Bildung : An den Schulen droht eine Katastrophe

Die Länder haben die Verantwortung, den Schaden an den Schulen ehrlich und ernsthaft zu vermessen und eine Strategie zu entwickeln, wie er sich so weit wie möglich wieder beheben lässt.

Dieser Artikel erschien am 15.01.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Paul Munzinger
Schüler im im Homeschooling
Distanzunterricht bleibt eine Krücke - selbst wenn die Server funktionieren.
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Deutschlands Schülerinnen und Schüler gucken in die Röhre. Schon wieder. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres sind die Schulen geschlossen. Das Kinderzimmer muss als Klassenzimmer herhalten, statt Unterricht gibt es Distanzunterricht, Bildung findet vorm Bildschirm statt. Vorausgesetzt natürlich, der Server hält stand. Das war in den ersten Tagen dieses zweiten Schul-Lockdowns nicht immer der Fall, und jede einstürzende Lernplattform ist natürlich eine Schlagzeile wert. Doch bei allen Problemen: Das Lernen auf Distanz klappt besser als im Frühjahr. Immerhin.

Die Schulen haben in den vergangenen Monaten einen digitalen Crashkurs durchlaufen und bei dem Thema mehr dazugelernt als in den 20 Jahren davor. Auch in pädagogischer Hinsicht ist der Distanzunterricht innovationsfördernd: Auf die Frage, wie Kinder und Jugendliche zum Lernen und zum selbständigen Arbeiten motiviert werden können, müssen Lehrer und natürlich auch Eltern plötzlich ganz neue Antworten finden. Das kann nicht schaden. Und ja, auch die digitale Ausstattung der Schulen und der Schüler hat sich verbessert, auch wenn es noch längst nicht reicht. Aber es bewegt sich was.

Der Distanzunterricht ist und bleibt eine Krücke

Doch bevor jetzt jemand das Loblied auf die Krise als Chance anstimmt: Der Distanzunterricht ist und bleibt eine Krücke. Er ist kein gleichwertiger Ersatz für den echten Unterricht im Klassenzimmer, er ist eine Zumutung für Familien. Natürlich, die Krise eröffnet den Schulen auch Chancen. Aber in allererster Linie ist sie: eine Krise. Und zwar eine Krise, die zu einer echten Katastrophe zu werden droht.

Der erste Lockdown hat mehr als deutlich gezeigt, wie dringend Jugendliche und vor allem Kinder die Schule brauchen – beileibe nicht nur, wenn sie aus weniger unabhängigen, weniger stabilen, weniger organisierten Familien kommen. Wissen, Persönlichkeitsentwicklung, Spracherwerb, soziale Kompetenz – die Lücken in den Bildungsbiografien von Millionen Kindern sind jetzt schon groß. Und sie werden weiter wachsen, je länger die Schulschließungen dauern. Die gefährliche Versuchung der kommenden Monate und Jahre liegt darin, diese Lücken an den Schulen überdecken zu wollen. Das darf nicht sein.

Die Lehrpläne dürfen gerne schlanker werden

Die Länder haben die Verantwortung, den Schaden an den Schulen ehrlich und ernsthaft zu vermessen und eine Strategie zu entwickeln, wie er sich so weit wie möglich wieder beheben lässt. In diesem Schuljahr niemanden durchfallen lassen – unbedingt. In diesem Schuljahr die Abschlussprüfungen an die erschwerten Bedingungen anpassen – einverstanden. Aber das ist nur Symptombehandlung. Mittel- und langfristig braucht es einen Plan zur Aufarbeitung der Krise – mit individuellen Förderkursen und Wiederholungsprogrammen. Die Lehrpläne dürfen dafür gerne schlanker werden. Wollen die Bundesländer der Entwicklung nicht wieder hinterherrennen, müssen sie diese Aufgabe jetzt angehen. Dass sie ihr gewachsen sind, muss allerdings bezweifelt werden.

Auf die Kultusministerinnen und -minister prasselt seit Monaten Kritik und Häme ein, Rücktrittsforderungen schaffen es bei Twitter in die Hashtag-Hitparade. Das ist nicht immer gerecht. Wenn Schulpolitiker sich dafür einsetzen, zumindest Grundschüler bald wieder in die Klassen zu lassen, dann ist das kein Skandal, sondern ihr Job. Wenn sie sich für offene Schulen einsetzen, darf man ihnen glauben, dass es um Bildung geht – und nicht nur um Kinderverwahrung, damit die Eltern arbeiten können. Oft genug sind die Schulpolitiker willkommene Blitzableiter für ihre Chefs in den Staatskanzleien, wo die großen Fragen tatsächlich entschieden werden: Bleiben die Schulen offen, müssen sie schließen, gehen sie in den Wechselunterricht? Den geballten Ärger kriegen nicht selten allein die Kultusminister ab.

Niemand will, dass Schulen täglich ihren Aggregatszustand ändern müssen

Aber: Natürlich sind die Kultusminister mitverantwortlich für eine Schulpolitik, die viele Familien in die Verzweiflung oder in den Wahnsinn treibt. Der Berliner Senat hat es Anfang Januar geschafft, sich in nur einer Woche zu den Schulschließungen zu bekennen, sie zu unterlaufen und schließlich einen Rückzieher vom Rückzieher zu machen. So stiftet man Chaos, so verliert man Rückhalt. Dass Bundesbildungsministerin Anja Karliczek es gerade für einen guten Moment hält, um die Länderhoheit in der Bildung einmal mehr anzuzählen, muss niemanden wundern. Die Länder liefern ihr Steilvorlagen am laufenden Band.

Wenn die Schulen im Februar oder womöglich noch später wieder öffnen – Grundschulen und Abschlussklassen zuerst -, dann müssen die Länder endlich Verlässlichkeit schaffen. Ja, es stimmt, ein starrer Automatismus, der die Schulen bei Inzidenzwert X zum Wechselmodell oder zum Distanzlernen zwingt, ist nicht praktikabel. Niemand will, dass Schulen täglich ihren Aggregatszustand ändern müssen, weil die Zahlen schwanken. Aber das ist keine Rechtfertigung dafür, sich wie bisher jedem Richtwert für die Schulen zu verweigern und allein auf dem Präsenzunterricht zu beharren. Wozu das führt, war im Dezember zu beobachten, als die Kultusminister mitsamt ihren wachsweichen Plänen von der Entwicklung überrollt wurden.