Dieser Artikel erschien am 06.11.2018 in der taz
Autor: Ralf Pauli

Ungleiche Bildungschancen : Abitur? Bloß nicht in Bayern!

Auf sein schwieriges Abitur bildet sich Bayern einiges ein. Es gilt als Qualitätssiegel. Für AbiturientInnen aber ist es vor allem eine Bürde.

Schild auf dem Schulflur "Ruhezone Abitur – Kein Durchgang"
©dpa

Hannah Pazdera muss stöhnen, wenn sie an ihr Abitur denkt. Genauer gesagt, wenn sie an die Mathe-Prüfung erinnert wird, die sie vor sechs Monaten vor­gesetzt bekam. Zwei von 15 möglichen Punkten hat die Münchnerin erzielt, eine glatte Fünf. Die Note ist ihr „ein bisschen peinlich“. Vor allem aber macht sie die Abiturientin wütend.

Denn die vergeigte Mathe-Prüfung ist der Grund, warum sie sich ihr Wunsch­studium erst mal an den Hut stecken kann. Während ihre Freundinnen gerade aufgeregt die ersten Uni­kurse besuchen, wälzt die 18-Jährige Broschüren von Hoch­schulen aus Österreich, Italien, Tschechien und Bulgarien: „Ich habe die Wahl zwischen einem teuren Studium im Ausland oder 14 Warte­semestern in Deutschland“.

Hannah möchte Ärztin werden, ihr Abitur­schnitt aber liegt bei 2,6. Ohne 1 vor dem Komma hat sie keine realistische Chance auf einen der heiß umkämpften Medizin­studien­plätze. Den Einser­schnitt hätte sie in der Tasche, da ist sich Hannah sich sicher, wenn sie nicht ausgerechnet in Bayern zur Schule gegangen wäre. In Nieder­sachsen oder Bremen hätte sie allein schon deshalb besser abgeschnitten, weil sie dort niemand zur Mathe-Prüfung verdonnert hätte, wie es der Freistaat seit Einführung des acht­jährigen Gymnasiums tut.

Bayern ist eines von fünf Bundes­ländern, die sämtlichen GymnasiastInnen eine Mathe­prüfung abverlangen, wie auch Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland. Im Rest der Republik kann man sich vor Mathe drücken, indem man in Deutsch und einer Fremdsprache antritt.

Ein schlechterer Schnitt ist kein Zufall

„Höchst ungerecht“ findet Hannah, die in Mathe noch nie sonderlich begabt war. Ihr Gymnasium, das Mädchen­internat Max-Josefs-Stift in München, biete auch nur einen sprachlichen und einen musischen Zweig an. Aber damit nicht genug, ärgert sich Hannah – obendrein sei die Mathe­prüfung in diesem Jahr besonders schwer gewesen. So empfanden es auch andere AbiturientInnen aus Bayern, mit denen die taz gesprochen hat.

Dass das schwierige bayerische Abitur weder Einbildung noch statistischer Zufall ist, hat Severin Wenzeck nach­gewiesen. Der Student der Humboldt-Universität Berlin hat für seine Master­arbeit 28 Mathe-Abitur­aufgaben aus Berlin und Bayern zwischen 2011 und 2017 unter­sucht und fest­gestellt: Die Berliner Prüfungen sind deutlich einfacher. Weniger Aufgaben, weniger verschiedene Themen­gebiete, kaum Transfer­aufgaben, die über das Gewohnte hinaus­gehen.

Und: In Berlin dürfen die SchülerInnen selber zwischen zwei Aufgaben wählen. In Bayern macht das der Mathe­lehrer vor der Prüfung. Wenzecks Fazit: In Berlin haben es AbiturientInnen deutlich leichter, eine gute Note zu bekommen – und das begünstigt sie bei der Studienwahl.

Zum aktuellen Wintersemester sind rund 40 Prozent aller Studiengänge in Deutschland zulassungs­beschränkt. Heißt: Der Studien­platz wird primär anhand der Abitur­note vergeben – egal, ob man ein bayerisches Abitur hat oder ein mutmaßlich einfacheres in Berlin oder Bremen.

Zwar wählen Hochschulen ihre BewerberInnen zunehmend gezielter aus, fragen die Motivation ab oder testen die fachliche Eignung – das macht aber längst nicht jede Hochschule. Auch weil solche Aufnahme­verfahren in den Kultus­ministerien zum Teil sehr kritisch gesehen werden. Und weil sie juristisch leicht anfechtbar sind, wie die TU München zuletzt schmerzlich erfahren musste.

Aber selbst dort, wo sie genehmigt werden, bleibt die Abitur­note das zentrale Auswahl­kriterium. Ob man in Bremen oder Berchtes­gaden seine Hoch­schul­reife erlangt hat, kann beim Rennen um den Studien­platz also den Aus­schlag geben. Ein Blick auf die durch­schnittlichen Abitur­noten der Länder genügt, um zu sehen, wie realistisch dieser Fall ist.

Thüringen liegt vor Bayern

Zwischen dem besten Abiturdurchschnitt im bundes­weiten Vergleich in Thüringen (2,18) und dem schlechtesten in Nieder­sachsen (2,58) liegt fast eine halbe Note. Ähnlich ungleich sind die Best­noten verteilt: In Thüringen ist es statistisch gesehen besonders einfach, eine Eins abzusahnen. Dieses Jahr hat dort fast jeder Fünfte die Note 1,5 oder besser erzielt.

Seit Jahren schon stellt Thüringen bei Einserschnitten Rekorde auf. Was regelmäßig die Frage aufwirft, wie vergleichbar ein Thüringer und ein bayerisches Abi­tur sind (und zu bislang sehr zögerlichen Schritten geführt hat, gemeinsame Abitur­auf­gaben für alle Bundes­länder einzu­führen). Und zu der Frage, ob es im bayerischen Interesse ist, wenn die eigenen AbiturientInnen wie Hannah Pazdera schlechtere Chancen auf einen Studien­platz haben.

