Hochschulreife trotz Schulabbruch : Abi im Alleingang

Mit dem Schulunterricht kamen Sharie und Amaal nie zurecht, sie brachen das Gymnasium ab. Jetzt holen sie ihr Abitur mit der „Externenprüfung“ nach.

Dieser Artikel erschien am 17.03.2021 in der taz
Leonie Gubela
Abiturprüfung unter Coronabedingungen
Abiturprüfung unter Coronabedingungen
©dpa

Wenn Sharie und Amaal von ihrem täglichen Lernen sprechen, nutzen sie häufig das Wort „Raum“. Endlich hätten sie den Raum, sich den Stoff selbst einzuteilen und in ihrer jeweiligen Geschwindigkeit zu arbeiten. Es ist ein Raum ohne Fremdbestimmung und Druck von außen. Diese Freiheit haben sie in ihrer Schulzeit vermisst. Damals, als es für die ganze Klasse ein einheitliches Tempo gab und sie nicht das Gefühl hatten, jemand habe die Zeit oder den Willen, sich auf ihre Bedürfnisse einzulassen.

Sharie, 20, und Amaal, 24, bereiten sich derzeit auf das Abitur vor, ganz ohne Unterricht, Mit­schü­le­r*in­nen oder Lehrer*innen. Mit der Externenprüfung nehmen die jungen Frauen ein Angebot wahr, das kaum jemand kennt. Doch für beide bedeutet es einen „Selbstbewusstseinsboost“ und einen ersten Schritt zur Versöhnung mit ihrem bisherigen Bildungsweg.

Die Externenprüfung ermöglicht Menschen in allen Bundesländern, die ihre Schule aus welchen Gründen auch immer vorzeitig verlassen haben, die Allgemeine Hochschulreife nachzuholen. Und zwar nicht auf einem Abendgymnasium oder Kolleg, sondern komplett in Eigenregie. Voraussetzung des „Abiturs für Nichtschüler“ ist, dass man schon etwa ein Jahr vor den Prüfungen an keiner Schule mehr angemeldet war und volljährig ist. Auch den Real- und Hauptschulabschluss kann man auf diesem Weg nachträglich erlangen.

In Nordrhein-Westfalen, wo Sharie und Amaal leben, sind dafür die Bezirksregierungen zuständig. Dort muss man sich im Vorjahr des Abiturs anmelden und bekommt eine Schule zugewiesen, an der die Prüfungen absolviert werden sollen. Während Schü­le­r*in­nen auf einem regulären Gymnasium zwei Jahre lang Punkte sammeln, müssen Sharie und Amaal in NRW mit vier schriftlichen und vier mündlichen Prüfungen doppelt so viele ablegen wie reguläre Abiturient*innen. Dementsprechend mehr zählen die Abiturprüfungen der „Nichtschüler*innen“.

Bundesweit haben 477 Menschen im Jahr 2019 erfolgreich die Externenprüfung absolviert. Fernschulen und Volkshochschulen bieten begleitende Kurse zur Vorbereitung an, nur kosten die Zeit – und viel Geld. Wer sich gegen diese Angebote entscheidet, braucht dafür enorme Eigenständigkeit. Um sich bei der Bezirksregierung für die Prüfung anmelden zu können, müssen die Ab­itu­ri­en­t*in­nen einmalig Studienberichte einreichen, die beweisen sollen, dass sie die richtigen Dinge lernen.

Auf den Internetseiten der Bezirksregierungen lassen sich dafür Infozettel mit einer Handvoll Links herunterladen. Diese führen zu Portalen, auf denen Lehr- und Kompetenzpläne für die Oberstufe gelistet sind, formuliert und konzipiert für Lehrer*innen. Die wissen, wie sie ihrer Schü­le­r*in­nen­schaft im Deutsch-Leistungskurs die abiturrelevante Kompetenz „Rhetorisch ausgestaltete Kommunikation in funktionalen Zusammenhängen“ näherbringen.

