Lernen im Lockdown : Als Sachsen digitale Schulstunden kaufen musste

Ab Montag geht an sächsischen Schulen nichts mehr. Das Land setzt nun auch auf externe Lernanbieter. Ein Experte spricht von einer „Bankrotterklärung” – und ist trotzdem zufrieden.

Dieser Artikel erschien am 12.12.2020 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
Schüler am Tablet
Schüler am Tablet
©Uli Deck / dpa

Das sächsische Schulsystem gilt als leistungsstark. Bei Vergleichsuntersuchungen zwischen den Bundesländern landen die Schülerinnen und Schüler aus dem Freistaat in der Regel weit vorne. Den Schulen in Bremen haftet dagegen kein so gutes Image an. Dennoch verbindet beide Länder etwas: Sie setzen in großem Umfang auf externe Dienstleister, wenn es um digital gestützte Lernformate geht.

So hatte Sachsen, wo ab kommendem Montag im harten Lockdown auch Schulen und Kitas geschlossen werden, bereits im September 20.000 Lizenzen des Bildungsanbieters sofatutor gekauft. Das Berliner Start-up bietet seit über zehn Jahren Unterrichtsmaterial auf einer Onlineplattform an. Mit den Zugängen können die sächsischen Schülerinnen und Schüler jeweils einen Monat lang auf rund 11.000 Lehrvideos, 43.000 interaktive Übungen und weitere Materialien wie Arbeitsblätter zugreifen.

Rund 5000 dieser Zugänge wurden bereits an Kinder in Quarantäne vergeben, mittlerweile hat das sächsische Kultusministerium weitere 13.000 Lizenzen gekauft. Fünf Euro pro Zugang lässt sich das Land diese Lizenzen kosten. Und ab Januar erhalten Schülerinnen und Schüler mit erhöhtem Hilfebedarf auch Unterstützung über das Netz, sagt Susanne Meerheim vom Dresdner Kultusministerium. Dann werde es Nachhilfe in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch über die von Studierenden ehrenamtlich betriebene Plattform naklar.io geben.

Bremen nutzt die externen Angebote ebenfalls schon seit über zwei Jahren, dort sogar flächendeckend für alle 60.000 Schülerinnen und Schüler – mit guten Erfahrungen, wie eine Sprecherin der Bildungssenatorin auf Anfrage mitteilt. Die Kosten für den Stadtstaat lägen bei schätzungsweise einer Million Euro pro Jahr.

Länder scheitern am Bildungsauftrag

Auch Hessen setzt auf Angebote von Drittanbietern. Die Qualität der Materialien werde jeweils von der hessischen Lehrkräfteakademie geprüft, heißt es aus dem zuständigen Ministerium. Über den Umfang der Nutzung und die damit verbundenen Kosten lägen jedoch keine Angaben vor, so ein Sprecher auf Anfrage.

„Natürlich ist es eigentlich eine Bankrotterklärung für das staatliche Schulsystem, wenn es solche Lizenzen kauft oder Kooperationen mit privaten Nachhilfeanbietern eingehen muss”, sagte Schulforscher Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildung- und Sozialökonomie (Fibs) dem SPIEGEL. Gleichzeitig sieht er die sächsische Entscheidung positiv.

Denn angesichts der Leistungsrückstände von Schülerinnen und Schülern in Deutschland sei es „ein großer Fortschritt, wenn die Politik anerkennt, dass sie den Bildungsauftrag nicht mehr allein wahrnehmen kann”, so Dohmen. Längst sei klar, „dass große Teile der Kinder und Jugendlichen trotz Schule kaum altersgemäß schreiben, rechnen und lesen können”. Allerdings setzten digitale Angebote auch voraus, dass Kinder und Jugendlichen die erforderlichen Geräte und einen Zugang zum Internet haben.

Andere Bundesländer sehen den Einsatz privater Lernanbieter kritisch. Und sie bestreiten, dass die Schulen ihrem Bildungsauftrag nicht mehr nachkommen könnten. So haben etwa Bayern und Nordrhein-Westfalen nach eigenen Angaben keine Aufträge an externe Unternehmen vergeben. Ein Sprecher des NRW-Schulministeriums verwies auf „qualitativ hochwertige Angebote” an Lernmaterial, das vom Land zu Verfügung gestellt werde. Dort gebe es auch Unterrichtsreihen, die für Lehrkräfte und Schulen kostenlos seien.

Pragmatisch durch die Pandemie

Auch Baden-Württemberg verweist auf 200.000 Medien, die den Lehrkräften im Land auf einer eigenen Plattform zur Verfügung gestellt werden: „Filme, Bilder und Grafiken, Animationen, E-Learning-Einheiten, Fachtexte, bearbeitbare Arbeitsblätter und Unterrichtsmodule für Stundenverläufe.” Aus Mitteln des Digitalpakts soll jetzt weiterer Content finanziert werden, um Schulen und Lehrkräfte im Unterricht auf Distanz zu unterstützen.

„Natürlich profitieren wir von den Schwächen des staatlichen Bildungssystems”, sagt sofatutor-Gründer Stephan Bayer. Es sei erstaunlich, wie groß in Deutschland die Bedenken beim Thema Digitalisierung in den Schulen seien. Andererseits aber, sagt Bayer, erlebe er die aktuelle Krise auch als rasanten Wandel in Richtung neuer Lehr- und Lernformen.

Jeden Tag gehe bei ihm „eine hohe zweistellige Anzahl” von Anfragen ein. Schulen erkundigten sich nach Finanzierungsoptionen. Doch wenn der jeweilige Schulträger die Kosten nicht übernehmen wolle, sei das schwierig, sagt Bayer. Dann bleibe nur die Möglichkeit des individuellen Zugangs für einzelne Lehrerinnen und Lehrer, die kostenfrei das sofatutor-Angebot nutzen könnten.

Der Begriff der „Bankrotterklärung” ärgert Stephan Bayer aber doch. Denn auch vor der Digitalisierung hätten private Dienstleister bereits gute Geschäfte mit Lehr- und Lernmaterial gemacht. „Die Schulbuchverlage leben von diesem Geschäftsmodell schon ziemlich lange und ziemlich gut”, so Bayer. Digitales Lernmaterial extern einzukaufen, sei da zumindest vom Grundsatz her keine große Revolution.

Bildungsökonom Dohmen sieht die Debatte entspannt. Es sei doch alles zu begrüßen, sagt er, was dazu beitrage, „dass möglichst alle Schülerinnen und Schüler bestmöglich durch die Schulzeit und jetzt durch die Corona-Pandemie kommen”.