Andreas Schleicher : Mehr Eigenverantwortung für Schulen in der Pandemie

In einer Studie hat die OECD gemeinsam mit der Harvard-Universität in 59 Ländern ermittelt, wie die Schulen mit der Corona-Pandemie umgehen. Die Befragung der Schulverwaltungen und Lehrkräfte fand in der Zeit vom 25. April bis 7. Mai 2020 statt. Das Schulportal sprach mit Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD, über die wichtigsten Erkenntnisse aus der Umfrage. Im Interview plädiert der Bildungsexperte für mehr Eigenverantwortung der Schulen, wenn’s um die Strategie der Wiederöffnung geht.

Florentine Anders / 16. Juni 2020
Mädchen hinter einem verregnetem Fenster
Während der Pandemie hatten 1,5 Milliarden Schülerinnen und Schüler keinen regulären Unterricht. Vor allem das soziale Lernen blieb während der Schulschließungen auf der Strecke.
©Getty Images

Schulportal: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat gemeinsam mit der Harvard-Universität, USA, in einer Umfrage in 59 Ländern untersucht, welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf die Bildung hat. Wo stehen die Schulen in Deutschland im internationalen Vergleich? Was ist in Bezug auf Deutschland besonders auffällig?
Andreas Schleicher:
Es ist klar, dass Deutschland bei der technischen Infrastruktur und bei der Vorbereitung der Lehrkräfte auf digitales Lernen und Blended Learning zu den anderen Ländern aufschließen muss. Aber damit steht Deutschland nicht allein. Während der Pandemie hatten 1,5 Milliarden Schülerinnen und Schüler keinen regulären Unterricht, und alle mussten verstehen, dass das Lernen mit digitaler Technologie in Zukunft viel besser funktionieren muss. Auf der anderen Seite weisen unsere Daten auf eine bemerkenswerte Belastbarkeit und Flexibilität und ein großes Engagement im deutschen Schulsystem hin, um Lernenden und Lehrern zu helfen, mit Schulschließungen fertigzuwerden.

Während der Schulschließung lag in den befragten Ländern die größere Aufmerksamkeit auf dem fachlichen oder akademischen Lernen, während die soziale und emotionale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler eher in den Hintergrund trat. Und wie stellt sich das in Deutschland dar?
Wenn die Unterrichtszeit begrenzter ist, müssen die Länder schwierige Entscheidungen treffen, wo sie Prioritäten setzen wollen. Solche Kompromisse sind nie einfach. Sie erfordern strategische Antworten rund um die Gestaltung, Anpassung und Umsetzung von Lehrplänen, um Lehrer und Schüler nicht zu überlasten.

Wie die meisten anderen Länder stellte Deutschland das akademische Lernen an die erste Stelle. Allerdings standen in Deutschland die Unterstützung der Lehrkräfte, die soziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler und die Unterstützung der Eltern auf der Prioritätenliste recht weit oben. Das ist wichtig, denn obwohl das Lernen aus der Ferne während der Pandemie zur Lebensader der Bildung wurde und dem Zweck des akademischen Lernens recht gut diente, konnte es die sozialen Funktionen der Schule nicht erfüllen. Wir sehen, dass viele Schülerinnen und Schüler damit zu kämpfen haben.

Obwohl das Lernen aus der Ferne während der Pandemie zur Lebensader der Bildung wurde und dem Zweck des akademischen Lernens recht gut diente, konnte es die sozialen Funktionen der Schule nicht erfüllen.

23 Prozent der Befragten erhielten laut Umfrage keine Unterstützung in Form von Online-Fortbildungen oder Materialien für den Umgang mit der veränderten Situation. Wie können die Lehrkräfte besser vorbereitet werden, falls sich eine ähnliche Situation wiederholt?
Ja, mehr Investitionen in Fortbildung sind wichtig. Aber ich glaube, das ist in Deutschland nur ein Teil des Problems. Es geht vielmehr darum, die Handlungsmöglichkeiten und die Verantwortung der Schulen zu steigern. Von Schule zu Schule gibt es große Unterschiede, was die Gefährdung durch die Pandemie und was die Handlungsoptionen anbelangt. Manche Schulen haben sehr viele Lehrkräfte in der Risikogruppe, andere nur wenige. In viele Schulen kommen Kinder mit dem Bus, in andere vor allem zu Fuß.