Ein Anruf bei Bernd Sibler. Der Niederbayer hat selbst als Lehrer gearbeitet, bevor er sich entschlossen hat, für die CSU Bildungs­politik zu machen. Sib­ler – Abitur­jahrgang 1990, Schnitt 1,8 – war zweimal Staats­sekretär für Unterricht und Kultus, seit März ist er bayerischer Kultus­minister. Schadet das bayerische Abitur den bayerischen AbiturientInnen mehr, als es ihnen hilft?

„Die Abiturstandards der anderen Länder will ich nicht bewerten“, sagt Sibler in kehligem Nieder­bayrisch. „Wichtig für mich ist allein, dass der Qualitäts­anspruch des bayerischen Abiturs nach wie vor sehr, sehr hoch ist.“ Einen Nach­teil für bayerische AbiturientInnen sehe er darin nicht. „Einen Malus für bayerische Abiturienten gibt es so nicht – wenn man bedenkt, dass wir ein hohes Leistungs­niveau haben und unsere Abiturienten dennoch gute Ergebnisse erzielen.“

In der Tat liegen Bayerns SchülerInnen in deutschland­weiten Bildungs­studien oft ganz vorne, bei den Abitur­schnitten landen sie konstant im oberen Drittel. Allerdings holen die anderen Länder auf. Berlin etwa verbesserte seinen Schnitt innerhalb von zehn Jahren von 2,68 auf 2,39. Kritiker wie der notorisch alarmistische Deutsche Lehrer­verband beklagen seit Jahren eine Inflation guter Noten.

Auch in Bayern hat sich der Abiturschnitt in den letzten Jahren langsam, aber stetig verbessert (siehe Grafik). Die Zahl der Super­besten ist regel­recht in die Höhe geschnellt: Schafften 2011 noch 0,9 Prozent der bayerischen AbiturientInnen eine 1,0, waren es 2018 schon 2,4 Prozent.

Kultusminister Sib­ler erklärt dies mit der Umstellung von G9 auf G8. Seither zählen die schriftlichen Noten im Vergleich zu den mündlichen nicht mehr doppelt. „Da können die Schnitte im Abitur ein bisschen besser werden.“ Auch andere mündliche Leistungen flössen stärker in die Gesamt­note ein. Sibler hat aber noch eine andere Erklärung: Möglicher­weise nähmen junge Menschen heute die Abitur­prüfungen ein bisschen ernster als früher.

Die Bürde wird bleiben

Was nach dem Gespräch mit Kultusminister Sibler klar ist: In Bayern wird es keine Aufweichung der Standards geben – selbst wenn bayerische AbiturientInnen künftig noch stärkere Wett­bewerbs­nach­teile hinnehmen müssen. Eine Haltung, die auch außerhalb Bayerns Bewunderer findet. Student Wenzeck, der die bayerischen Mathe­prüfungen unter die Lupe genommen hat, attestiert dem anspruchs­vollen Freistaat-Abitur „Charme“. Und Sibler glaubt, den „Respekt“ der übrigen Kultus­ministerInnen zu spüren, wenn vom bayerischen Abitur die Rede sei.

Eine, die als Kultusministerin eines anderen Bundeslandes jahrelang mit Siblers Vorgänger Ludwig Spaenle (CSU) zu tun hatte, erzählt im Vertrauen, wie vehement die Bayern auf hohe Standards auch bei den anderen pochten. „Uns war allen klar, wie unterschiedlich die Leistungs­niveaus sind.“ Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass Studierende aus manchen Bundes­ländern benachteiligt sind. Um das zu ändern, müssten die Abitur-Prüfungen jedoch viel stärker angeglichen werden als bisher.

Seit vergangenem Jahr integrieren die Bundesländer teilweise Prüfungen aus einem gemeinsamen Aufgaben­pool in ihre Abitur­prüfungen – ihr Anteil am Gesamt­schnitt ist aber minimal. Echte Vergleich­bar­keit, erinnert sich die Ex-Ministerin, habe niemand gewollt. Das habe schon bei der Bereitschaft angefangen, gemeinsame Termine zu finden.

Die Bürde des bayerischen Abiturs wird also bestehen bleiben. Oder noch schwerer werden, wenn sich die Abitur­schnitte in anderen Ländern auch künftig schneller verbessern als in Bayern.

Fragt man an bayerischen Universitäten, spielt diese Befürchtung keine Rolle. ­Bernhard Goodwin leitet an der Ludwig-Maximilians-Universität München die Geschäfts­stelle des Instituts für Kommunikations­wissen­schaft. Wer hier einen Bachelor anfangen möchte, braucht einen Schnitt von 1,8. Gibt es mehr BewerberInnen als Plätze, wird gelost.

Auch Goodwin weiß, dass es aufgrund der unterschiedlichen Standards zu ungerechten Entscheidungen kommen kann, ein größeres Problem sieht er aber in der sozialen Benachteiligung. „In München sind die Mieten für Studierende unbezahlbar“, sagt er. Wer kein Stipendium bekomme und nicht von seinen Eltern unterstützt werde, gehe in eine andere Stadt. „So gesehen sind BewerberInnen aus München viel stärker bevorzugt.“

Ein Vorteil, den Hannah Pazdera nicht in Anspruch nehmen kann. Wenn alles klappt, studiert sie ab nächstem Jahr in Österreich Medizin. Vorausgesetzt, sie schafft im Aufnahmetest eine Top-Note. Und wenn es partout nichts wird mit dem Medizin-Studium, hat sie ja immerhin noch das bayerische Abitur.

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