Ihrer Meinung nach läuft die Schulbauoffensive allerdings gut. „Ich selbst kann ja nicht mitbauen“, sagt sie. Aber sie sei jede Woche zu einem Richtfest eingeladen. „Das sind tolle neue Schulen, klimagerecht und energieeffizient gebaut, mit einer modernen Platzaufteilung.“ Ihre Vorgängerin habe da viel angestoßen. In nächster Zeit könne es allerdings zu Verzögerungen bei der Fertigstellung weiterer Bauten kommen, räumt Busse ein. „Das werden wir kaum beeinflussen können, das hängt mit Lieferengpässen zusammen, die unter anderem mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben.“

Astrid-Sabine Busse setzt auf Teamarbeit

Busse scheut sich nicht, Probleme anzusprechen. Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit hat sie betont, dass sie transparenter sein will als ihre Vorgänger und Vorgängerinnen. Dazu gehört, so sagt sie, dass sie Zahlen rausgebe, etwa die der für das kommende Schuljahr fehlenden Lehrkräfte. Sie sei überzeugt, dass man auf diese Weise besser mit Problemen umgehen könne.

Im politischen Berlin trauen der ehemaligen Schulleiterin viele trotzdem nicht zu, dass sie ihrem neuen Amt gewachsen ist und es schafft, eine Verwaltung mit 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Kurs zu halten. Hinzu kommt, dass ihre beiden Staatssekretäre, Alexander Slotty und Aziz Bozkurt, ebenfalls kaum Verwaltungserfahrung haben.

Busse indes verlässt sich auf ihr langes Berufsleben. „Ich habe gute Fachleute und ein großes Team hinter mir und bekomme viel Unterstützung“, sagt sie. Wenn sie morgens zur Arbeit fahre, fühle sich das für sie an, wie nach Hause zu kommen. Früher habe sie das Gefühl beim Betreten ihrer Schule gehabt, jetzt sei der Sitz der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie an der Bernhard-Weiß-Straße 6 ihr Zuhause. „Wir lachen viel, es gibt viel Zeit für einen direkten Austausch. So habe ich auch an der Schule gearbeitet – immer im Team“, sagt Busse.

Zur Person

  • Astrid-Sabine Busse ist 1957 in Berlin-Tempelhof geboren.
  • Bis 1980 studierte Busse Geografie und Politologie auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Berlin.
  • Ihr Referendariat absolvierte sie an einer Grundschule in Marienfelde.
  • Später war sie Lehrerin an der Peter Petersen Schule und an der Hans-Fallada-Förderschule in Berlin.
  • Von 1992 bis 2021 arbeitete sie Schulleiterin an der Grundschule in der Köllnischen Heide.
  • Von 2015 bis 2021 war sie zudem Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen e. V.
  • Im Dezember 2021 wurde sie zur Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie im Senat von Franziska Giffey (SPD) ernannt. Ebenfalls im Dezember 2021 trat Busse in die SPD ein.