Auch die kommunalen und epidemiologischen Rahmenbedingungen unterscheiden sich: die Kapazitäten der öffentlichen Gesundheit und der Gesundheitsfürsorge, die Bevölkerungsdichte und die Einhaltung von sozialer Distanzierung und guter Hygienepraxis. Daher könnten nationale Gesundheitsrichtlinien zur Wiedereröffnung von Schulen, die ohne Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse an jeder Schule entwickelt werden, mehr Schaden als Nutzen anrichten.

In Deutschland wird derzeit weniger als jede fünfte Bildungsentscheidung auf Schulebene getroffen. In den Niederlanden sind es mehr als vier von fünf. Deutschland sollte alles in seiner Macht Stehende tun, um die lokalen Kapazitäten zu stärken. Die Schulen müssen sich vorbereiten, Eltern und Lehrer positiv einbinden und in der Gemeinschaft Vertrauen aufbauen, dass sie mit der Situation gut umgehen. Die Krise hat auch gezeigt, wie wichtig es ist, Eltern, Lehrern, Schulleitern und Gemeinden die Eigenverantwortung für die Strategien zur Wiedereröffnung von Schulen zu sichern, damit sie die Konzepte auch mittragen. Selbst die beste Regelung wird ihr Ziel nur dann erreichen, wenn die Schulen sie proaktiv umsetzen.

Hinzu kommt: Der Widerstand gegen Veränderungen ist oft auf unvollständige Informationen über die Art der vorgeschlagenen Maßnahmen und ihre Auswirkungen zurückzuführen. Dies macht deutlich, wie wichtig es ist, die zugrunde liegenden Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen, um Pädagogen und die Gesellschaft im Allgemeinen zu überzeugen. Dazu gehören: das Bewusstsein darüber zu schärfen, wie schwierige Entscheidungen getroffen wurden, die nationale Debatte zu fördern und der Austausch von Erkenntnissen über die Auswirkungen verschiedener politischer Alternativen. Das ist der Weg zu einem soliden Konsens, und die Daten aus der Umfrage zeigen, dass Deutschland noch einen langen Weg vor sich hat, um die wichtigsten Interessengruppen in die Gestaltung und Umsetzung ihrer Reaktion auf die Pandemie einzubinden.

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Das Video zeigt einen Ausschnitt aus der Reihe Digitaler Impuls der Deutschen Schulakademie. In dem Online-Forum hat Andreas Schleicher die OECD-Studie zum Umgag der Schulen mit der Corona-Krise vorgestellt.

In der Mischung aus Präsenzunterricht und dem selbstständigen Lernen an anderen Orten oder zu anderen Zeiten wird offenbar ein Potenzial auch für die zukünftige Schulentwicklung gesehen. Was sagt die Umfrage dazu, und worin sehen Sie die Vorteile?
Viele Länder haben umfangreiche Gesundheitsmaßnahmen in ihre Wiedereröffnungspläne aufgenommen. Sie können sehen, dass praktisch alle Länder Lernende und Personal in grundlegender Hygiene ausbilden oder verbindliche Protokolle zur sozialen Distanzierung eingeführt haben. Über zwei Drittel der Befragten erwägen auch den Einsatz von Masken, und die Hälfte plant die Schließung von Gemeinschaftsräumen.

Aber all dies wirft große Fragen über das richtige pädagogische Konzept nach den Schulöffnungen auf. Wenn die physische Distanz Dinge wie gemeinschaftliches Arbeiten oder projektbezogenes Lernen erschwert, dann müssen Sie das eher traditionelle Lernen in der Schule mit Online-Aktivitäten kombinieren, dass sie Schülerinnen und Schüler in die Zusammenarbeit mit Gleichaltrigen bringen und die Möglichkeiten für ein schülerorientiertes Lernen bieten.

Das ist nicht nur ein Notfallplan – es sind wichtige Investitionen in die Zukunft! Weit über diese Pandemie hinaus profitieren Schülerinnen und Schüler, wenn sie ihre Lernzeit und ihre Lernmöglichkeiten durch Online-Lernen erweitern. Wir wissen, dass die Technologie das Lernen nicht nur besser personalisieren kann, sondern auch den Erwerb wesentlicher Kompetenzen des 21. Jahrhunderts wie Zusammenarbeit, Kommunikation, selbstorganisiertes Lernen und kognitive Fähigkeiten höherer Ordnung erleichtert. So hat zum Beispiel Singapur als Lehre aus der Pandemie einen Tag des Online-Lernens eingeführt.

In nur einem von fünf Fällen werden wir eine Rückkehr zum „business as usual“ erleben. In den meisten Fällen wollen die Länder und Schulen auch in Zukunft die Technologien ganz anders nutzen.