Doch für Sharie und Amaal, die eigentlich anders heißt, beginnen Wochen schier endloser Googelei. Denn sie müssen selbst herausfinden, was die einzelnen Kompetenzen bedeuten und welches Material sie studieren müssen, um sie zu erlangen.

Bei der Bezirksregierung Münster kümmert sich Eva Glätzer um das Externenabitur. Bei ihr melden sich jährlich nur um die fünf, sechs Nicht­schü­le­r*in­nen an, von denen nicht alle die Prüfung am Schluss ablegen. Sie hält die Vorbereitung auf das Abitur ohne jegliche Hilfe für „extrem ambitioniert“ und erwähnt den Interessierten gegenüber in einem Beratungsgespräch immer die Option eines begleitenden Kurses.

Zugang sollte niedrigschwelliger sein

Wer sich dagegen entscheidet, bekommt von Glätzer und ihrem Team nach der Anmeldung noch die Möglichkeit, inhaltliche Fragen zu stellen. Außerdem werden in Münster alle Abiturprüfungen von Nicht­schü­le­r*in­nen an derselben Schule absolviert. Die Lehrkräfte dort sind mit dem Externenabitur vertraut und stehen als Rat­ge­be­r*in­nen zur Verfügung.

Weil sie bei ihrer Bezirksregierung nicht die Unterstützung fand, nach der sie suchte, wandte sich Sharie an ihr ehemaliges Gymnasium. Dort bekam sie Bücherlisten, das Material kaufte sie sich selbst. Amaal lieh sich ihre Bücher bis zum neuerlichen Lockdown in Bibliotheken aus. Als diese schließen mussten, blieb ihr keine andere Wahl als Onlineshopping.

„Der Zugang zum Externen­abitur könnte sehr viel niedrigschwelliger sein“, kritisiert Bildungswissenschaftlerin Sabine Siemsen, die an der Uni Marburg zu Digitalisierung an Schulen und interdisziplinären Lernumgebungen forscht. Wie Amaal und Sharie ging auch sie in der Oberstufe von der Schule ab und entschied sich 2007 mit Mitte 30, das Abi als Externe nachzuholen.

Sie besuchte einen Begleitkurs an einer Fernschule. Später merkte sie, dass es auch ohne institutionelle Betreuung geklappt hätte – „vorausgesetzt, die Lernvorgaben wären mir einmal ganz klar und deutlich kommuniziert worden“, so Siemsen. „Ich würde mir wünschen, dass es im Netz frei zugängliche länderspezifische Leitfäden und Bücherlisten gäbe, die man auch ohne Lehramtsstudium verstehen kann.“

Immer das Gefühl, durchs Raster zu fallen

Trotz dieser Beschwerlichkeiten ist die Abiturvorbereitung für Amaal „mega selbststärkend“. „Für mich schließt sich gerade ein Kreis“, sagt sie. Sie brach die Schule ein paar Monate vor dem Abitur ab, wegen familiärer Probleme und weil es einfach nicht mehr ging – ein Grund, warum sie nicht mit ihrem echten Namen auftreten möchte. Ihre ganze Schulzeit lang hatte sie das Gefühl, irgendwie durchs Raster zu fallen.

Als Elfjährige wurde bei ihr eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert. Individuelle Förderung bekam sie nie. „Meiner Meinung nach wird in deutschen Schulen nicht gut genug auf Kinder und Jugendliche geschaut, die sich in schwierigen persönlichen Situationen befinden oder die Lernbehinderungen haben“, sagt die 24-Jährige.

Wegen ihres ADHS konnte sie sich immer schon besonders gut in Dinge hineindenken, die sie interessierten. Dafür fiel es ihr in anderen Fächern schwer, dem Klassentempo zu folgen. Jetzt, wo sie die Zeit, Ruhe und Motivation hat, die sie braucht, merkt Amaal, wie gut es klappt und „dass ich nicht dumm bin, sondern dass mir damals einfach nur nicht der Raum gegeben wurde, den ich brauchte“.

Amaals größter Minuspunkt am Externenabi ist allerdings der Fokus auf den mündlichen Prüfungen. Als Nicht­schü­le­r*in sei man stärker als die regulären Ab­itu­ri­en­t*in­nen abhängig vom Urteil einzelner Lehrer*innen, sagt sie.

Depressionen und Panikattacken

Sharies Schulzeit verlief ähnlich. In der elften Klasse litt sie unter Depressionen und Panikattacken. Zwischenzeitlich verbrachte sie Wochen in einer Klinik, verpasste viel Stoff und entschied sich, zu wiederholen, weil ihr Abitur gut werden sollte. Doch zurück am Anfang der Qualifikationsphase wiederholten sich auch die psychischen Probleme. Sie brach ab und organisierte sich ein Gap Year in Mexiko. Sechs Monate lang passte sie als Au-pair auf Drillinge auf und kam als selbstbewusste junge Erwachsene zurück nach Deutschland.

Ihre ganze Schulzeit lang hat sie frustriert, dass sie in der Masse mitschwimmen musste. „Ich bin früher oft heulend zu meiner Mutter und hab sie gefragt, warum die Schule mir nicht einfach die Aufgaben nach Hause schickt und ich mache das dann in meinem Tempo“, erzählt Sharie. „Ganz ehrlich: Wenn Corona in meine Schulzeit gefallen wäre, hätte ich das super gefunden.“

Die Zwanzigjährige ist Autodidaktin durch und durch, hat sich als Kind selbst Musikinstrumente beigebracht und könnte das Mathe-Abi schon morgen mit Sternchen absolvieren. Dafür fällt ihr das Auswendiglernen in Geschichte schwer. Aber sie hat angefangen, sich mit ihrem Opa über die NS-Zeit zu unterhalten, was den prüfungsrelevanten Stoff anschaulicher macht.

Was individualisiertes Lernen und Heterogenität im Klassenraum angeht, sieht Bildungswissenschaftlerin Siemsen an deutschen Schulen großen Reformbedarf. „Es wird immer noch viel zu wenig ergründet, welche verschiedenen Lerntypen da zusammenkommen“, sagt sie. „Stattdessen wird eine Form über alle gestülpt, die breite Mitte kommt mit und vorne und hinten fallen welche runter.“

Nicht alle Lehrkräfte für Eigenverantwortlichkeit

Zwar gebe es immer mehr Musterschulen, an denen Päd­ago­g*in­nen individuelle Projekte und Lehrpläne konzipieren. Trotzdem erschrecke sie das Mindset mancher angehender Lehrer*innen, die für digitale Formate und eigenverantwortliches Lernen wenig offen seien. „Ich sehe die Gefahr, dass wenn Corona irgendwann vorbei ist, die meisten Schulen so weitermachen wie vorher“, sagt sie.

Die Abiturvorbereitung ohne schulische Begleitung ist ein Vollzeitjob, nebenbei arbeiten geht nicht. Amaal erhält Arbeitslosengeld und kann sich so über Wasser halten. Sharie wird von ihren Eltern unterstützt und bemüht sich derzeit darum, weiter Kindergeld zu bekommen. Denn der Sachbearbeiter bei der Agentur für Arbeit habe sie erst mal mit großen Augen angeschaut, als er sie von der Externenprüfung sprechen hörte. „Der kannte das gar nicht“, sagt sie.

So dankbar sie für die Externenprüfung sind – beide hätten gern schon früher gewusst, dass sie ihr Abitur nachholen können, ohne jemals wieder Teil eines Klassenverbands sein zu müssen. Eva Glätzer findet ebenfalls, dass die Externenprüfung bekannter sein und stärker beworben werden könnte.

Amaal und Sharie wollen nach ihrem bestandenen Abitur studieren, Amaal Pädagogik und Sharie Informatik. Viele lernen erst an der Uni, ob sie gut eigenverantwortlich arbeiten können oder nicht. Amaal und Sharie wissen es bereits.