In eine ähnliche Richtung weist auch unsere Studie: In nur einem von fünf Fällen werden wir eine Rückkehr zum „business as usual“ erleben. In den meisten Fällen wollen die Länder und Schulen auch in Zukunft die Technologien ganz anders nutzen. Das ist sehr ermutigend.

Die Kompetenz des eigenverantwortlichen Lernens auch mithilfe digitaler Medien wird als eine der wichtigen Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts gesehen. Verschiebt sich der Fokus in Bezug auf die wesentlichen Kompetenzen in der Bildung durch die Krise?
Ja. Das ist vielleicht die kritischste Frage, die die Krise aufwirft. Wir leben in einer Welt, in der Dinge, die leicht zu lehren und zu testen sind, auch leicht digitalisiert und automatisiert werden können. Im Grunde hat die Bildung im Industriezeitalter vor allem Menschen hervorgebracht, die sich gut merken und wiederholen können, was ihnen gesagt wird. In gewissem Sinne haben wir damit Menschen zweiter Klasse produziert.
In diesem Zeitalter der Beschleunigung müssen wir viel intensiver darüber nachdenken, was uns zu Menschen erster Klasse macht, wie wir die künstliche Intelligenz, die wir mit unseren Computern geschaffen haben, ergänzen und nicht ersetzen und wie wir eine Kultur aufbauen, die das Lernen, verlernen und Wiederlernen während des ganzen Lebens erleichtert.

Heutzutage geht es darum, den Schülerinnen und Schülern dabei zu helfen, einen verlässlichen Kompass und die Instrumente zu entwickeln, mit denen sie sich selbstbewusst in einer zunehmend komplexen, unbeständigen und unsicheren Welt bewegen können. In der Bildung geht es jetzt um Identität, es geht um Handlungsfähigkeit, und es geht um den Zweck. Es geht darum, Neugier zu wecken: den Verstand zu öffnen; es geht um Mitgefühl: die Herzen zu öffnen; und es geht um Mut, unsere kognitiven, sozialen und emotionalen Ressourcen zu mobilisieren, um aktiv zu werden. Und das wird auch unsere beste Waffe gegen die größten Bedrohungen unserer Zeit sein: Unwissenheit – der verschlossene Verstand; Hass – das verschlossene Herz; und Angst – der Feind der Handlungsfähigkeit.

Die Schulen von morgen müssen den Schülerinnen und Schülern helfen, selbstständig zu denken und sich mit Einfühlungsvermögen und Bürgersinn mit anderen zu verbinden.

Die Schulen von morgen müssen den Schülerinnen und Schülern helfen, selbstständig zu denken und sich mit Einfühlungsvermögen und Bürgersinn mit anderen zu verbinden. Sie müssen den Lernenden dabei helfen, einen starken Sinn für Richtig und Falsch zu entwickeln, eine Sensibilität für die Ansprüche, die andere an uns stellen, und ein Verständnis für die Grenzen individuellen und kollektiven Handelns zu entwickeln. Am Arbeitsplatz, zu Hause und in der Gesellschaft brauchen Menschen ein tiefes Verständnis dafür, wie andere Menschen in unterschiedlichen Kulturen und Traditionen leben und wie andere Menschen denken.

Die Mehrheit der Befragten erwartet Lernrückstände durch die Corona-Pandemie. Wie können diese Lücken auf lange Sicht geschlossen werden? Welche Prioritäten sollten dabei gesetzt werden?
Es ist ermutigend, wie viele Länder Programme als Ausgleich für Schulschließungen ins Auge fassen. Diese können sowohl an Tagen, an denen die Schulen normalerweise geschlossen sind, als auch abends oder an Wochenenden stattfinden. Oder in Form von Sommerkursen, kombiniert mit Sport- und Freizeitaktivitäten. Auch eine Verlängerung des Schuljahres in die Ferienzeit könnte in Betracht gezogen werden, oder der Beginn des Schuljahres könnte um eine oder zwei Wochen vorgezogen werden.

Auf einen Blick

  • Die Studie „Schooling disrupted, school rethought: How the covid 19 pandemic is changing education” wurde am 5. Juni veröffentlicht.
  • Erstellt wurde die Studie von der OECD gemeinsam mit der Harvard-Universität. Autoren der Studie sind Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD, gehört und Fernando M. Reimers von der Initiative Global Education Innovation der Harvard Graduate School of Education.
  • Für die Studie wurden Lehrkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schulverwaltungen und Bildungsministerien aus 59 Ländern im Zeitraum 25.04. bis 07.05.2020 befragt.